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Samstag, 10.11.2018

Bis die Erinnerung erwacht

Görlitzer Museen bieten Führungen für Demenzkranke an. Die entdecken dabei vieles wieder.

Von Ines Eifler

Im Schlesischen Museum zu Görlitz bieten Studenten seit einiger Zeit Führungen für Menschen mit Demenz an. Hier entdecken Görlitzer Pflegeheimbewohnerinnen ein Ölgemälde von Ernst Resch aus dem Jahr 1841, auf dem sich schlesische Adlige zu einer Jagd treffen.
Im Schlesischen Museum zu Görlitz bieten Studenten seit einiger Zeit Führungen für Menschen mit Demenz an. Hier entdecken Görlitzer Pflegeheimbewohnerinnen ein Ölgemälde von Ernst Resch aus dem Jahr 1841, auf dem sich schlesische Adlige zu einer Jagd treffen.

© Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

So eine Führung braucht Zeit. Bis die sechs älteren Damen mit dem Lift in den ersten Stock des Schlesischen Museums gefahren und an dem großen Gemälde angekommen sind, vergeht eine gute Weile. Dann könnten sie das Gruppenporträt von Ernst Resch mit den schlesischen Adligen aus dem 19. Jahrhunderts betrachten. Aber bis sie gedanklich dort angekommen sind, braucht es ebenfalls eine Weile.

„Wo befinden wir uns hier?“, fragt Petra Eichler, Studentin im Studiengang Soziale Arbeit. „Ich glaube, in einem Museum“, sagt eine der Frauen im Rollstuhl. „Ja richtig, und wo befinden wir uns auf diesem Bild hier?“, fragt die Studentin weiter. „Im Wald“, sagt eine andere Frau. „Unter Bäumen, es ist schön da“, meint eine andere. „Auf einer Wanderung mit Tieren, die machen ein Picknick“, sagt eine Vierte. „Und Kinder sind auch dabei, die Eltern können sie ja nicht allein in der Wohnung lassen.“ Einer Frau fällt Goethes Gedicht dazu ein: „Ich ging im Walde so für mich hin. Wie ging das noch mal weiter? Gleich fällt es mir wieder ein.“ Zwei andere überlegen kurz mit, schauen dann aber wieder nach vorn. Petra Eichler ist inzwischen etwas weiter gekommen: Dies sei eine Jagdgesellschaft, hat eine Dame herausgefunden, und diese Erkenntnis hilft auch den anderen. Jetzt entdecken sie tote Hasen, Rehe und treue Hunde, Gewehre und Jagdkleidung. Die meisten, die anfangs noch unbeteiligt wirkten, sind nun hellwach und beschreiben weitere Details.

Die Führung, die Petra Eichler an diesem Tag anbietet, ist speziell für Gruppen Demenzkranker gedacht. Sie ist Teil des Projekts „Demenz und Kunst“ des Studiengangs Soziale Arbeit an der Hochschule Zittau/Görlitz. Das gibt es seit mehreren Semestern und wurde unter anderem von der Professorin Gisela Thiele entwickelt. Die jeweils vierten Semester erarbeiten sich den Stoff neu, setzen ihn in eigenen Führungen um und geben ihre Erfahrungen im Laufe des fünften Semesters an die nachfolgenden Studenten weiter.

Die Idee ist, Demenzkranke besonders durch die Anregung verschiedener Sinne zu aktivieren und zu motivieren, damit Erinnerungen und Fähigkeiten wieder erwachen und länger erhalten bleiben können.

Nach der gleichen Idee bietet auch Tina Richter, die Museumspädagogin des Kulturhistorischen Museums, Führungen für Menschen mit Demenz an. Gleich bei ihrer Ankunft in Görlitz vor fast zwei Jahren berichtete sie von ihren Erfahrungen mit Führungen für Demente in Schloss Pillnitz. Inzwischen hat sie für Kaisertrutz und Barockhaus Neißstraße 30 entsprechende Angebote entwickelt. Ihre Kompetenz ist auch in das Görlitzer Hochschulprojekt eingeflossen. In ihren eigenen Führungen im Barockhaus lässt Tina Richter Gruppen mit bis zu zehn Dementen in die Lebenskultur eines Leinwandgroßhändlers eintauchen, im Kaisertrutz regt sie das Gedächtnis der Besucher durch die Beschäftigung mit der jüngeren Stadt- und DDR-Geschichte an. Immer mit dem Ziel, zu Austausch und Gespräch anzuregen, durch Emotionen Erinnerungen zu wecken und damit den an Demenz Erkrankten geistig wache Momente zu verschaffen.

Dass dies funktioniert, wird im Schlesischen Museum spätestens klar, als eine Frau vor dem Jagdbild zu erzählen beginnt, sie habe früher selbst an Treibjagden teilgenommen. In ihrer Kindheit habe sie gemeinsam mit Hunden und anderen Treibern das Wild aufgescheucht und den Jägern zugetrieben. „Und was war dabei zu hören?“, fragt Petra Eichler. „Hundegebell und Hörnerklang“, errät eine Dame. Schon tippt eine Studentin etwas auf ihrem Telefon. Hundegebell erklingt aus dem Lautsprecher und ein Jagdhorn. „Oh, da ist es ja!“, freut sich die Dame und stimmt zusammen mit den anderen in das Lied „Auf, auf zum fröhlichen Jagen“ ein. Nur eine Frau rätselt weiter: „Ich ging im Walde, da war doch ein Blümchen, oder?“

In den vergangenen Wochen war aber auch Kritik an Vorhaben wie „Kunst und Demenz“ zu vernehmen. Als der Landkreis Mitte September ankündigte, zukünftig mehr Geld für „Kunst und Kultur für Menschen mit Demenzerkrankungen“ ausgeben zu wollen, bemerkte der frühere Amtsarzt und heutige Kreisrat Bernhard Wachtarz, Musik und Tanz seien bei Demenz viel wichtiger als Kunst. Die Führung im Schlesischen Museum ist allerdings wesentlich mehr als nur Kunstbetrachtung.

Hier zieht die Gruppe nun weiter, die Damen bekommen Gestricktes und Gesticktes in die Hand, bald sprechen alle darüber, für wen sie früher Socken und Pullover gestrickt haben. In diesem Moment ist viel weniger von ihren Einschränkungen zu spüren als zu Beginn der Führung. Und die Frau auf der Suche nach dem Blümchen im Goethegedicht ist nun auch zufrieden: „Und pflanzt es wieder am stillen Ort, nun zweigt es immer und blüht so fort.“

Pflegende und Angehörige können Demenzführungen buchen. Infos unter hier.

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