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Donnerstag, 12.07.2018

Der Bäcker gegenüber

Ivonne Simon und Jacqueline Ernst verkaufen beide Backwaren, auf derselben Straße. Aber in verschiedenen Bäckereien.

Von Susanne Sodan

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Ivonne Simon arbeitet in der Bäckerei Simon in der Bismarckstraße ...
Ivonne Simon arbeitet in der Bäckerei Simon in der Bismarckstraße ...

© nikolaischmidt.de

... während Jacqueline Ernst in der Bäckerei Geißler beschäftigt ist. Fotos: Nikolai Schmidt
... während Jacqueline Ernst in der Bäckerei Geißler beschäftigt ist. Fotos: Nikolai Schmidt

© nikolaischmidt.de

Ein großer Freund von Umleitungen ist Ivonne Simon zwar nicht, wie wohl die meisten Menschen. Einen Vorteil haben die vielen Baustellen in Görlitz für sie aber gerade: Fast direkt vor ihrer Tür ist jetzt eine Bushaltestelle. „Die kann gerne noch ein bisschen dort bleiben“, sagt sie mit einem Schmunzeln. „Es sind dadurch jedenfalls mehr Leute auf der Straße.“ Und mehr Leute auf der Straße bedeuten auch mehr Laufkundschaft. Es geht um die Bismarckstraße und Ivonne Simon arbeitet in der gleichnamigen Bäckerei Simon. Das Geschäft hat eine ungewöhnliche Lage. Nicht etwa wegen der Bismarckstraße selbst. Sondern weil fast direkt gegenüber ein zweiter Bäcker eine Filiale hat, die Bäckerei Geißler. Zwei Bäcker auf einer Straße, in unmittelbarer Nähe, kann das gut gehen?

Während auf der einen Seite Ivonne Simon die Kunden bedient, macht Jacqueline Ernst genau dasselbe auf der gegenüberliegenden Seite bei Geißlers. Sie arbeitet an der Bismarckstraße, seitdem die Filiale dort geöffnet hat, seit rund fünf Jahren. Sie sagt, es funktioniert. Zum einen seien viele Kunden inzwischen Stammkunden, zum anderen sei die Lage zwischen der Altstadt und der Innenstadt mit City-Center und Berliner Straße günstig genug für zwei. „Es kommt Laufkundschaft vorbei, auch Touristen“, erzählt Jacqueline Ernst.

Quasi die älteren Rechte auf der Bismarckstraße hat eigentlich die Bäckerei Simon. Das Haus Bismarckstraße 30 hat in den 1880er Jahren ein Bäckermeister gebaut und seither besteht die Tradition durchgängig. Seit 1968 führt die Bäckerei Simon sie fort, Ivonne Simons Schwiegervater hatte das Unternehmen gegründet, das dieses Jahr sein 50-jähriges Jubiläum feiert. Schon immer ist die Backstube im hinteren Teil des Hauses. Dass direkt gegenüber ein anderer Bäcker ist, ist für Simons nicht neu. Früher hatte Sternenbäck dort eine Filiale. Vor fünf Jahren schloss sie.

„Der Eigentümer des Gebäudes hat damals wieder nach einer Bäckerei als Mieter gesucht“, erzählt Anett Geißler, die Chefin von Jacqueline Ernst und ihren Kolleginnen in der Bismarckstraße 3. Ihren Sitz hat die Bäckerei Geißler in Ostritz. „Wir wurden damals vom Hauseigentümer angesprochen, ob wir Interesse hätten.“ Geißlers sagten zu. „Es wäre auf jeden Fall wieder ein Bäcker eingezogen in das Geschäft.“ Anett Geißler und ihr Mann fanden den Standort auf der Bismarckstraße grundsätzlich nicht schlecht. Die Konkurrenzsituation sieht sie mit ruhigem Blick. „Jeder Kunde hat seine Vorlieben bei den Waren.“

Vom Sehen her kennen sich die Verkäuferinnen beider Straßenseiten. „Manchmal sieht man sich im Blumengeschäft nebenan“, erzählt Ivonne Simon. Übers Angebot der Bäckereien tausche man sich aber keinesfalls aus, auch nicht über besondere Aktionen, „da macht jeder seins“. Und trotzdem, die Besonderheiten des jeweils anderen Bäckers kennen die Frauen, schon allein durch die Kunden. Klar, erzählt Ivonne Simon, komme es vor, dass jemand bei ihr Brot kauft und danach die Straßenseite wechselt, um ein anderes Produkt bei der Bäckerei Geißler zu holen. Und dort kennt Jacqueline Ernst genau dieselbe Situation. „Ich weiß von manchen Stammkunden, dass zum Beispiel die Ehefrau gerne zu uns kommt und der Ehemann für bestimmte Produkte lieber rüber zu Simons geht. Oder andersrum.“ Bei Geißlers in der Bismarckstraße-Filiale geht zum Beispiel der Kuchen sehr gut, auch das Mischbrot. Bei Simons dagegen ist das kross gebackene Brot eine Besonderheit. Auf Wunsch wird es im Ofen zweifach gebacken. „Das mögen viele bei uns“, erzählt Ivonne Simon.

Rund 50 Prozent der Kunden bei ihr sind Stammkunden, schätzt sie. Ein anderer Punkt, der bei Simons wirtschaften hilft: Die Bäckerei ist ein reiner Familienbetrieb. „Wir haben zum Beispiel keine Transportkosten für die Waren.“ Gebacken wird ja direkt im eigenen Hause. „Solange es so funktioniert, machen wir weiter.“ Beschönigen könne man die Situation aber auch nicht. Für die Bäcker sei Görlitz insgesamt kein einfaches Pflaster, erzählt Ivonne Simon. Auf dem Obermarkt ist ein Bäcker, um die Ecke herum im City-Center der nächste, auf dem Postplatz, dem Demianiplatz, der Steinstraße. Als die Bismarckstraße gesperrt war, weil Anfang dieses Jahres das Dach eines Nachbarhauses einsturzgefährdet war und gesichert werden musste, sei das durchaus an der Kundenzahl spürbar gewesen. „Dass jetzt die Bushaltestelle hier ist, ist ein Ausgleich“, sagt Ivonne Simon. Zwei Bäcker in unmittelbarer Nachbarschaft, solch eine Situation findet man auch auf der Langenstraße in Görlitz. Dort liegen zwei Bäckereien sogar direkt Tür an Tür.

Ein schlechtes Wort spricht dennoch keiner über den anderen. In dem Punkt sind sich beide Bismarckstraßenseiten einig: Handwerker müssen zusammenhalten. „Wenn wir noch gegeneinander arbeiten, ist die Gefahr noch größer, dass das Handwerk ausstirbt gegenüber der Großindustrie“, sagt Anett Geißler. Die Bäckerei Geißler ist größer aufgestellt, hat elf Filialen. „Handwerk gibt es bei uns trotzdem“, sagt Anett Geißler.

Dass das bleibt, ist ihr wichtig. In den vergangenen Jahren sei auch das Bewusstsein der Kunden für das Handwerk stärker geworden, nicht nur in Bezug auf die Bäcker. „Man merkt schon, dass die Menschen hier öfter bewusst einkaufen, um die Region zu stärken.“ Sie hofft, dass sich das so weiter entwickelt. „Wenn die Leute mal hier und mal dort einkaufen, ist uns allen geholfen.“

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