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Dienstag, 11.09.2018

Das größte Manöver seit 1981

Russland hat die Militärübung „Wostok 2018“ mit 300 000 Soldaten begonnen. Mit dabei ist ein schwieriger Nachbar.

Von Klaus-Helge Donath, SZ-Korrespondent in Moskau

Das vom Pressedienst des russischen Verteidigungsministeriums am 11. September 2018 verbreitete Foto zeigt russische Panzer, die bei der Übung Wostok in der Region Tschita unterwegs sind.
Das vom Pressedienst des russischen Verteidigungsministeriums am 11. September 2018 verbreitete Foto zeigt russische Panzer, die bei der Übung Wostok in der Region Tschita unterwegs sind.

© Uncredited/Defense Ministry Press Service/dpa

Moskau. Sergej Schoigu ist kein Mann vieler Worte. Die Dimension der Übung hatte aber auch den russischen Verteidigungsminister ergriffen: „Stellen Sie sich vor, 36 000 Einheiten Militärtechnik sind zur gleichen Zeit in Bewegung!“, schwärmte er.

„Wostok 2018“ wird in Russland mit der größten Militärübung der Sowjetzeit verglichen. „Sapad-81“ (Westen-81) hieß diese damals. An dem Manöver nahmen 1981 rund 150 000 Soldaten aus den Staaten des Warschauer Paktes teil. Die Daten des laufenden Manövers lassen den früheren Einsatz eher bescheiden aussehen. Noch etwas ist neu. An den Übungen nehmen auch Soldaten aus China teil. 3 200 chinesische Militärs kommen mit Flugzeugen, Hubschraubern und Panzern zum Einsatz.

Kooperation auf militärischer Ebene hatte es zwischen Russland und China in den letzten Jahren häufiger gegeben. Seit 2003 hielten beide rund 30 gemeinsame Übungen ab. Sollten die Chinesen nun auch Zugang zu Geheimnissen strategischer Planungen erhalten? Das lockere Zweckbündnis hätte dann an Bedeutung gewonnen. Bislang waren Einblicke in strategische Verteidigungsfragen Russlands nur engen Verbündeten wie Weißrussland vorbehalten.

Der Kreml buhlt schon seit Längerem um Zuwendung des chinesischen Staatschefs Xi Jinping. Inzwischen liefert Moskau sogar Hightech-Rüstungsgüter nach China. Noch vor kurzem wäre dies undenkbar gewesen, weil russische Rüstungsfirmen chinesische Nachahmer fürchteten.

Vorbehalte gegenüber dem Nachbarn sind mit der außenpolitischen Isolation rasant abgebaut worden. „Russland sieht in China keine militärische Bedrohung mehr“, sagt der Sinologe Alexander Gabujew vom russischen Carnegie Institut.

Die Lage ließe sich jedoch auch noch anders deuten. Der politische und wirtschaftliche Druck, der mittlerweile auf Russland lastet, sucht sich in China ein Ventil. Wladimir Putin und ein engerer Kreis von Mitstreitern verfolgen dieses Ziel. Der weitaus größere Kreis der Elite sieht solche Avancen skeptisch. Es überwiegt die Furcht, geopolitisch zum Juniorpartner degradiert zu werden. Langfristig könnte ein aggressives China für Russland zu einer größeren Herausforderung werden. Zurzeit verschließt der Kreml davor die Augen: Er will sich für stürmische Zeiten zu Hause wappnen. In Moskau zählt daher Taktik, in China der längere Atem.

Gleichwohl rücken beide Staaten enger zusammen. Zeitgleich mit den sibirischen Manövern weilt Staatschef Xi Jinping auf dem Wirtschaftsforum in Wladiwostok. Peking sendet an US-Präsident Trump das Signal, dass das Reich der Mitte noch über andere Optionen verfügt.

Für den Kreml ist die militärische Dimension alles entscheidend. Das unterstrich auch die Begeisterung des Verteidigungsministers über die eingesetzte Militärtechnik im Manöver.

Der russische Militärexperte Alexander Golts hält die offiziellen Manöverangaben für „Wostok 2018“ für übertrieben. Er glaubt, dass maximal 40 000 Soldaten im Einsatz seien. Auch die Zahl von insgesamt 36 000 Panzern, Panzerwagen und anderen Fahrzeugen dürfte überhöht sein. Der zentrale und östliche Wehrkreis verfügt nach Einschätzung von Golts nicht über so viele Rüstungsgüter. Wären sie aus dem europäischen Teil herangeschafft worden, hätte das die Nachschublinien wochenlang verstopft.