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Mittwoch, 14.03.2018

Das große Niesen

Die Zahl der Grippefälle im Landkreis steigt rasant. In Kliniken herrscht Notstand – und in den Kitas fehlt das Personal.

Besser im Bett bleiben heißt es in diesen Tagen für viele Menschen in der Region. Fast 2300 Grippefälle melden die Behörden im Landkreis Bautzen, allein in der vergangenen Woche kamen knapp 600 hinzu.
Besser im Bett bleiben heißt es in diesen Tagen für viele Menschen in der Region. Fast 2 300 Grippefälle melden die Behörden im Landkreis Bautzen, allein in der vergangenen Woche kamen knapp 600 hinzu.

© Archivfoto: dpa/Maurizio Gambarini

Bautzen. Husten, Fieber, Gliederschmerzen – die Grippewelle hat den Landkreis Bautzen weiter fest im Griff. Allein in der vergangenen Woche gab es in der Region fast 600 neue bestätigte Fälle. Damit hat die Influenza diesen Winter in der Region bereits 2 282 Menschen erwischt. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Dunkelziffer, so sagen Experten, liegt noch weitaus höher.

Im Landratsamt haben die Verantwortlichen vom Gesundheitsamt bereits in den beiden Vorwochen ähnliche hohe Zuwächse verzeichnet. Seit Anfang Februar ist die Anzahl der Erkrankten geradezu steil nach oben geschnellt. Im vergangenen Jahr verzeichneten die Behörden vergleichsweise moderate Zuwächse von 100 bis 150 Fällen in der Woche. Auch insgesamt lag die Anzahl der bestätigten Grippeerkrankungen im Vorjahreszeitraum noch niedriger.

Beim Robert-Koch-Institut in Berlin laufen Zahlen zur Grippesaison aus der gesamten Republik ein. Die Fachleute haben die Situation stetig im Blick, haben beinah flächendeckend in Deutschland eine stark erhöhte Krankenrate ausgemacht – auch im Kreis Bautzen. In Sachsen, so sagt Institutssprecherin Susanne Glasmacher, haben in den vergangenen Wochen bis zu dreieinhalb mal mehr Menschen als außerhalb der Grippesaison eine Arztpraxis aufgesucht. „Das sind mehr als in den beiden Vorjahren“, erklärt die Sprecherin.

Situation ist angespannt

Die Grippewelle lässt sich aber nicht nur in Zahlen ablesen – sondern stellt auch öffentliche Verwaltungen und Krankenhäuser in der Region vor große Herausforderungen. Bereits Anfang des Monats hatten die Verantwortlichen der Oberlausitz-Kliniken Alarm geschlagen, weil alle Betten belegt und viele Mitarbeiter erkrankt sind.

Wie sich eine Infektion mit Grippe vermeiden lässt

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Die Ansteckung erfolgt vor allem über Tröpfchen, die den Virus enthalten. Die werden vor allem beim Husten und Niesen von Erkrankten herausgeschleudert und gelangen dann bei kurzen Entfernungen auf die Schleimhäute der Atemwege von anderen Personen. Eine Übertragung der Viren ist aber auch über Hände und Oberflächen möglich, wenn dort Sekrete mit den Viren anhaften. Wird die Hand dann in Richtung Mund oder Nase geführt, gelangen die Erreger auch so auf die Schleimhäute der Atemwege.

Um eine Ansteckung zu vermeiden empfehlen Experten, von erkrankten Menschen, die typische Symptome für eine Atemwegserkrankung zeigen, grundsätzlich Abstand zu halten. Das Robert-Koch-Institut rät beispielsweise Großeltern dazu, einen Besuch bei erkrankten Enkeln besser zu vermeiden. Regelmäßiges und gründliches Händewaschen kann das Risiko ebenfalls verringern – denn oft lauern die Erreger auch dort, wo zuvor Erkrankte angefasst haben. Der Klassiker sind beispielsweise Türklinken. Nach einer Ansteckung dauert es zumeist zwei Tage, bis sich typische Symptome wie Husten, Muskelschmerzen und Fieber zeigen.

Eine Impfung ist kein hundertprozentiger Schutz vor einer Grippe – nach aktuellen Untersuchungen wirkt sie nur bei jedem zweiten. Dennoch wird sie gerade älteren oder chronisch kranken Menschen sowie Schwangeren empfohlen. Gerade bei dieser Risikogruppe könnte eine Impfung sogar jetzt noch nützlich sein, sagt Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut. Das müsse im Einzelfall aber der Arzt entscheiden.

Wer an der Grippe erkrankt ist, sollte in der akuten Phase der Erkrankung zu Hause bleiben. Wichtig ist die persönliche Hygiene, insbesondere häufiges Händewaschen. Erkrankte sollten in Einwegtaschentücher oder den Ärmel husten oder niesen – nicht in die Hand. Regelmäßiges Lüften ist wichtig. Frische Luft hilft dem Immunsystem und verringert die Zahl der Erreger enthaltenden feinsten Tröpfchen in der Luft. Sollten die Beschwerden nicht nachlassen oder sich verschlimmern, ist es ratsam, erneut einen Arzt aufzusuchen.

Die Situation in den beiden Standorten in Bautzen und Bischofswerda, sagt Klinik-Chef Reiner E. Rogowski, sei weiterhin angespannt. Die Betten im Bautzener Krankenhaus sind aktuell mit 85 Prozent ausgelastet, in Bischofswerda mit 72 Prozent. Indes gelten 80 Prozent als Maximum, was eine Klinik leisten könne, sagt der Geschäftsführer. Dahinter steckt allerdings nicht allein die Grippewelle, gerade an den frostig-kalten Tagen seien auch viele Patienten mit Kreislaufproblemen, Schlaganfällen oder Herzinfarkten eingeliefert worden.

Und auch beim Personal hat die Grippewelle die ohnehin angespannte Situation nur noch verstärkt. Von den 600 Beschäftigten in der Pflege und medizinischen Betreuung fehlen aktuell 79 Mitarbeiter – quasi fast jeder siebente. Die, die noch da sind, fahren Sonderschichten, müssen auf ihren Freizeitausgleich verzichten. Inzwischen hat die Klinikleitung in Bautzen sogar eine Station geschlossen, um den Betrieb auf den anderen weiterhin gewährleisten zu können. Länger geplante Operationen bei Patienten mussten sogar schon verschoben werden. Bei akuten Fällen seien beide Kliniken aber weiterhin handlungsfähig, versichert Reiner E. Rogowski.

Mehr Test auf Grippeinfektion

Doch auch in den Rathäusern bereitet der hohe Krankenstand mancherorts inzwischen Kopfzerbrechen. Weil Mitarbeiter fehlten, hatten beispielsweise die Verwaltungen in Bautzen und Wilthen in den vergangenen Wochen die Öffnungszeiten der Standesämter eingekürzt. In Bautzen sind es derzeit aber vor allem die Erzieherinnen in den Kitas, die vermehrt ausfallen, sagt Stadtsprecher André Wucht. Die Betreuung in den kommunalen Einrichtungen stehe derzeit aber nicht auf der Kippe.

Wie stark die Grippewelle dieses Jahr tatsächlich ist, wollen die Fachleute am Robert-Koch-Institut noch nicht abschließend bewerten. Dass die Zahlen im Kreis Bautzen – anders als im Vorjahr – in den vergangenen Wochen so drastisch angestiegen sind, sei nicht ungewöhnlich, so Susanne Glasmacher. Die Zunahme der in Laboren bestätigten Grippefälle könne zudem daran liegen, dass derzeit einfach mehr entsprechende Tests gemacht werden.

Vermutungen, wonach der Grippeimpfstoff dieses Jahr nicht richtig gewirkt hätte, weist Susanne Glasmacher zurück. Nur jeder zehnte Deutsche sei überhaupt geimpft. Die Impfungen sind zwar ein Schutz für die Betroffenen – können so ein Ausbreiten der Viren aber nicht verhindern. Zu der Frage, wie lange die Grippewelle noch anhalten wird, wagt Susanne Glasmacher keine Prognose. Zwar lasse die Grippeaktivität bundesweit im Moment gerade wieder nach. Doch wie es sich weiter entwickle, müsse abgewartet werden.