• Einstellungen
Samstag, 10.11.2018

Der König dankt ab

Mit dem Thronverzicht von Friedrich August III. vor 100 Jahren geht das Zeitalter der Monarchie in Sachsen zu Ende.

Von Ralf Hübner

Bild 1 von 2

König Friedrich August III. von Sachsen 1912 im Kreise seiner Kinder.
König Friedrich August III. von Sachsen 1912 im Kreise seiner Kinder.

© Sammlung H. Naumann

Kaisertag in Dresden: Wilhelm II. und König Friedrich August III. (r.) 1905 bei der Fahrt durch die Stadt.
Kaisertag in Dresden: Wilhelm II. und König Friedrich August III. (r.) 1905 bei der Fahrt durch die Stadt.

© Sammlung H. Naumann

Schräge Sprüche haben Sachsens letzten König Friedrich August III. unsterblich gemacht. Das wohl bekannteste Zitat: „Na dann macht eiern Dreck allene.“ Das soll der Monarch geäußert haben, als er vor 100 Jahren am 13. November 1918 auf den Thron verzichten musste. Dass diese Worte damals tatsächlich gefallen sind, ist jedoch nicht verbürgt.

Die Ereignisse hatten sich rund eine Woche zuvor angekündigt. Als sich am 6. November in der Fliegerkaserne Großenhain 3 000 Soldaten einen Soldatenrat wählten, hatten die revolutionären Unruhen, die am 3. November in Kiel ausgebrochen waren, Sachsen erreicht. Bis zum 8. November breiteten sie sich nach Chemnitz. Leipzig und Dresden aus. Auf dem Dresdner Altmarkt versammelte sich an jenem Tag eine größere Menge, unter ihnen viele Soldaten in Uniform. Am Abend formierte sich ein Demonstrationszug, der durch die Schloßstraße über die Augustusbrücke zu den Kasernen im Norden zog. Weitere Soldaten schlossen sich an. Nach Verhandlungen kapitulierte sogar die Stadtkommandantur und übergab die Gewalt einem provisorischen Arbeiter- und Soldatenrat. Das Innenministerium berichtete von „Massen meuternder Soldaten“.

Der König wurde von den Ereignissen völlig überrascht. Noch drei Tage zuvor war er auf Fasanenjagd gewesen, war mit Prinzessin Margarete ausgeritten, hatte Ausfahrten unternommen und im Bärengarten des Residenzschlosses getafelt. Am Abend des 7. November war Margarete ins Theater gegangen, der König hatte sich zum Skat verabredet. Doch als im Laufe des folgenden Tages, in München war die Republik ausgerufen worden, klar wurde, dass die Revolution in Dresden vor der Tür stand, berief der König gegen 17 Uhr eine Krisensitzung ein. Den Vorschlag, die Revolution mit loyalen Truppen niederzuschlagen, lehnte er ab. Er wolle nicht den eben beendeten Krieg auf der Schloßstraße fortsetzen, soll er geäußert haben.

Gegen 22 Uhr trat die königliche Familie die Flucht nach Moritzburg an. Der König fürchtete wohl, wie die Zarenfamilie in Russland misshandelt oder erschossen zu werden. Das Automobil fuhr ohne aufgepflanzte Königsstandarte. Revoltierende Soldaten sollen den König auf der Augustusbrücke dennoch erkannt haben und ließen ihn anstandslos passieren. Von Moritzburg ging es am nächsten Tag weiter nach Schloss Guteborn auf preußischem Gebiet in der Oberlausitz, das den Schönburg-Waldenburgs gehörte. Boten informierten den König über die Entwicklungen in Berlin und Dresden.

Dort hatte sich nach Kundgebungen am 10. November der „Vereinigte revolutionäre Arbeiter- und Soldatenrat“ gebildet und im Zirkus Sarrasani eine Versammlung abgehalten. Vor 6 000  Menschen rief der sächsische Vorsitzende der USPD, einer linken Abspaltung von der Mehrheits-SPD, die „Republik Sachsen“ aus. Ein Trupp Arbeiter und Soldaten zog zum Schloss und hisste auf dem Hausmannsturm eine rote Fahne. Die Revolutionäre vergaßen nicht, sich in das Hofjournal einzutragen. „Am heutigen Tage wurde auf dem bisherigen königlichen Schloss das Banner der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gehisst“, lautete dessen letzter Eintrag.

Der geflüchtete Friedrich August III. glaubte jedoch noch immer, die Krone retten zu können. „Papa leidet unter dem Zustand, sich verstecken zu müssen“, notierte Prinzessin Margarete in ihr Tagebuch. „Aber er will nicht abdanken.“ Am Mittag des 13. November erschien Ministerpräsident Rudolf Heinze in Guteborn und erklärte dem König, dass der Rücktritt unumgänglich sei. Der König habe die Arme auf den Tisch gelegt und darauf den Kopf, wird berichtet. Nach einer ganzen Weile soll er dann eigenhändig den Thronverzicht und die Entpflichtung der Offiziere, Beamten, Lehrer und Geistlichen verfasst haben. Die Herrschaft der Wettiner war nach 829 Jahren zu Ende.

Am 14. November fuhren Friedrich August und die engsten Familienmitglieder im Auto nach Sibyllenort bei Breslau weiter, wo die Familie einen Wohnsitz hatte und über Grundbesitz verfügte. Aus Angst vor Revolutionären wurden die Hauptstraßen gemieden. Fast 13 Stunden dauerte so die Reise. Doch schon bald setzte der Ex-König das gewohnte Leben fort. Am 16. November wurde nach dem Abendessen wieder Skat gespielt. Und am 18. November ging er mit zwei Gästen das erste Mal seit der Abdankung auf Fasanenjagd.

Friedrich August III. (1865–1932) hatte Sachsen von 1904 an regiert. In der Zeit wurden die Infrastruktur in Sachsen ausgebaut und in den Städten viele öffentliche Gebäude errichtet. Zögerlich hatte er das Wahlsystem für den Landtag reformiert. Für Aufsehen sorgte Ende 1902 die Flucht der Ehefrau, Luise von Österreich-Toskana, in die Schweiz.

In Sibyllenort führte Friedrich August III. das zurückgezogene Leben eines Privatiers. Er empfing Besucher wie ehemalige Minister, Offiziere, Angehörige des sächsischen Adels sowie Breslauer Professoren. Anlässlich des 60. Geburtstags machten ihm 1925 alle ehemaligen sächsischen Stände ihre Aufwartung, 1928 besuchte ihn Reichspräsident Paul von Hindenburg. Er unternahm Reisen auf die Kanarischen Inseln, nach Südbrasilien und nach Ceylon. Als er 1932 starb, säumten bei der Überführung in die Hofkirche in Dresden zeitweise bis zu einer halben Million Zaungäste den Straßenrand. Zwei Menschen kamen in dem Gedränge ums Leben.

Desktopversion des Artikels