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Samstag, 14.07.2018

Bürgermeister senkt die Steuern

Paul ist Rathauschef in der Kinderspielstadt der Freizeitinsel Merzdorf. Ganz ohne Wahlversprechen ist er aber nicht ins Amt gekommen.

Von Britta Veltzke

Zwei Bürgermeister: Paul Zapf ist für die Kinderspielstadt der Freizeitinsel Merzdorf verantwortlich – Jörg Jeromin für Strehla. Zudem ist Jeromin in diesem Jahr Schirmherr der Kinderspielstadt. Einen Schirm konnte er beim Tag der offenen Tür auch wirklich gebrauchen.
Zwei Bürgermeister: Paul Zapf ist für die Kinderspielstadt der Freizeitinsel Merzdorf verantwortlich – Jörg Jeromin für Strehla. Zudem ist Jeromin in diesem Jahr Schirmherr der Kinderspielstadt. Einen Schirm konnte er beim Tag der offenen Tür auch wirklich gebrauchen.

© Sebastian Schultz

Riesa. Bürgermeister Paul musste etwas gegen das Ladensterben tun – dringend. Zwar war das Problem nicht ganz so drastisch, wie es ihm von seinen Bürgern zugetragen wurde, doch immer noch drängend genug: „Fünf von 20 Läden in der Stadt waren pleite“, berichtet der 13-jährige Bürgermeister der Kinderspielstadt.

Rund 90 Kinder spielen eine Woche lang auf der Merzdorfer Freizeitinsel Stadt – inklusive Läden, Arbeitsamt, Wellnessstudio und eben einem gewählten Bürgermeister. Ab Montag ist die nächste Gruppe dran. Experten wie Paul sind sogar in beiden Wochen dabei. Dieses Jahr erlebt er bereits seine fünfte Kinderspielstadt. Immer war er Bürgermeister oder zumindest Vize-Bürgermeister, erzählt er. Auch in der kommenden Woche will Paul wieder für den Posten als Rathauschef kandidieren. „Es macht mir eben Spaß zu bestimmen.“ Politiker werden kommt für ihn dennoch nicht infrage. Was er später mal beruflich machen will, weiß Paul noch nicht. Aber für diese Entscheidung hat er ja auch noch ein paar Jahre Zeit.

Zurück zu den Schwierigkeiten, die der Bürgermeister der Kinderspielstadt zu bewältigen hat: „Zum Beispiel verkaufen sich die selbst gemachten Kerzen hier ganz schlecht. Die sind wirklich nicht so der Brenner. Die Sachen vom Bäcker gehen besser weg“, sagt Paul. Und warum? „Die meisten Kinder essen eben lieber.“ Auweia. Allerdings ist Paul auch der Meinung, dass das Schicksal der bankrotten Händler zum Teil selbst verschuldet ist. „Man muss da eben mehr auf die Kunden zugehen – oder Werbung schalten. Das bringt schon was.“ Werbung schalten? In der Kinderspielstadt gibt es natürlich auch eine Youtuberin, die mit den Kindern kleine Videos aufnimmt.

Das Problem „Ladenleerstand“ kommt auch Jörg Jeromin bekannt vor. Er ist Bürgermeister der Stadt Strehla und in diesem Jahr Schirmherr der Kinderspielstadt. Daher hört Jeromin auch ganz genau zu, als sein Amtskollege erklärt, was er gegen das Ladensterben unternommen hat. Vielleicht hat Paul ja das Patentrezept? „Die Wirtschaftsförderung, ein Kredit in Höhe von 150 Rieta, wollte nicht jeder annehmen. Also haben wir den Lohn gesenkt. Von sechs auf fünf Rietas am Tag, damit die Läden wieder mehr Geld haben“, erklärt Bürgermeister Paul. Jörg Jeromin nickt verständnisvoll.

Rieta – das steht für „Riesaer Taler“: die offizielle Währung in der Kinderspielstadt. Ein zentrales Wahlversprechen hat Paul mit der Lohnsenkung allerdings gebrochen. Denn er hatte versprochen, den Lohn zu erhöhen. Das hat der Bürgermeister auch getan – wenig später aber eben eine Rolle rückwärts gemacht. „Weniger Geld haben die Bürger deswegen aber nicht in der Tasche“, betont Paul. Denn: „Die Steuern, die jeder an jedem Tag zahlen muss, haben wir dafür auch gesenkt. Unterm Strich haben alle genauso viel Geld wie vorher: 20 Rietas in der Woche. Der Nachteil: Dem Rathaus stehen jetzt weniger Mittel zur Verfügung.

Also Herr Jeromin: Löhne senken, Steuern senken – dann wird das mit dem Einzelhandel schon wieder.

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