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Freitag, 09.03.2018

Blaues Haus? Geht gar nicht!

Von Jana Illhardtund Cornelia Fiedler

Viele Städte und Gemeinden haben strikte Vorgaben, wie ein Wohnhaus aussehen darf. In den vergangenen Jahren sind immer mehr Gestaltungssatzungen entstanden. Festlegen lässt sich damit selbst die Art des Putzes und die Farbe der Fassade. Wie etwa im zu Dresden eingemeindeten Langebrück. Die Gestaltungssatzung wurde vom Gemeinderat verabschiedet und ist bei der Eingemeindung 1999 in geltendes Stadtrecht überführt worden. Sie enthält strengere Vorschriften als in fast allen anderen Stadtgebieten.

Unter Umständen erwartet Bauherren ein ganzes Geflecht aus Regelungen. „An oberster Stelle, auf Bundesebene, steht das Baugesetzbuch“, sagt Eva Reinhold-Postina vom Verband Privater Bauherren. „Es regelt detailliert, wie ein Bebauungsplan von den Kommunen zu erstellen ist und was dieser zu leisten hat.“ Etwa die Sicherung der Daseinsvorsorge – dass es in der Gegend genügend Einkaufsmöglichkeiten, Schulen und Ärzte gibt. Jedes Bundesland kann weitere Auflagen in den Landesbauordnungen festlegen. „Darin können etwa Abstandsflächen angeordnet oder Vorgaben zum Brandschutz gemacht werden“, sagt Reinhold-Postina. Der Bebauungsplan obliegt den Kommunen. Hier geht es um die Details wie maximale Geschosszahl und Firsthöhe. Gibt es keinen Bebauungsplan, dann gilt Paragraf 34 des Baugesetzbuches. Dieser sieht vor, dass sich der Neubau an die Umgebung anpassen soll.

Viele Gemeinden planen inzwischen lieber strenger, um ihr Ortsbild zu erhalten. „Deshalb treffen sie über den Bebauungsplan hinaus Regelungen, beispielsweise eine Baumschutzsatzung“, sagt Manfred Jost vom Verband Wohneigentum. Darin steht, ob ein Baum auf einem Grundstück gefällt werden darf und welche Ersatzpflanzungen vorgesehen sind.

Immer häufiger werden Gestaltungssatzungen aufgesetzt, in der kleinteilige Anforderungen an die äußere Darstellung formuliert werden. „So kann etwa die Farbe der Dachziegel bestimmt werden oder die Grundstückseinfriedung. Auch die Verwendung bestimmter Materialien kann auferlegt werden“, sagt Jost. Das gilt sogar für die Höhe von Mauern, Zäunen und Hecken.

Wie Soldaten in Reih und Glied

In Langebrück entwickelte sich im Jahr 2014 ein Streit um eine blau gestrichene Hausfassade. Einige Anwohner stießen sich daran und beschwerten sich bei den zuständigen Ämtern. Gegen den Besitzer des blauen Hauses wurde ein Verfahren wegen Verstoßes gegen die Gestaltungssatzung eingeleitet. Dieser wollte das nicht hinnehmen. Befürworter des blauen Hauses listeten daraufhin andere Verstöße gegen die rigide Langebrücker Gestaltungssatzung auf. Die Stadt verfolgte einige Fälle und ließ mehrere Häuser umstreichen.

Mit den meist eng gefassten Gestaltungssatzungen wollen die Kommunen auf die zunehmende Kreativität der Bauherren und die Angebote der Branche reagieren: „Die Möglichkeiten der individuellen Haus- und Grundstücksgestaltung sind heute viel größer als noch vor einigen Jahren“, sagt Jost. „Mehrere Kommunen stören sich an dem daraus resultierenden optischen Chaos in den Orten und setzen Vorschriften dagegen.“ Doch die meisten Regelungen bieten Schlupflöcher, und eine Gestaltung der entscheidenden optischen Merkmale gibt es vielerorts trotzdem nicht.

„Gegenwärtig wird nicht selten exakt vorgeschrieben, wie der Dachwinkel zu sein hat, aber ein Friesenhaus darf neben einem oberbayerischen Landhaus stehen“, sagt Peter Burk vom Institut Bauen und Wohnen. Er wünscht sich daher, dass Kommunen Bebauungspläne flexibilisieren. Ein weiteres Beispiel: „Dass manchmal etwa exakt auf vorgegebenen Baulinien zu bauen ist, hat zur Folge, dass Häuser wie Soldaten in Reih und Glied stehen. Optische Harmonie bringt das in ländlichen Gebieten aber nicht, und mit regionaler Siedlungskultur hat es auch nichts zu tun.“

Daneben könnte man seiner Meinung nach auf manche Vorgaben zur Dachausrichtung verzichten oder diese lockern: „Natürlich muss der Brandschutz gewahrt werden, genauso Besonnung und Belichtung, aber Abstandsflächen bis auf den Zentimeter genau vorzuschreiben, hat keinen Sinn“, sagt Burk. „Auch Gebäudehöhen und -ausrichtungen könnten problemlos unterschiedlich sein, wenn die Gebäude stärker über ihre Bauweisen und Baumaterialien definiert würden. Bauherren hätten so mehr Freiheit, und das Siedlungsbild wäre gleichzeitig viel harmonischer.“

Daher hält Burk viel von Gestaltungssatzungen. „Architektonische Harmonie erreichen wir durch eine ähnliche Materialsprache, nicht durch juristische Maßvorgaben.“ Wichtig wären Beispiele, die den Bauherren zeigen, welche Fensterformen oder welche Fassadenmaterialien für die Region typisch sind. „Es geht nicht um falsche Heimattümelei oder jodelnde Architektur. Zeitgemäßes, regionales Bauen ist besonders dort von Bedeutung, wo es existenziell ist: In Ferienregionen, die eben auch von ihren Siedlungsbildern in der Landschaft leben“, sagt Burk.

Nun können einzelne Bauherren wenig an Regularien rütteln. Doch Jost hofft, dass Bürger etwa bei Bürgerversammlungen mehr mitdiskutieren können, wie ihr Dorf künftig aussehen soll. „Die Einwohner sollten solche Entscheidungen mittragen. Alles andere wäre nicht zeitgemäß.“

Kostenfreie Auskunft beim Amt

In Langebrück kam es im September vergangenen Jahres zu einem Bürgerentscheid. Mit 1 308 zu 1 204 Stimmen sprachen sich die Einwohner für die Abschaffung der Erhaltungs- und Gestaltungssatzung des Ortes aus. Nun muss der Stadtrat entscheiden, ob er der knappen Mehrheit zustimmt, oder ob die Satzung beibehalten wird. Denkbar wäre auch, dass nur einzelne Punkte geändert werden. Für die Eigentümer von weiteren, nach der bisherigen Regelung zu grell gestrichenen Häusern, bedeutet das, dass sie abwarten müssen. Das trifft auch auf die diesbezüglich noch nicht entschiedenen Verfahren zu. Sie ruhen derzeit und werden erst fortgesetzt, wenn eine Entscheidung gefallen ist.

Auskunft über Vorschriften beim Hausbau gibt das Bauordnungsamt, die Gemeindeverwaltung oder das Stadtplanungsamt. „Oft veröffentlichen Kommunen ihre Satzung online“, sagt Jost. Das Bauordnungsamt ist zur kostenfreien Beantwortung der Fragen zum Thema verpflichtet.

(mit dpa)

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