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Freitag, 15.06.2018

Der Boss meldet sich

Von Oliver Mucha

Jerome Boateng meistert inzwischen sogar die Medienauftritte lässig. Auf dem Platz ist der Verteidiger im DFB-Team beinahe unverzichtbar – und zum Glück auch rechtzeitig fit.
Jerome Boateng meistert inzwischen sogar die Medienauftritte lässig. Auf dem Platz ist der Verteidiger im DFB-Team beinahe unverzichtbar – und zum Glück auch rechtzeitig fit.

© dpa/Ina Fassbender

Jerome Boateng lehnte sich entspannt zurück, verschränkte lässig die Arme vor dem Körper und sendete dann eine Botschaft Richtung München. „Ich weiß nicht, wozu die Aussagen getätigt wurden“, sagte der Weltmeister im deutschen WM-Quartier in Watutinki leicht pikiert, und er fügte mit Nachdruck an: „Ich konzentriere mich auf die Weltmeisterschaft. Alles andere ist kein Thema für mich.“

Dabei war deutlich zu spüren, dass Boateng die Aussagen von Karl-Heinz Rummenigge überhaupt nicht gefallen haben. Wenn ein Verein komme und Boateng kundtue, dass er zu diesem wechseln möchte, werde man sich damit befassen, hatte der Vorstandsvorsitzende des deutschen Meisters am Mittwoch über einen möglichen Abschied des 29-Jährigen trotz eines bis 2021 laufenden Vertrages gesagt.

Der recht genervte Boateng hatte zuletzt zwar mit einem Wechsel ins Ausland kokettiert. Doch vor dem deutschen WM-Auftaktspiel am Sonntag, 17 Uhr, kommt das Thema zur Unzeit. Der gerade von einer Muskelverletzung im Adduktorenbereich genesene Innenverteidiger kämpft um seine Rückkehr in die Startelf. Störende Nebengeräusche will er vor seiner dritten WM-Teilnahme ausblenden.

Größere Freude bereitete ihm daher die Frage nach seinem körperlichen Zustand. Er fühle sich gut. Es werde „von Tag zu Tag besser“, berichtete Boateng nach einer intensiven Trainingseinheit am Donnerstagvormittag. Mit Blick auf das Mexiko-Spiel sei er daher „positiv“ gestimmt.

„Boss“ Boateng scheint also bereit für die historische Mission Titelverteidigung. Joachim Löw ist entsprechend erleichtert. „Ein guter Jerome Boateng ist extrem wichtig. Er ist ein Pfeiler, ein Leader in unserer Mannschaft“, sagte der Bundestrainer, der dem Münchner attestierte, „unglaublich hart an seiner Fitness gearbeitet“ zu haben und „sehr, sehr präsent“ zu sein.

Löw weiß, wie wichtig Boateng bei der Jagd nach dem fünften Stern ist. Beim WM-Triumph in Brasilien spielte Boateng nicht nur ein überragendes Finale gegen Argentinien mit Lionel Messi, er verlieh der deutschen Defensive über das gesamte Turnier viel Stabilität. Nur vier Gegentore in sieben Spielen waren die Basis für den Erfolg. Nach zuletzt schwächeren Abwehrleistungen soll gegen Mexiko wieder die Null stehen. „Freundschaftsspiele sind etwas anderes als WM-Spiele. Es ist ganz wichtig, gerade das erste Spiel zu gewinnen. Darauf liegt unser Fokus“, meinte Boateng – und versprach: „Wir werden hochmotiviert reingehen.“ Deshalb nimmt er die Mannschaft in die Pflicht. „Wir müssen eine gute Balance finden. Wenn wir angreifen, müssen wir eine gute Ordnung haben und Konter sofort ersticken.“

Drei Tage vor dem WM-Auftakt hat Löw seine 23 Spieler nochmals mit einem intensiven Training körperlich gefordert. „Wir brauchen die Gier, das Feuer. Da gehört es dazu, dass es im Training auch mal knallt und auf dem Spielfeld um jeden Zentimeter gekämpft wird“, sagte Boateng über die letzten Einheiten vor dem Start in Moskau – dort, wo vor neun Jahren seine Karriere in der DFB-Auswahl begonnen hat. Daran denkt er mit gemischten Gefühlen zurück. Beim 1:0-Erfolg in der WM-Qualifikation im Luschniki-Stadion flog er als Rechtsverteidiger mit Gelb-Rot vom Platz. „Das war nicht so schön“, sagte Boateng: „Es war aber ein besonderes Erlebnis und wir haben uns für die WM qualifiziert.“

Inzwischen gehört Boateng mit 71 Länderspielen zu den Erfahrensten im DFB-Team und längst unverzichtbar als Innenverteidiger, Wortführer und Antreiber. (sid)

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