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Dienstag, 12.06.2018

Der Wort- Akrobat

Von Elisabeth Schlammerl

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© dpa/Christian Charisius

Lisa Müller ist als Dressurreiterin erfolgreich.
Lisa Müller ist als Dressurreiterin erfolgreich.

© picture alliance / Sebastian Kah

Ein besonderes Paar: Thomas Müller und seine Frau Lisa.
Ein besonderes Paar: Thomas Müller und seine Frau Lisa.

© picture alliance / Tobias Hase/d

Fußballkünstler sind selten Wortkünstler, müssen sie ja auch nicht sein. Es reicht in den Augen der Vereine, Verbände und Manager, wenn sie ein paar Standardsätze fehlerfrei in die Mikrofone diktieren können. Dass es die richtigen sind, dafür sorgen schon die Presseabteilungen und Medienberater. Außer, der Spieler heißt Thomas Müller. Das Richtige sagt der 28-Jährige fast immer, aber nicht in abgedroschenen Floskeln und Phrasen. Interviewschulungen sind bei dem Nationalspieler vom FC Bayern so überflüssig wie Haarpflegeprodukte bei seinem Münchner Mitspieler Arjen Robben.

Müller besitzt die Fähigkeit, das, was zu sagen ist, in Sätze zu verpacken, die nicht nur lustig sind, sondern oft ausgestattet mit einem bajuwarischen Tiefsinn, wie ihn einst der so herrlich um die Ecke denkende Komiker Karl Valentin prägte. Die Sammlung mit den besten Müller-Sprüchen am Ende seiner Karriere wird vermutlich einen ziemlich dicken Wälzer ergeben. Der Autor einer vor zwei Jahren veröffentlichten Biografie hat sich auf eine kleine Auswahl beschränkt und doch schon locker zehn Seiten gefüllt. Der Profi selbst findet daran nichts Besonderes – oder er tut so. „Ich kann leider nur Fußballspielen, deswegen sind die Interviews so“, sagte er mal.

Manchmal ist nicht ganz sicher, ob er es nicht als Wortakrobat auch weit gebracht hätte, wenngleich vermutlich nicht zu einem WM-Titel. Aber Müller ist auf jeden Fall der beste Komiker in den Reihen der deutschen Fußballprofis. „Es haben mir schon ein paar Kollegen nahegelegt, in die Entertainment-Branche zu wechseln“, sagt er. Als Pausenclown bezeichnete ihn einmal Mats Hummels, weil Müller nicht nur ständig redet und ihm immer irgendein lustiger Spruch einfällt, sondern er auch kein Problem damit hat, sich zu blamieren. Bei der WM 2014 trat er nach verlorener Wette unter dem Gejohle der Kollegen im Mannschaftsquartier im Dirndl auf.

Aber wehe, wenn der Gute-Laune-Onkel Thomas keine gute Laune hat, wie nach einem verlorenen Spiel, dann kann seine miese Verfassung eine ganze Gruppe runterziehen. Er ist der etwas andere Profi, nicht nur sprachlich und fußballerisch mit seinen dünnen Beinen und einer unorthodoxen Interpretation der Laufwege, sondern in vielerlei Hinsicht. Das fängt schon privat an mit seiner Lisa, die etwas andere Spielerfrau. Während die Gattinnen einiger Kollegen vor allem als Freundin oder Frau eines berühmten Fußball-Profis auftreten, gerne als Beruf Model angeben und in den sozialen Medien vor allem die Vermarktung ihrer optischen Vorzüge vorantreiben, hat sich Lisa Müller von Beginn an nicht als Anhängsel ihres Mannes gesehen.

Die beiden waren 17, als sie sich kennenlernten, knapp drei Jahre später haben sie geheiratet, aber da hatte Lisa Müller schon die Weichen für ihre Karriere gestellt. Sie war schon immer Pferdenärrin und passionierte Reiterin. Nun betreibt sie einen Reiterhof in der Nähe von München, allerdings nicht als Hobby nebenbei, sondern sie investiert viel Zeit und harte Arbeit. Mittlerweile ist sie eine national erfolgreiche Dressurreiterin, die Turniere sind ihr wichtiger, als bei den Spielen ihres Mannes dabei zu sein. So fehlte sie zum Beispiel beim WM-Finale 2014 in Rio de Janeiro, weil an jenem Wochenende die bayerische Meisterschaft im Dressurreiten stattfand. Und ob sie nun nach Russland reisen wird, hängt von ihrem eigenen Turnierplan ab. Ihr Thomas teilt mittlerweile die Liebe zu Pferden, wenngleich er aufs Reiten noch verzichtet, solange er Fußball-Profi ist. Aber Müller ist ein ambitionierter Pferdezüchter. Legendär sind seine Erzählungen über die Videos, in denen er Hengste für die Zucht aussucht. „Man kann dort Hengste bei der Arbeit beobachten“, erzählte er einmal in einer Talkshow des Münchner Autosponsors unter dem Gelächter der Zuschauer.

Die Müllers haben sich nicht in einer der von der Fußballprominenz in München bevorzugten Wohngegenden niedergelassen. Profis des FC Bayern residieren gerne im Nobelvorort Grünwald oder am Tegernsee. Der Oberbayer hat sich dagegen ein Haus im idyllischen, aber so gar nicht distinguierten Otterfing gebaut, ganz in der Nähe des Reiterhofes. Gut, auf ein paar bauliche Ausnahmegenehmigungen hat er dann doch beharrt: Zaun und Mauer dürfen die in der Gemeinde zugelassene Höhe überschreiten. Man hat Verständnis in Otterfing, dass die Müllers sich vor neugierigen Fans schützen wollen.

Im Urlaub zieht es das Ehepaar nur selten in die Ferne. Statt in ein schickes Exklusiv-Resort auf einer tropischen Insel zu jetten, verbringen sie die freien Wochen gerne daheim und kümmern sich um die Pferde und die beiden Hunde. Vor allem auch deshalb, weil im Sommer Lisa bei vielen Turnieren unterwegs ist, im eigenen Truck. Thomas begleitet sie, wenn er frei hat. Die beiden tauschen die Rollen. Lisa ist dann nicht Spielerfrau, sondern Thomas der Mann einer Spitzen-Reiterin. Er kümmert sich um kleine Dinge im Umfeld wie die Verpflegung des Pferdes. „Ich bin der Karottenmanager“, sagt er.

Mit der Gleichberechtigung scheint er jedenfalls kein Problem zu haben. Im gemeinsamen Werbespot für eine italienische Nudelmarke kochen sie zusammen Pasta. Während es nicht unüblich ist bei hoch dotierten Profis, für jeden Handgriff auf die Hilfe von dienstbaren Geistern im Verein oder im Umfeld zurückzugreifen. Legendär ist die Anekdote aus den Neunzigerjahren, als ein Stürmer des FC Bayern zuerst den Wirt seines Stammitalieners anrief, als der Ofen in der Küche Feuer gefangen hatte. Die Müllers kennen vermutlich die Nummer der Feuerwehr und managen auch sonst ihr Leben ganz gut ohne einen ganzen Personalstab um sich.

Dass Müller auch nach fast zehn Profijahren mit unzähligen Titeln so bodenständig ist wie eh und je, ist sicher ein bisschen mit seiner Herkunft zu erklären. Er ist aufgewachsen in Pähl, einer 2 500-Einwohner-Gemeinde im Süden von München, beschaulich gelegen zwischen Ammer- und Starnberger See. Dort wurde noch nie ein großes Aufheben um ihn gemacht. Es gibt keine Hinweise auf den berühmtesten Sohn, erst recht wird sein Name nicht zu Tourismuszwecken vermarktet. Der Umgang mit Müller daheim in Pähl ist nicht anders als früher, als er noch ein kleiner Bub war und vom Weltmeistertitel allenfalls geträumt hat. „Seine Familie würde ihn zusammenstauchen, wenn er abheben würde“, hat sein ehemaliger Jugendtrainer Peter Hackl 2010 angekündigt, als Müller bei seinem WM-Debüt Torschützenkönig wurde. Eine Standpauke war bisher nicht notwendig.

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