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Samstag, 15.09.2018 Dresdner Geschichte

Das verwandelte Schauspielhaus

Nach dem Krieg hatte der Zuschauerraum des Theaters für viele Jahrzehnte ein völlig anderes Aussehen.

Von Ralf Hübner

Der Zuschauerraum des Staatsschauspiels wurde nach dem Krieg modern wiederaufgebaut.
Der Zuschauerraum des Staatsschauspiels wurde nach dem Krieg modern wiederaufgebaut.

© Archiv/HL Böhme

Kronleuchter, Stuck, Vergoldungen: Im Zuschauersaal des Schauspielhauses der Dresdner Staatstheater wird mit Pracht nicht gespart. Schon fast vergessen ist, dass dieser Raum für eine Zwischenzeit von mehr als vier Jahrzehnten ein gänzlich anderes Erscheinungsbild hatte. Nach einer Aufführung von Goethes „Iphigenie auf Tauris“ hatte sich Ende August 1944 der Vorhang wegen des Krieges geschlossen und sich erst vor 70 Jahren am 22. September 1948 mit der Oper „Fidelio“ von Ludwig van Beethoven in dem wieder aufgebauten Haus wieder geöffnet. Die Dresdner kamen alten Berichten zufolge in Scharen und waren begeistert.

Künstler und ehemalige Mitarbeiter hatten schon im Mai 1945 begonnen, den Schutt an der Ruine des Schauspielhauses zu beräumen. Dabei bargen sie unter anderem rund 300 000 Ziegel, 114 000 Dachziegel und 20 Tonnen Profileisen. Schnell stand fest, dass sich Schauspiel, Oper und Ballett das wieder aufgebaute Haus würden teilen müssen. Schon am 1. März 1946 konnte Richtfest gefeiert werden.

Das Gebäude war von 1911 bis 1913 von William Lossow und seinem Schwiegersohn Max Hans Kühne im Stilmix aus Jugendstil und Neobarock erbaut worden. Zuvor waren die Künstler in der Semperoper und im Alberttheater am Albertplatz aufgetreten. 1898 hatten sie die Oper verlassen, doch das Haus in der Neustadt erwies sich als abgenutzt. Ein 1909 gegründeter Theaterverein brachte einen Großteil der Bausumme von etwa 2,76 Millionen Mark für das neue Schauspielhaus auf.

Das neue Theater gegenüber dem Zwinger war eingezwängt zwischen dem Haus der Kaufmannschaft und dem Palasthotel Weber und wurde deswegen zeitweise auch als „Reihenhaustheater“ bespöttelt. Wegen der knappen Mittel wurde kaum Sandstein eingesetzt, auf eine Kupfereindeckung fürs Dach wurde verzichtet. Die Ränge waren nicht mehr wie bei klassischen Hoftheatern in Hufeisenform angeordnet, sondern leicht glockenförmig geschwungen. Der Zuschauerraum war üppig in Grau, Gelb, Weiß und Gold gehalten.

Zu den Besonderheiten gehörte die hochmoderne Bühnentechnik mit einem großen, hydraulisch betriebenen Hebewerk und einer Versenk-Schiebe-Bühne. Nur Budapest hatte eine vergleichbare Maschine. Die Technik steht heute unter Denkmalschutz. Zur Eröffnung des „Neuen Königlichen Schauspielhauses“am 13. September 1913 fanden im Parkett und auf den drei Rängen 1 312 Zuschauer Platz.

Verantwortlich für den Wiederaufbau nach dem Krieg waren der Baurat Emil Leibold und der Architekt Bruno Höppner als Bauleiter. Der Innenraum erhielt eine völlig veränderte Gestalt im Stil der Moderne, schlicht, elegant und beschwingt. An den drei Rängen des Baus wurde zwar festgehalten, doch statt der repräsentativen Ausschmückung dominierte ruhiges, unaufgeregtes Design in Eierschalenweiß mit dezenten Goldtönen etwa an den Messingstangen der Rangbrüstungen. Die Decke wurde höher gelegt und steiler geformt. Das veränderte die Akustik. Der längere Nachhall war gut für Orchester und Oper, weniger gut für das Sprechtheater. Statt eines Kronleuchters gab es quadratischem Lichtfelder mit Neonröhren. Das Bühnenportal wurde verbreitert, der Orchestergraben vergrößert.

So zeigte sich der Zuschauersaal bis Anfang der 1990er-Jahre. Während einer längeren Spielzeitpause sollte eigentlich nur die Heizung von Heißdampf auf Warmwasser umgestellt und eine Klimaanlage eingebaut werden. Dabei entdeckten die Bauleute statische Mängel sowie Reste von Asbest, auch der Brandschutz war nicht auf dem aktuellem Stand. So wurde daraus eine große Umbauaktion, denn auch der große Orchestergraben wurde nicht mehr gebraucht, seit die musikalische Sparte 1985 in die wiedereröffnete Semperoper umgezogen war. Obwohl inzwischen auch die Nachkrieggestaltung als schützenswert galt, schätzten Experten die Fassung von 1913 als kunsthistorisch wertvoller ein. So wurde zwischen 1995 und 1996 für 75 Millionen D-Mark, das sind etwa 37,5 Millionen Euro, das Innere mit glanzvollem Kronenleuchter und üppiger Deckendekoration originalgetreu wiederhergestellt.

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