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Sonntag, 22.04.2018

Der schwerste Sieg

Hinter dem Kanadier Wade MacLeod liegen zwei Krebsoperationen – und vor ihm die erste Saison bei den Eislöwen.

Von Maik Schwert

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Der neue Eislöwe mit seinen beiden wichtigsten Energiequellen an seinem künftigen Arbeitsplatz: Tochter Ava und Ehefrau Karly geben Wade MacLeod „extrem viel Kraft“, sagt der Angreifer beim Termin in der Kabine.
Der neue Eislöwe mit seinen beiden wichtigsten Energiequellen an seinem künftigen Arbeitsplatz: Tochter Ava und Ehefrau Karly geben Wade MacLeod „extrem viel Kraft“, sagt der Angreifer beim Termin in der Kabine.

© Robert Michael

Die Narbe an seinem Kopf ist nicht zu übersehen. Ansonsten aber hat der Eingriff, bei dem Wade MacLeod ein Gehirntumor entfernt wurde, keine Spuren hinterlassen, vor allem keine seelischen. Er blickt lieber nach vorn als zurück, und trotzdem: Sein Leben hing am seidenen Faden – und das gleich doppelt. Schon die Diagnose 2013 traf ihn wie ein Schlag. „Bei der ersten Operation hat mir der Arzt versprochen, dass er dafür sorgt, dass ich meinem Beruf weiter nachgehen kann“, sagt der Kanadier über diese „sehr schwere Phase“ seines Lebens.

Doch Mitte September 2016 folgte der nächste Schock. Der Krebs war zurückgekehrt. In Vancouver wurde der gutartige Tumor entfernt. „Der Eingriff war kleiner, das Versprechen das gleiche“, sagt er und spricht erneut von einer „sehr schwierigen Zeit, in der mir vor allem meine Ehefrau Karly geholfen hat. Sie ist das Glück meines Lebens.“ Dann folgte die schönste Nachricht: Karly ist schwanger. „Das war ein extremer Motivationsschub für mich.“ Es half ihm genauso, schneller zu genesen, wie der Klub, für den der 30-Jährige damals eigentlich schon Eishockey spielen sollte: die Löwen aus Frankfurt am Main. „Ich habe eine Karte von den Fans und ein Trikot von der Mannschaft bekommen – mit den Unterschriften aller Profis“, sagt er. „Sie haben immer zu mir gehalten. Wir sind ständig in Kontakt geblieben. Das war großartig und alles andere als selbstverständlich.“

Anfang 2017 zeichnete sich ab, dass der Arzt sein Wort gehalten hatte. MacLeod konnte seine Karriere fortsetzen. Er wollte die Hessen in der entscheidenden Phase unterstützen. Daraus wurde allerdings nichts. Der Angreifer verpasste die Wechselfrist um einige Tage. Daher ging er zu den Allen Americans in eine unterklassige Liga, bestritt 24 Spiele, erzielte elf Tore, bereitete zehn Treffer vor und empfahl sich mit dieser Quote eine Saison später noch mal für die Löwen.

Fast auf den Tag genau ein Jahr nach der zweiten Operation brachte seine Frau Tochter Ava auf die Welt – kurz vor dem Saisonauftakt in der Deutschen Eishockey-Liga 2. „Ich habe 27 Stunden nicht geschlafen und beim ersten Spiel gleich getroffen.“ Auch sein Tor verhalf Frankfurt zum 4:3-Erfolg nach Verlängerung gegen Bietigheim. Dass MacLeod nach nur einer Saison vom Main an die Elbe geht, hängt mit einem Wechsel an der Löwen-Spitze zusammen. „Es gab die Option auf ein weiteres Jahr, aber auch unterschiedliche Vorstellungen. In Frankfurt weht jetzt ein anderer Wind. Daher beauftragte ich meinen Agenten, nach Alternativen zu suchen. Er schlug mir sofort Dresden vor. Die Eislöwen waren meine erste Wahl.“

Dort trifft er mit dem neuen Trainer Jochen Molling auf einen alten Bekannten. „Wir hatten schon in Rosenheim miteinander zu tun“, sagt MacLeod. Die Starbulls waren 2015/2016 sein erster Klub in Deutschland und Molling der Assistent von Cheftrainer Franz Steer, der in der abgelaufenen Saison die Eislöwen betreut hatte. „Wenn er bayerisch redete, kapierten die Deutschen nur die Hälfte“, sagt MacLeod. „Wenn er englisch sprach, verstanden die Nordamerikaner nur jedes zweite Wort.“

Deutsch verstehen – und sprechen

Derartige Probleme dürfte es künftig nicht mehr geben. Molling kommt aus Berlin, und MacLeod lernt schon seit einigen Jahren Deutsch. „Fünf bis zehn Prozent verstehe ich im Radio. Mein Ziel über den Sommer sind 30 Prozent. Ich habe den Anspruch, eine Führungsposition einzunehmen. Dann muss ich auch deutsch reden.“

Es ist kein Zufall, dass er in Europa spielt. Sein Vater Scott stand bei Vereinen in Italien, Österreich und der Schweiz unter Vertrag. Außerdem spielte er von 1987 bis 1991 in Landshut, Augsburg, München und Duisburg. Natürlich strebte sein Sohn in die NHL, die beste Eishockey-Liga der Welt. Doch in der Heimat war für ihn in der zweithöchsten Spielklasse Endstation. Daher empfahl der Vater ihm einen Wechsel nach Europa. Der Sohn nahm den Ratschlag an und ist glücklich damit. Die breiteren Spielflächen in Deutschland kommen ihm entgegen. „Ich mag mehr Freiräume. Da kann ich mich besser entfalten.“

Nach seinem Abschied von den Löwen fliegt MacLeod am Montag in die Heimat. „Wir freuen uns auf die gemeinsame Zeit mit unseren Familien und Freunden, die wir so lange nicht gesehen und umso mehr vermisst haben. Unsere Tochter kommt das erste Mal nach Kanada.“ In Vancouver hält er sich fit. „Ich möchte in der bestmöglichen Form im Sommer nach Dresden zurückkehren.“ Molling gibt ihm wie allen Profis individuelle Trainingspläne mit auf den Weg. Er ist sicher: „Wade hilft uns weiter. Er gibt alles und kann Tore schießen.“ Daran haperte es in der Vergangenheit bei den Eislöwen. Noch mehr zählt MacLeods Kampfgeist. Schließlich hat er den Krebs besiegt, und das gleich doppelt. „Wir beschreiten einen neuen Weg“, sagt MacLeod. Er sieht in seinem Wechsel viele Chancen – und keine Gefahren mehr.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. SP

    Wieder einmal: Die Überschrift weckt falsche Erwartungen. War der erste Tumor auch gutartig (benigne)? Dann hatte der Spieler zwei (nicht minder riskante) Tumoroperationen, aber keine Krebs-OP. Glücklicherweise. Krebs ist immer bösartig (maligne).

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