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Dienstag, 13.02.2018 Kommentar

Das Gedenken ist frei

So komplex die Bombardierung Dresdens am 13. Februar war, so vielschichtig sind die Formen des Gedenkens. Warum es nicht die eine, richtige Form dafür gibt und auch nicht geben kann – ein Kommentar von SZ-Redakteur Oliver Reinhard.

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SZ-Redakteur Oliver Reinhard.
SZ-Redakteur Oliver Reinhard.

© Robert Michael

Dresdens großflächige Zerstörung vor 73 Jahren war ein furchtbares und zugleich unerhört komplexes Ereignis. Daher ist es durchaus angemessen, wenn auch das Gedenken daran ein sehr vielschichtiges Phänomen ist. Nicht nur die Dresdner kennen dafür verschiedene Formen. Schon in den Sechzigern entstanden parallel zu den staatlichen Massenkundgebungen andere Traditionen des
Erinnerns, etwa Kunstaktionen, Konzerte, Lesungen, Theater- und Tanzprojekte. Seit den Achtzigern bis heute entscheiden sich viele Menschen für ein stilles Gedenken. Und weil gerade in Dresden am
13. und 14. Februar 1945 deutsche Opferschaft und deutsche Täterschaft in zahllosen Fällen binnen weniger Stunden aufs Untrennbarste miteinander verschmolzen, wird heute zugleich an Dresdner
Opfer und an Täter erinnert.

Freilich verfälschen immer wieder Randgruppen die historischen Tatsachen, indem sie Dresden alljährlich öffentlich entweder als kollektiv unschuldige Opfer- oder als kollektiv schuldige Täterstadt hinstellen. Genau entlang ihrer Linien verläuft die deutlichste Grenze zwischen Gedenken und Missbrauch des Gedenkens. Insofern ist auch der Protest gegen derlei ideologische Instrumentalisierungsversuche eine legitime und aufgeklärte Form des Erinnerns. Und ein Beleg mehr dafür: Selbst wenn der Gedanke immer wieder auftaucht, oft als Wunsch – etwas wie „das“ Gedenken, gar ein normiertes „richtiges Gedenken“ an die Katastrophe gibt es nicht und kann es nicht geben.

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 43 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Dresdner45

    Selbstverständlich gibt es eine RICHTIGE FORM des Gedenkens! Das ist in sich zu gehen und gegeben falls in einer Kirche zur Ruhe kommen. Um 22.00 kann man auch in aller Ruhe den Kirchenglocken zuhören. Dass heute dieser Tag missbraucht wird, um angeblich gegen den Krieg zu demonstrieren, ist sehr, sehr unehrlich. Besonders bei einem Hintergrund, wo deutsche Soldaten schon wieder in anderen Ländern unterwegs sind und Deutschland der 3. Militärproduzent ist. Daran sollten sich die Personen erinnern, die sich in diese Menschenkette einreihen!

  2. Keine Ausreden

    Ein wohltuend unaufgeregter und sachlicher Kommentar, den Herr Reinhard verfasst hat, insbesondere indem er den 13. Februar 1945 als "unerhört komplexes Ereignis" bezeichnet. So sehe ich es auch. Das ist ein wichtige Antwort auf das in Dresden weit verbreitete und unerträgliche Gerede von der unschuldigen Stadt, das an den Realitäten weit vorbei geht.

  3. Ben

    Was mich als in Dresden lebenden Westdeutschen seit vielen Jahren irritiert, das selbst ostdeutsche Linke davon überzeugt sind, Dresden sei die am meisten bombardierte und zerstörte Stadt Deutschlands gewesen. Da hat nach der NS- wohl auch die DDR-Propaganda gründlich gewirkt: faktisch sind viele westdeutsche Städte wie Wesel am Niederrhein weit mehr zerstört worden, definiert sich aber nicht über diesen penetranten "Zerstörungsmythos", der Linken wie Rechten willkommener Grund für ausgelebten Antiamerikanismus ist. Selbst Köln, Hamburg, Bremen haben weit größere Zerstörungen hinnehmen müssen - nirgends dort gibt es dies intensive Festhalten am "Wir sind zu Unrecht Opfer gewesen". Wer Wind sät, wird Sturm ernten! :-(

  4. Kalle

    Selbstverständlich gibt es nicht die eine, richtige Form des Gedenkens. Meiner Meinung nach gibt es aber Formen und Veranstaltungen, die einem echten Gedenken entgegenstehen. Diese, das sind wir den knapp 25 000Toten schuldig, müssen immer wieder verhindert werden. Es kann kein ehrliches Gedenken neben Neurechten geben, die stolz auf die Krieges-Verursacher und stolz auf deren Schergen von der Wehrmacht sind. Die Bombardierung Dresden ist eben auch immer Mahnung, wohin Rechteideologen das Land führen, ob braun oder blau- der Weg führt in den Untergang. Das Gedenken kann nicht nur still, hinter irgendwelchen Mauern stattfinden, das Gedenken kann auch laut und kämpferisch auf der Straße stattfinden.

  5. 14jahre ddr

    Lieber Ben. das irritiert mich auch. Man könnte viele andere Städte aufzählen. Doch ich behaupte einfach mal das in keiner anderen deutschen Grossstadt die Narben dieses Sturmes so ewig zu sehen waren. Ich habe noch Ruinen der Semperoper des Schlosses erlebt. Diese Stadt ist zum Synonym sinnloser Zerstörung geworden und auch deswegen ist es wichtig zu erinnern warum es so gekommen ist. Welche Formen das Gedenken haben soll und wie oder was gedacht wird ist doch immer abhängig von der jeweiligen Zeit.

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