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Freitag, 12.10.2018

Das Geschäft mit der dreckigen Wäsche

Aus seinen Waschsalons kann Michael Baumann Geschichten erzählen: über vergessene Socken und Dutzende Einbrüche.

Von Katalin Valeš

Michael Baumann in seinem Waschsalon auf der Louisenstraße. Mehr als 2000 vergessene Socken hängen von der Decke.
Michael Baumann in seinem Waschsalon auf der Louisenstraße. Mehr als 2 000 vergessene Socken hängen von der Decke.

© Sven Ellger

Nur einen Waschgang lang mit dem Mann zu reden, der den Waschsalon Crazy in der Neustadt betreibt, würde nicht reichen. Die Maschinen auf der Louisenstraße sind schon nach 40 Minuten fertig. Doch Michael Baumann, 48 Jahre alt, hat viel zu erzählen.

Wer einen Blick durch Ihr Schaufenster wirft, muss unweigerlich schmunzeln.

2 500 Socken, die an der Decke hängen, sieht man ja auch nicht alle Tage. Die wurden alle hier vergessen, jeden Tag wurden es mehr. Ich fand das so lustig, dass ich die Socken aufgehängt habe – natürlich frisch gewaschen. Irgendwann hat mir mal jemand erzählt, dass mein Laden auch in einem Reiseführer steht, und manchmal machen hier auch Stadtführungen halt.

Warum verschwindet eigentlich immer nur eine Socke?

Das Mysterium, warum das zu Hause so ist, können wir hier nicht auflösen. Aber bei mir im Waschsalon ist es so, dass die Socken oft am Rand im Trommelinneren festkleben. Die Leute übersehen sie einfach.

Was wird noch so vergessen?

Es kam schon vor, dass ganze Waschladungen vergessen wurden. Einmal eine ganze Maschine voller Kuscheltiere. Aber das ist eher die Ausnahme. Normal sind Kulis, Schrauben, Inbusschlüssel oder Münzen. Aber auch Pullover. Im Gegensatz zu den Socken werden größere Kleidungsstücke aber öfter abgeholt.

Was machen Sie mit der vergessenen Wäsche?

Aufheben. Einmal kam eine Frau nach zwei Wochen, um ihre Wäsche abzuholen. Sie musste schnell nach München, hat sie gesagt. Aber irgendwann enden die Sachen als Putzlappen. Ich habe auch mal Kleidung gespendet.

Was sind die kuriosesten Sachen, die hier gewaschen werden?

Kurios? Ach, mich überrascht nichts mehr. Die Leute kommen mit allem Möglichen: Zelte, Bettwäsche, Federbetten, Couchüberzüge. Einmal kam jemand mit so einem riesigen Plüschhund. Die Leute haben ja zu Hause nicht so große Maschinen.

Wie sind Sie eigentlich Waschsalon-Inhaber geworden?

Darauf gekommen ist ein Freund von mir. Als meine damalige Freundin schwanger war, musste ich mir was einfallen lassen, wie regelmäßig Geld reinkommt. Es gab kaum Konkurrenz in Dresden. Es war nicht ganz einfach, einen Kredit zu bekommen. 100 000 D-Mark musste ich damals investieren. Aber bei einer Bank hat’s geklappt. Und dann ging es los. 18 Jahre ist das jetzt her, und der Salon läuft immer noch.

Was haben Sie vorher gemacht?

Ursprünglich hatte ich mal Straßenbauer gelernt, aber nur, weil ich musste. Das war ja damals so in der DDR. Wir waren zu spät dran und eines Tages saßen zwei Herren vom Rat des Stadtbezirkes Dresden bei uns und sagten, dass ich was lernen muss. Nach der Lehre kam die Wende. Ich war zwei Jahre arbeitslos, genoss das Leben. Dann habe ich einen Fahrradladen aufgemacht und später einen Plattenladen. Außerdem habe ich mich immer schon gerne weitergebildet, Englisch gelernt oder Betriebswirtschaft.

Und vom Geschäft mit der schmutzigen Wäsche kann man leben?

Es geht. Mit einem Salon vielleicht nicht, aber wenn man mehrere hat, dann schon. Mittlerweile habe ich vier in Dresden und einen in Halle. In Leipzig eröffne ich demnächst einen neuen.

Erstaunlich, laut Statistischem Bundesamt hatten 96 Prozent der Deutschen im Jahr 2017 eine Waschmaschine.

Ja, aber die Leute kommen trotzdem. Das Hauptargument ist für viele der Zeitfaktor. Die Maschinen und Trockner hier sind natürlich viel schneller als zu Hause und man kann parallel mehrere Maschinen waschen. Viele kommen aber auch wegen der großen Waschmaschinen – zum Beispiel für ihr Bettzeug.

Was sind das für Menschen, die zu Ihnen in den Salon kommen?

Die Kundschaft ist aus allen Schichten: vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Professor, Singles und Studenten genauso wie Familien mit Kindern. Es kommen Restaurantbesitzer, Rentner oder Leute aus dem Ausland, die hier in der Gastronomie oder auf dem Bau arbeiten.

Haben sich die Kunden im Laufe der Zeit verändert?

Nein, kann ich eigentlich nicht sagen. Aber einen neuen Trend gibt es. Früher hatte ich im Sommer immer einen Umsatzknick. Neuerdings kommen viele Familien direkt nach dem Urlaub hierher, packen die Wäsche in mehrere Maschinen gleichzeitig, danach ab damit in die großen Trockner und fertig. Das geht ja hier schnell. Die Sachen werden zusammengelegt und kommen zu Hause nur noch in den Schrank. Die Wäscheberge zu Hause zu waschen, würde bei manchen wohl Tage dauern.

Was macht Ihre Kundschaft, während sie auf ihre Wäsche wartet?

Viele gehen einkaufen, zur Bank oder zur Post, machen halt ihre Erledigungen und dann ist ihre Wäsche auch schon fertig. Andere lesen oder unterhalten sich.

Auch Sie schätzen das Gespräch.

Ja, dafür nehme ich mir gern die Zeit, aber nur, wenn die Leute es möchten, aufdrängen würde ich mich nie. Ich interessiere mich sehr für Philosophie oder die großen Universalgelehrten und darüber tausche ich mich auch gerne aus. Manchmal besuche ich Vorlesungen in der Universität, einfach so, um Zusammenhänge besser zu verstehen. Das ist mir wichtig. Einen Titel brauche ich nicht. Ich schreibe selbst Verse. Jemand hat mal zu mir gesagt, ich soll die veröffentlichen. Mal sehen. Vielleicht veranstalte ich mal eine Lesung oder so was.

Was halten Sie von Kulturveranstaltungen im Waschsalon?

Finde ich super. Einmal hatten wir eine erotische Lesung. Auch eine Modenschau gab es schon, da war richtig was los. Ich könnte mir noch viel mehr vorstellen, aber die Zeit fehlt mir. Wenn jemand eine gute Idee hat, würde ich den Salon auch kostenfrei zur Verfügung stellen. Darf dann halt nur nichts kaputtgehen.

Und dann gibt es da noch das Problem mit den Einbrechern.

Ja, das raubt mir den letzten Nerv. Diese Geschichten haben mich schon mehrere Tausend Euro gekostet. Oft ist es Beschaffungskriminalität, also Drogensüchtige, meist Deutsche. Die kennen keine Hemmungen und kommen auch tagsüber. Es gab bestimmt 70 Einbrüche in den letzten sieben Jahren. Allein zum Jahreswechsel hatte ich riesige Probleme mit einer Serie: 30 Einbrüche in drei Monaten. Inzwischen wurde der Typ geschnappt. Aber können Sie sich das vorstellen? Es ist ja nicht nur der Umsatz, der dann fehlt. Zeit und Geld kostet auch die ganze Rennerei zur Polizei oder zum Baumarkt, um die Sachbeschädigungen zu reparieren. Zerstört sind Dinge schnell, aber etwas aufzubauen, dauert.

Zweimal haben Sie selbst sogar schon Einbrecher gestellt. Danach gab es einen großen Medienrummel um Sie.

Ja, genau. Einmal habe ich den Laden einfach zugeschlossen, als ich gemerkt habe, dass sich jemand am Kassenautomaten zu schaffen macht. Ein anderes Mal gab es eine richtig wilde Verfolgungsjagd durch die Neustadt. Aber ich bin körperlich fit und habe ihn gekriegt. Danach gab’s Blitzlichtgewitter und Interviews mit allen möglichen Zeitungen. Die ganze Aufregung habe ich nicht so ganz verstanden. Die Polizei hat mir sogar als Dankeschön eine Einladung zum Pokalspiel Dynamo Dresden gegen Borussia Dortmund überreicht. Aber das hätte doch jeder gemacht, oder?

Das Gespräch führte Katalin Valeš.

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