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Donnerstag, 30.08.2018

Der Vorsänger vom Kreuzgymnasium

Von Henry Berndt

Mit offenen Augen und Ohren geht Jörg Wetzel über den Schulhof des Kreuzgymnasiums. Die Schüler sind für den neuen Direktor nicht nur Lernende. Foto: Sven Ellger
Mit offenen Augen und Ohren geht Jörg Wetzel über den Schulhof des Kreuzgymnasiums. Die Schüler sind für den neuen Direktor nicht nur Lernende. Foto: Sven Ellger

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Er entschuldigt sich lieber gleich, falls er ein wenig zu pathetisch werden sollte. Doch schon die ersten Schritte in dieses Schulgebäude haben Jörg Wetzel nachhaltig beeindruckt. „Diese ganze Tradition ist hier sofort spürbar“, sagt der 52-Jährige, „genauso aber auch der Fortschritt, allein schon durch das moderne Treppenhaus.“ Genau der richtige Ort für einen kulturvollen Menschen, wie er einer ist.

Hätte ihm vor einem Jahr jemand gesagt, dass er mal Schulleiter des Kreuzgymnasiums werden würde, Jörg Wetzel hätte das wohl mit einem Lächeln abgetan. Zu sehr ging er bislang in seiner Berufung als Deutsch- und Musiklehrer auf, im direkten Kontakt mit den Schülern. 25 Jahre ist der gebürtige Pforzheimer schon im Schuldienst, arbeitete zuletzt an einem Gymnasium in der Nähe von Karlsruhe.

„Durch Zufall bin ich im Internet auf die ausgeschriebene Stelle in Dresden gestoßen“, sagt er. Und auf einmal habe er das Gefühl gehabt, dass es vielleicht doch Zeit für eine neue Herausforderung sein könnte. In seiner Heimat leitete Wetzel mehrere Chöre, zuletzt einen Posaunenchor. Gesang ist für ihn ein wichtiger Lebensinhalt.

Der weltbekannte Kreuzchor in seiner eigenen Schule – das musste ihn reizen. Und so bewarb er sich kurzerhand auf die Nachfolge von Gabriele Füllkrug, die Ende Januar in den Ruhestand ging. Nachdem zunächst ein anderer Kandidat ausgewählt worden war, die Verhandlungen jedoch scheiterten, fiel die Wahl nach der zweiten Ausschreibung auf Wetzel. Anfang August packte er seine Koffer und zog nach Dresden in eine Wohnung unweit der Schule. Zunächst allein. Seine Frau und die drei Kinder bleiben in der alten Heimat, wo eine Tochter nächstes Jahr Abitur machen will. Nicht zuletzt deswegen setzt er sich nun zweimal in der Woche für sechs Stunden in den Zug. „Vielleicht kommen sie irgendwann nach, aber so weit planen wir nicht“, sagt Wetzel, der als Beamter für zehn Jahre vom Land Baden-Württemberg beurlaubt ist. „Es könnte schon sein, dass das hier meine letzte Berufsstation wird.“

Wenn er in diesen Tagen über den Schulhof läuft, erkennen die meisten Schüler den großen, schmalen Mann mit dem offenen Lächeln schon und nicken ihm freundlich zu. Jörg Wetzel grüßt höflich zurück. Er sieht die Schüler nicht nur als Lernende, sondern auch als Mitgestalter. Schon bald möchte er anfangen, sie in wichtige Entscheidungen einzubeziehen. „Fußballturniere und Faschingsfeiern zu organisieren, sind auch wichtige Aufgaben, aber darin sollten sich die Möglichkeiten der Schüler nicht erschöpfen“, betont er. Auch die Belastung seiner Schützlinge im Schulalltag hat er im Blick. „36 Stunden in der Woche sind schon enorm“, sagt er und verspricht, einen Kompromiss zwischen dem Wunsch der Schüler auf mehr Freizeit und dem Aufrechterhalten des schulischen Niveaus anzupeilen.

Vergangene Woche wurde Jörg Wetzel in der Kreuzkirche feierlich in sein Amt eingeführt. Schon einige Wochen zuvor bezog er sein Direktorenzimmer in der Schule – und würde die etwas düsteren Schüler-Radierungen an den Wänden lieber bald gegen etwa Farbenfroheres austauschen.

Einen Chor hat der Tenor in Dresden noch nicht für sich gefunden. Mit dem hauseigenen Kreuzchor hat er als Koordinator nur indirekt zu tun. „Ich will jetzt erst einmal ankommen“, sagt er, „aber singen werde ich ganz gewiss wieder.“

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