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Donnerstag, 09.08.2018

Der Herr der Störche

Jürgen Biller ist der neue Weißstorch-Betreuer des Altkreises Meißen. Im Herbst geht die Arbeit erst richtig los.

Von Jürgen Müller

Fliesenlegermeister und Hobby-Ornithologe: Jürgen Biller aus Niedermuschütz ist Storchenbetreuer für den Altkreis Meißen.
Fliesenlegermeister und Hobby-Ornithologe: Jürgen Biller aus Niedermuschütz ist Storchenbetreuer für den Altkreis Meißen.

© Claudia Hübschmann

Diera-Zehren. Wohnen, wo andere Urlaub machen. Jürgen Biller genießt dieses Privileg. Auf seinem Grundstück in Niedermuschütz kommt in der Tat Urlaubsgefühl auf. Und das liegt nicht nur am Wetter mit strahlendem Sonnenschein und an der Felslandschaft gleich hinter dem Haus. Große Palmen zieren den Garten. Der Oleander steht in voller Blüte, Oliven- und Feigenbäume tragen Früchte, im Teich schwimmen Goldfische.

Jürgen Biller hat zudem einen ungewöhnlichen Aus- und Anblick. Keine 100 Meter von seinem Grundstück entfernt, befindet sich ein 22 Meter hoher Schornstein mit einem Storchenhorst. Seit 1992, seit Jürgen Biller hier wohnt, beobachtet er das Treiben. „Wenn die Störche ankommen, ist das jedes Jahr wieder ein Erlebnis“, sagt der selbstständige Fliesenlegermeister. Jahrelang hat er seine Beobachtrungen dem Weißstorch-Betreuer des Altkreises Meißen Bernd Katzer mitgeteilt.

Jetzt kann er diese Mitteilung quasi an sich selbst machen. Seit diesem Jahr und nach Katzers gesundheitsbedingtem Ausscheiden ist Jürgen Biller nun der Weißstorch-Betreuer. „Das ist ein schöner Ausgleich zu meinem Beruf. Man geht mit ganz anderen Augen durch die Welt, wenn man so etwas macht“, sagt er. Der Hobby-Ornithologe hat viel zu erzählen. Beispielsweise, dass es in Niedermuschütz auf dem Horst fast immer Jungstörche gab, in diesem Jahr allerdings nicht.

Der Grund sind „Eifersüchteleien“ auf dem Horst. Das Storchenpaar - zwei beringte Störche - hatte sich im Vorjahr getrennt. In diesem Jahr war die Störchin eher da, ließ sich von einem anderen Storch begatten. Die drei Eier wurden aus dem Nest geworfen. Eines hat die Nilgans auf dem Gewissen, die anderen der „Ex“. So bleibt das Nest in Niedermuschütz in diesem Jahr leer, jedenfalls was Jungstörche betrifft.

Der „Ex“ hat inzwischen eine Neue in Niederlommatzsch, mit der er in diesem Jahr drei Junge aufgezogen hat. Trotzdem kommt er jeden Tag nach Niedermuschütz. „Doch die Störchin lässt ihn nicht ran“, sagt Jürgen Biller und lacht. Er beobachtet nicht nur, er greift auch ein, wenn es sein muss. So vor einigen Jahren, als ein junger, noch nicht flugfähiger Storch aus dem Nest gefallen war. Biller brachte ihn zunächst in die Wildvogel-Auffangstation nach Dresden-Kaditz. Dort wurde der Storch aufgepäppelt, kam dann in den Zoo Görlitz, wo er beringt wurde. Mit Fernglas und Spektiv kann der Storchenbetreuer die Schrift auf den Ringen genau erkennen, so zum Teil die Flugrouten verfolgen. Einmal konnte er den Zwischenstopp eines Storches in Jordanien nachvollziehen. Er gehört zu den „Ostziehern“, die von dort aus nach Afrika weiterziehen. Die „Westzieher“ hingegen bleiben wegen der höheren Temperaturen auch im Winter jetzt meist schon in Südspanien hängen.

Dank moderner Technik kann der Zug der Störche heute exakt nachverfolgt werden, wenn sie mit einem entsprechenden Sender ausgestattet sind. Störche aus dem Kreis Meißen haben allerdings solche Sender nicht. „Das ist eine Frage des Geldes“, sagt Jürgen Biller. Andere hingegen schon, und deren Route kann jeder mit der entsprechenden App auf dem Handy verfolgen. Biller holt sein Gerät heraus, zeigt die Route eines Storches aus Brandenburg bis nach Kenia.

Mit einer Kamera ausgestattet ist allerdings das Nest in Niedermuschütz. So kann man live das Treiben auf dem Horst beobachten. Besser gesagt, man konnte. Denn der Monitor stand im Eiscafé. Dort konnte jeder, der das wollte, die Störche auf dem Monitor beobachten. Doch seit zwei Jahren ist das Café zu. Jürgen Biller allerdings hat in seinem Haus einen Anschluss, hat deshalb jederzeit den Einblick. In diesem Jahr freilich ist aus den genannten Gründen nicht viel zu sehen.

Im September, wenn die Störche weggeflogen sind, geht für ihn und die anderen Storchen-Beobachter die Arbeit erst richtig los. Denn dann werden die Horste aufgeräumt. Mithilfe der Feuerwehr oder der Hebebühne eines Baubetriebes klettert der Niedermuschützer auf den Schornstein.

Unterhalb des Horstes in Niedermuschütz ist eine Tafel platziert, auf der alle seit 1992 geborenen Jungstörche aufgeführt sind. Die Zahlen variieren zwischen drei und null wie in diesem Jahr. In Lommatzsch, Niederlommatzsch und Meißen- Zaschendorf wurden in diesem Jahr allerdings jeweils drei Jungstörche aufgezogen, in Nossen einer, weiß der Weißstorch-Betreuer. Trotz der Niedermuschützer „Nullnummer“ also ein gutes Storchenjahr, bilanziert der Betreuer.