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Donnerstag, 08.11.2018

Das Risiko bleibt

Immer wieder behindern umgekippte Bäume den Bahnverkehr in der Region. Ist Kahlschlag die Lösung?

Von Maik Brückner

Immer wieder passiert es, dass die Müglitztalbahn gegen umgefallene Bäume fährt. Zuletzt kam es am 24. Oktober zwischen Altenberg und Geising zu so einer Kollision. Nach zwei Stunden Zwangsstopp konnte der leicht beschädigte Zug weiterfahren. Am selben Tag landete auch ein Baum bei Stolpen auf den Gleisen.
Immer wieder passiert es, dass die Müglitztalbahn gegen umgefallene Bäume fährt. Zuletzt kam es am 24. Oktober zwischen Altenberg und Geising zu so einer Kollision. Nach zwei Stunden Zwangsstopp konnte der leicht beschädigte Zug weiterfahren. Am selben Tag landete auch ein Baum bei Stolpen auf den Gleisen.

© Egbert Kamprath

Neustadt/ Stolpen. Torsten Sewerin hat Angst um seine Kunden und um seine Mitarbeiter. In den letzten vier Jahren sind 50 Triebwagen der Städtebahn Sachsen gegen Bäume geprallt. Die Folgen: Züge verspäteten sich oder fielen ganz aus, Kunden mussten auf Busse und Taxen umsteigen.

Auch auf der Bahnstrecke der Städtebahn zwischen Pirna und Neustadt blockierten kürzlich Bäume den Zugverkehr. Ende Oktober prallte ein Zug in Stolpen gegen einen umgefallenen Baum. Am Morgen darauf gab es auf der gleichen Strecke erneut einen Unfall. Zeitgleich blockierte zwischen Heidenau und Altenberg ein Baum die Müglitztalbahn. Zwei der betroffenen Züge müssten nun langfristig repariert werden.

Um weitere Kollisionen zu verhindern, sieht der Chef der Städtebahn nur einen Ausweg: Die Verantwortlichen der Deutsche-Bahn-Tochter DB Netz AG müssen ihren Pflichten konsequenter nachkommen. Das heißt, rechts und links der Bahntrassen muss noch mehr gefällt werden, um das Risiko zu minimieren. Passiere das nicht, „werden wir in weiteren zwei Jahren den hundertsten Zusammenstoß kundtun“, prophezeit Sewerin.

Rückendeckung bekommt die Städtebahn Sachsen vom Eisenbahnbundesamt. Diese Behörde hat die Eisenbahnaufsicht in Deutschland inne. Nach den Beschwerden der Städtebahn hat sich das Eisenbahnbundesamt die Strecken genauer angeschaut, auf denen das Unternehmen unterwegs ist. Vereinzelt habe man Stellen entdeckt, an denen ein Rückschnitt erforderlich ist. „Das Eisenbahnbundesamt hat die DB Netz AG aufgefordert, an den entsprechenden Stellen für Abhilfe zu sorgen“, sagt Behördensprecher Moritz Huckebrink. Offenbar ist das bereits geschehen. Denn bei der Deutschen Bahn AG sieht man derzeit zumindest auf der Müglitztalbahn-Trasse keinen Handlungsbedarf. Nach einer Inspektion Anfang des Jahres wurde kurz danach und im Sommer alle Bäume beseitigt, die zu Gefahr werden könnten.

Problem erkannt

Der Baum, der bei Geising mitsamt seines Wurzeltellers umgestürzt war, sei absolut gesund gewesen, erklärt Jörg Bönisch, Sprecher der Deutschen Bahn AG. Zu diesem Schluss seien der Notfallmanager und die Mitarbeiter der Fahrbahn-Instandhaltung gekommen. „Es ist davon auszugehen, dass eine relativ dünne obere Bodenschicht durch den vorangegangenen Regen durchweicht wurde, während das darunter liegende Erdreich noch von der niederschlagsfreien Zeit ausgedörrt war“, so Böhnisch. Durch den starken Wind habe die flache Wurzel den Halt verloren. Das sei nicht vorhersehbar gewesen.

Ähnlich sieht man es beim Forstbezirk Bärenfels. „Ab einer gewissen Windgeschwindigkeit halten auch gesunde Bäume der Kraft der Sturmböen nicht stand und brechen oder stürzen mitsamt des Wurzeltellers“, sagt Sprecherin Kristina Funke. Am besagten Tag sei nicht nur an der Bahntrasse ein Baum umgefallen. Auch im sächsischen Staatswald sind wieder etliche Bäume abgekippt, so Funke.

Dem Wunsch der Städtebahn, noch mehr Bäume zu fällen, wird die DB Netz AG nicht nachkommen. „Eine vorsorgliche Beseitigung aller Bäume, die beim Umsturz das Gleis treffen könnten, ist aus rechtlichen Gründen nicht umsetzbar“, erklärt Böhnisch. Das sieht man auch beim Forstbezirk so. Einen totalen Kahlschlag von 50 Metern entlang der Bahnlinie könne niemand wollen, sagt Funke.

Erst mittel- und langfristig bahnt sich eine Lösung an. Denn bei der Deutschen Bahn hat man erkannt, dass sich etwas ändern muss. Denn nicht nur rund um Dresden bereiten Bäume entlang der Trassen Schwierigkeiten. Ähnliche Probleme gibt es auch im restlichen Bundesgebiet.

Klimawandel zwingt zum Umdenken

„Der Klimawandel mit zunehmenden Extremwetterlagen zwingt uns, die Vegetationspflege anzupassen“, sagt Böhnisch. Und das tue man auch. Ab sofort werden die Wälder auch über die bisher geltende Sechs-Meter-Rückschnittszone beidseitig der Gleise durchforstet. Bäume und weitere Pflanzen, die durch Standort, Zustand oder Form eine mögliche Störungsquelle darstellen könnten, werden beseitigt. Außerdem möchte die DB Netz AG die Waldränder sturmresistent umgestalten. Dabei sollen sturmanfällige Baumarten und -formen entfernt und stabile, standortgerechte Bäume und Sträucher unterstützt werden. Durch diese Maßnahmen sollen die Waldränder sturmsicherer werden. „Das ist ein Prozess, der sich nur langfristig und in Partnerschaft mit den Anliegern der Bahnstrecken umsetzen lässt“, sagt Böhnisch. Mit schnellen Ergebnissen sei nicht zu rechnen. Eine nachhaltige Wirkung entfalte sich erst nach einer gewissen Zeitspanne. Letztlich sei die DB bei allen Maßnahmen auch auf die Unterstützung und die Mitarbeit von Waldbesitzern, Behörden und Verbänden angewiesen.

Kurzfristig wird die Städtebahn Sachsen damit leben müssen, dass Bäume, die als gesund eingestuft worden sind, bei Stürmen auf die Gleise fallen. „Während und direkt nach Sturmereignissen muss die Städtebahn grundsätzlich mit Behinderungen durch umgestürzte Bäume auf der Strecke rechnen“, sagt Funke. Die Triebwagen sollten deshalb ihre Geschwindigkeit entsprechend stark drosseln, rät sie.

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