• Einstellungen
Dienstag, 13.03.2018

„Der Bus ist nicht gerammt worden“

Dresdner Eheleute waren an Bord des Todesbusses aus Löbau. Wie die Staatsanwaltschaft widersprechen sie dem Vorwurf schlampiger Ermittlungen.

Von Markus van Appeldorn

Bild 1 von 3

Der ausgebrannte Reisebus der Löbauer Firma Reimann am 3. Juli 2017 in Münchberg (Bayern) auf der Autobahn A9. Der Reisebus geriet nach einem Zusammenstoß mit einem Lastwagen in Brand. 17 Fahrgäste und der Busfahrer kamen ums Leben.
Der ausgebrannte Reisebus der Löbauer Firma Reimann am 3. Juli 2017 in Münchberg (Bayern) auf der Autobahn A 9. Der Reisebus geriet nach einem Zusammenstoß mit einem Lastwagen in Brand. 17 Fahrgäste und der Busfahrer kamen ums Leben.

© Nicolas Armer / dpa

Das Ehepaar Manina und Uwe Dageför wurde gerettet.
Das Ehepaar Manina und Uwe Dageför wurde gerettet.

© Roger Grabowski/SN

Minister Roland Wöller (CDU) ehrt Lebensretter Tino Rudolph.
Minister Roland Wöller (CDU) ehrt Lebensretter Tino Rudolph.

© SMI/Pascal Ziem

Löbau. Gut acht Monate nach der Brandkatastrophe mit 18 Toten in einem Bus der Löbauer Firma Reimann auf der A 9 bei Münchberg in Bayern sprechen nun erstmals überlebende Fahrgäste öffentlich. Das Ehepaar Manina und Uwe Dageför aus Dresden saß an jenem 3. Juli 2017 in dem Todesbus. Sie waren gegen fünf Uhr morgens am Dresdner Hauptbahnhof zugestiegen und freuten sich auf die Kulturreise nach Verona. Die Rentner wollen dem Busfahrer, der ihr Leben rettete und der Firma Reimann danken. „Wir sind auf ewig dankbar und werden ihm das nie vergessen“, sagen die beiden. Außerdem widersprechen sie aber auch dem Löbauer Oberbürgermeister Dietmar Buchholz (parteilos), der in der jüngsten Sitzung des Löbauer Stadtrates eine neue Version des Unfallhergangs präsentiert hatte.

Manina und Uwe Dageför hatten den Bericht darüber in der SZ gelesen und sich daraufhin bei der Redaktion gemeldet. Oberbürgermeister Buchholz hatte der für die Unfallermittlungen zuständigen Staatsanwaltschaft in Hof schlampige Ermittlungen vorgeworfen. Die Behörde habe den ums Leben gekommenen Busfahrer zu Unrecht vorschnell als Alleinverantwortlichen für den Unfall ausgemacht und die Ermittlungen eingestellt, sagte er. Nun seien aber Bilder vom Unfallort aufgetaucht, auf denen eine abgerissene Gepäckklappe und ein auf der Fahrbahn liegender roter Koffer zu sehen sei. Das lässt laut Buchholz nur den Schluss zu, dass ein überholender Lkw den Bus erst gerammt habe und es erst in Folge dessen zu dem fatalen Auffahrunfall gekommen sei. Buchholz will den getöteten Fahrer deshalb rehabilitiert sehen.

„Es gab an der Fahrbahnseite des Busses keine Touchierung und der Bus ist nicht von einem Lkw weggedrückt worden“, sagt Uwe Dageför. Er schildert der SZ, wie er den Unfall ganz bewusst erlebte: „Ich saß auf einem Gangplatz auf Höhe der hinteren Tür und schaute über den Gang nach vorne“, erzählt er von den schicksalhaften Sekunden. „Ich sah wie die Lkw-Kolonne vor uns immer näher kam und dachte: Oh Gott, will der Fahrer nicht mal langsam bremsen?“ Einen Augenblick später sei der Bus auch bereits aufgefahren. „Und in der Sekunde sind beim Fahrer vorne auch schon die Flammen hochgeschossen.“ Manina Dageför wurde bei dem Aufprall mit dem Kopf gegen den Vordersitz geschleudert und erlitt eine stark blutende Platzwunde, Uwe Dageför verletzte sich bei dem Aufprall leicht an den Unterschenkeln.

„Ich habe zu meiner Frau gesagt: ,Wir müssen raus hier! Schnell!‘. Und auf der Treppe zur hinteren Tür haben sich bereits Mitreisende gestaut“, erzählt Uwe Dageför. „Jemand hat versucht, die Tür von innen zu öffnen, aber das gelang nicht.“ Sekunden später habe der Beifahrer des Busses die Tür von außen geöffnet. Bei der Flucht aus dem Bus wurde Uwe Dageför schon von einer Hitzewelle des Feuers erfasst und verbrannte sich leicht im Gesicht. Von einer Böschung am Rand der Autobahn mussten das Ehepaar und die anderen Geretteten dann mitanschauen, wie der Bus innerhalb kürzester Zeit total ausbrannte. „Als die Retter kamen, haben die immer wieder durchgezählt“, sagt Uwe Dageför, „da war uns schon klar, dass viele Menschen es nicht aus dem Bus geschafft hatten.“ Die Dageförs wollen der Firma Reimann danken, dass überhaupt ein zweiter Fahrer an Bord war. Ohne den hätte es viel mehr Tote bei dem Unfall gegeben.

Auch die Staatsanwaltschaft in Hof widerspricht dem Vorwurf von Oberbürgermeister Buchholz. „An Spekulationen kann sich die Staatsanwaltschaft nicht beteiligen“, sagt Oberstaatsanwalt Dr. Andreas Cantzler und weiter: „Ich kann nicht bestätigen, dass auf Bildern in der Ermittlungsakte ein roter Koffer zu sehen ist.“ Die Ermittlungsergebnisse würden auf den Gutachten zweier Unfallsachverständiger beruhen sowie auf den Vernehmungen aller Überlebenden aus dem Bus. „Außerdem wurden unbeteiligte dritte vernommen, die sich unmittelbar hinter dem Fahrzeug befanden“, sagt Oberstaatsanwalt Cantzler. Für eine Kollision vor dem Auffahrunfall habe die Ermittlung keinerlei Ansatzpunkte geliefert. Der überlebende Busfahrer habe zum Unfallhergang nichts aussagen können, weil er auf dem Beifahrersitz geschlafen habe. Die nun von Oberbürgermeister Buchholz kolportierte Version des Unfallhergangs „ist auch nicht von irgendwelchen Beteiligten an uns herangetragen worden“, so Oberstaatsanwalt Cantzler.

Indes ist es Busunternehmer Hartmut Reimann selbst, der neue Ermittlungen zur Reinwaschung seines getöteten Fahrers anstoßen möchte. Er hat eine Rechtsanwaltskanzlei in München mit der Sache beauftragt. „Ich will erreichen, dass der Unfall ordentlich aufgeklärt wird, weil ich nicht glaube, was die Staatsanwaltschaft ermittelt hat“, sagt er gegenüber der SZ. Das fragliche Bildmaterial, das auch Oberbürgermeister Buchholz erwähnte, sei ihm von dritter Seite zugespielt worden.

Desktopversion des Artikels