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Freitag, 12.10.2018

Bürger planen Hochgeschwindigkeits-Bahnstrecke um

Pirnaer fürchten Nachteile durch die Neubautrasse Dresden–Prag. Sie werden auf ungewöhnliche Weise aktiv.

Von Christian Eissner

Nach jetzigen Strecken-Entwürfen soll die Neubaustrecke Dresden–Prag mittels einer rund 40 Meter hohen Brücke das Seidewitztal in Pirna-Zehista queren. Die Anwohner sind schon durch den Bau der Südumfahrung Pirna (rechts im Bild) belastet. Sie wollen die Bahnbrücke nicht auch noch vor der Tür – und machen einen Gegenvorschlag.
Nach jetzigen Strecken-Entwürfen soll die Neubaustrecke Dresden–Prag mittels einer rund 40 Meter hohen Brücke das Seidewitztal in Pirna-Zehista queren. Die Anwohner sind schon durch den Bau der Südumfahrung Pirna (rechts im Bild) belastet. Sie wollen die Bahnbrücke nicht auch noch vor der Tür – und machen einen Gegenvorschlag.

© SMWA

Pirna. Sie kann eines der größten europäischen Verkehrsbau-Projekte der nächsten Jahrzehnte werden: die geplante Neubau-Bahnstrecke von Dresden nach Prag. Rund 130 Kilometer lang, davon 22 auf deutscher Seite. Herzstück ist ein Tunnel unter dem Erzgebirge. Beim Dörfchen Goes nahe Pirna soll die Hochgeschwindigkeitstrasse laut aktueller Planungen in diesem Erzgebirgstunnel verschwinden und erst nach über 26 Kilometern auf tschechischer Seite wieder auftauchen. Die geschätzten Kosten für das Gesamtprojekt werden mit 1,3 Milliarden Euro angegeben. Gebaut werden soll frühestens ab 2028, die Bauzeit wird auf rund zehn Jahre geschätzt.

Die Deutsche Bahn als Bauherr hat berechnet, wie leistungsfähig die neue Strecke wäre. Demnach könnten dort täglich bis zu 288 Züge fahren. Ziel sei es, den Personenfernverkehr komplett und den Güterverkehr so weit wie möglich aus dem Elbtal heraus und auf die Neubaustrecke zu verlegen, heißt es in einer Bahn-Studie.

Während die neue Trasse den Anwohnern im oberen Elbtal von Pirna bis Bad Schandau eine wesentliche Entlastung vom Bahnverkehr bringen soll, wird es andernorts Verlierer geben, das zeigen die Planungen deutlich. Denn die gültige Vorzugsvariante der Trassenplanung sieht eine offene Streckenführung über das Seidewitztal in Pirna-Zehista und auf der Höhe bei Goes einen Ausweichbahnhof vor dem Tunneleingang vor.

Anwohner der betroffenen Orte sind wegen der drohenden Belastung durch Bahnlärm schon länger alarmiert. Sie fürchten die negativen Auswirkungen der offenen Trassenführung, zumal sie durch den momentan laufenden Bau der Pirnaer Südumfahrung ohnehin schon mit Lärm leben und künftig zusätzliche Verkehrsbelastungen tragen müssen.

Dem für die Streckenplanungen zuständigen sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr (SMWA) zufolge ist der aktuell kartierte Verlauf nach derzeitigem Kenntnisstand optimal. Das sehen die betroffenen Anwohner ganz anders. Einwohner aus Pirna und der Gemeinde Dohma, zu der Goes gehört, haben sich zu einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen. Das Besondere: Statt einfach zu sagen, dass sie die Neubaustrecke nicht wollen, haben sie begonnen, gemeinsam an einem alternativen Routenvorschlag zu arbeiten. Im Kern geht es darum, die Bahnstrecke schon bei Heidenau in den Tunnel zu führen, wo sie das Elbtal verlässt. Sie soll dann komplett weiter unterirdisch verlaufen, statt, wie jetzt geplant, in Pirna noch einmal für einige Kilometer an die Oberfläche zu kommen.

„Wir wollen nichts verhindern“, beschreibt Steffen Spittler vom Arbeitsvorstand der Bürgerinitiative „Basistunnel nach Prag“ die Motivation. Denn grundsätzlich sei die Schnellverbindung eine gute Sache. „Wir fördern diesen Gedanken. Aber wir wollen eins nicht: dass Menschen zusätzlich belastet werden, obwohl die Strecke ohne Lärmverlagerung gebaut werden könnte.“

Um zu beweisen, dass die Bürgerinitiative nicht als Verhinderer, sondern als Verbesserer angetreten ist, haben die Mitglieder ein ehrgeiziges Vorhaben auf den Weg gebracht. Ingenieure aus den eigenen Reihen erarbeiten gerade einen alternativen Routenvorschlag – der ohne Seidewitzbrücke auskommt und bei dem auch der Ausweichbahnhof keine Anwohner stören soll. „Wir machen das ganz konkret, mit Kostenansätzen und Gegenüberstellung der Vor- und Nachteile“, sagt Steffen Spittler. „Unsere Analyse wird zum Beispiel Grundlage für weitere geologische Untersuchungen und damit für eine Machbarkeitsstudie sein können.“

Neben der Vermeidung von Bahnlärm und dem vorangestellten Baulärm, der auch große Teile Pirnas treffen könnte, sieht die Bürgerinitiative weitere Vorteile eines längeren Tunnels: Die Strecke müsste aus dem Elbtal heraus nicht so einen steilen Anstieg überwinden, wäre für den Güterverkehr damit optimaler nutzbar, und die ICE-Züge könnten eher mit Hochgeschwindigkeit fahren.

In den vergangenen Wochen hat sich die Bürgerinitiative mehrfach getroffen, hat sich mündlich und schriftlich unter anderem an die Deutsche Bahn, an Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD), an die Landesdirektion Sachsen, an den Pirnaer Landrat Michael Geisler (CDU) sowie an Pirnas Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke (parteilos) gewandt, die Politiker über ihr Anliegen informiert und um Reaktionen gebeten.

Bei der Bahn sei man sehr freundlich und offen behandelt worden, sagt Steffen Spittler, auch der Landrat habe Unterstützung zugesichert. Von Pirnas Stadtchef sei ein Brief zurückgekommen mit dem Hinweis, er habe die Sache an die zuständige Fachabteilung im Rathaus weitergeleitet. Im Wirtschaftsministerium scheint das Paradebeispiel für mündigen Bürgersinn dagegen nicht zu interessieren. Oder stört es die behördlichen Abläufe? Jedenfalls, bedauert Steffen Spittler, habe die Initiative von dort trotz mehrfacher Anfrage bisher keinerlei Reaktion erhalten. Auch die Landesdirektion hat bisher nicht geantwortet. Nichtsdestotrotz arbeitet die Initiative weiter an ihrem alternativen Routenvorschlag, um ihn demnächst präsentieren zu können.

Kontakt: Post: Bürgerinitiative „Basistunnel nach Prag“, Zum Heideberg 18, 01796 Dohma

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