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Mittwoch, 08.08.2018

Billigflieger und Billiglöhner

Ryanair-Piloten und Flugbegleiter erhalten wenig Geld und kaum Sozialleistungen. Viele arbeiten als Selbstständige.

Von Rolf Obertreis

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Der irische Billigflieger Ryanair hat seine Geschäfte in den letzten Jahren vor allem auf Kosten seines Personals gemacht. Piloten und Flugbegleiter haben deutlich schlechtere Arbeitsbedingungen als bei anderen Airlines. In mehreren Ländern sorgten Streiks mitten in der Urlaubszeit bereits für viel Unmut an den Schaltern.
Der irische Billigflieger Ryanair hat seine Geschäfte in den letzten Jahren vor allem auf Kosten seines Personals gemacht. Piloten und Flugbegleiter haben deutlich schlechtere Arbeitsbedingungen als bei anderen Airlines. In mehreren Ländern sorgten Streiks mitten in der Urlaubszeit bereits für viel Unmut an den Schaltern.

© dpa

In mindestens fünf Ländern könnten Piloten des irischen Billigfliegers Ryanair in diesen Tagen die Arbeit niederlegen. Auch die in Deutschland stationierten Piloten bereiten jetzt – mitten in der Ferienzeit, einen ersten regulären Streik vor. Das Unternehmen habe nichts vorgelegt, was man als neues Angebot werten könne, sagte ein Sprecher der Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) am Dienstag. Cockpit hatte der größten europäischen Billig-Airline bis zum Montag ein Ultimatum zur Vorlage eines verhandlungsfähigen Angebots gestellt. Am heutigen Mittwoch wird sie entscheiden, wie es weitergeht. Sie hat sich selbst eine Ankündigungsfrist von 24 Stunden für Streiks gesetzt, sodass ein Arbeitskampf frühestens am Donnerstag beginnen könnte.

Die Flugbegleiter von Ryanair haben sich in 13 Ländern abgestimmt und Forderungen formuliert. In mehreren Ländern gab es bereits Streiks. Noch aber bleiben die Arbeitsbedingungen bei Ryanair höchst fragwürdig, auch wenn das Unternehmen dies immer wieder bestreitet.

Fest steht: Das Geschäftsmodell des Unternehmens und seine Billig-Tickets beruhen auch auf im Branchenvergleich niedrigen Gehältern, auf der Beschäftigung von Selbstständigen und Leiharbeitnehmern und problematischen Arbeitsbedingungen.

Nach Angaben von VC erhalten Piloten bei Ryanair im Jahr 25 000 Euro brutto, andere nennen 30 000 Euro. Nach fünf Jahren, so VC, könnten die Piloten auf 70 000 Euro kommen, bei einem Kapitän könnten es maximal 130 000 Euro sein. Anderen Angaben zufolge starte ein Kapitän mit 53 000 und beziehe maximal 85 000 Euro.

Viele der 4 800 Ryanair-Piloten, davon 400 in Deutschland, seien nicht fest angestellt, sondern selbstständig und müssten von diesem Geld Steuern, doppelt Sozialabgaben als Unternehmer und als Angestellter der Airline zahlen. Bei Krankheit zahle Ryanair nichts. Geld verdienen könne nur, wer auch im Cockpit sitze und fliege. Zudem könne ihr Einsatzort jederzeit vom Unternehmen geändert werden.

Ryanair bestreitet diese Angaben immer wieder. Es gebe kein Sozialdumping, die Gehälter für Piloten und Flugbegleiter seien „extrem“ wettbewerbsfähig mit außergewöhnlichen Möglichkeiten und einer großen Auswahl von Flughäfen und Standorten in Europa, heißt es im jüngsten Geschäftsbericht. Die Arbeitsbedingungen seien gut. Ryanair-Piloten und -Flugbegleitern zufolge freilich liegen ihre Gehälter am unteren Ende.

Co-Piloten bei TuiFly kommen auf ein Gehalt von 63 000 Euro, bei Flugkapitänen liegt es zwischen 106 000 und 204 000 Euro. Piloten bei Easyjet erhalten beim Berufseinstieg 49 000 bis 52 000, Kapitäne verdienen zwischen 113 000 und 134 000 Euro.

Bei Eurowings starten Piloten mit rund 54 000 Euro, Kapitäne mit gut 93 000, im besten Fall können es 160 000 Euro werden. Und bei Lufthansa sind es für Piloten zu Berufsbeginn 73 000 Euro, bei Kapitänen liegt die Bandbreite zwischen 110 000 und 250 000 Euro. Ganz abgesehen davon, dass bei diesen Unternehmen nicht nur die reine Flugzeit gilt, bei Krankheit gezahlt wird und auch die Pensionen angemessen erscheinen.

Befristete Leiharbeitsverträge

Ähnlich groß sind die Diskrepanzen bei den rund 8 300 Flugbegleitern von Ryanair im Vergleich zu anderen Airlines. Nach Aussagen von Beschäftigten des irischen Billigfliegers liegen die Netto-Gehälter nur zwischen 700 und 1 300 Euro im Monat. Bei Ufo spricht man 11 000 bis maximal 18 000 Euro brutto im Jahr. Aufbessern können sie ihr Einkommen, wie bei anderen Airlines auch, durch Provisionen für Bordverkäufe. Oft seien es nur Leiharbeitsverträge mit Befristung. Es gebe auch keine Lohnfortzahlung bei Krankheit. Ohnehin werde nur die reine Flugzeit bezahlt.

Kurzfristig könnten Flugbegleiter in eine andere Stadt oder ein anderes Land versetzt werden. Basis sei oft ein Arbeitsvertrag nach irischem Recht, der keinen Kündigungsschutz beinhalte. Im Winter, wenn weniger Flüge angeboten werden, gehen die Einkommen der Ryanair-Service-Beschäftigten noch weiter nach unten, weil sie nicht fliegen und quasi Zwangsurlaub nehmen müssen. Beim Konkurrenten Easyjet dagegen gibt es Tarifverträge, die Einkommen lägen um rund 1 000 Euro höher. Eurowings zahlt zum Einstieg ein Grundgehalt von brutto 1 500, mit Zulagen kann es auf 2 000 Euro steigen.

Ryanair hält auch bei den Flugbegleitern dagegen. Bei 20 000 bis 25 000 Euro liege das Jahreseinkommen bei im Schnitt 19  Flugstunden pro Woche und 12 Arbeitstagen im Monat. Im vergangenen Jahr entließ das Unternehmen einen Flugbegleiter fristlos, der die Arbeitsverhältnisse bei Ryanair in Deutschland offengelegt hatte. Er klagt gegen das Unternehmen.

Bei den Gewerkschaften stoßen die irischen Manager mit ihren Angaben auf taube Ohren. Die Flugbegleiter von Ryanair haben sich mittlerweile europaweit organisiert, in Spanien, Portugal, Italien und Belgien gab es im Frühjahr erste Streiks. Die Iren um den charismatischen Unternehmenschef Michael O’Leary spüren offensichtlich den Druck.

In Deutschland hat das Unternehmen die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi als Vertretung der Flugbegleiter anerkannt. Aber wann es echte Verhandlungen geben wird, ist noch völlig unklar. Ryanair aber hat bereits gewarnt: Die Gewerkschaften könnten „unrealistische Erwartungen“ haben und für „unproduktive Arbeitspraktiken“ eintreten. „Ryanair wird sein existierendes, hochproduktives Geschäftsmodell verteidigen.“

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Leser-Kommentare

Insgesamt 4 Kommentare

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  1. Klaus

    Der Artikel ist unstimmig, z.B. der Abschnitt mit den doppelten Sozialabgaben: auf welcher Grundlage sollten die Mitarbeiter Sozialabgaben als Angestellte bezahlen, wenn sie gar keine Angestellten der Airline sind (sondern wie geschrieben selbstständig).

  2. LP

    Frage mich, wie solche Dinge mit den EU-Regeln beim AN-Recht vereinbar sind. Sonst klagt die EU bei jedem "Scheiß", und hier? Irland ist doch EU-Mitglied, oder? Da sollten doch gewisse Mindeststandards gelten, die Diese Gesellschaft seit Jahren bereits missachtet.

  3. Meyer

    Also wenn ich mir so ansehe, was promovierte Wissenschaftler im öffentlichen Dienst verdienen, auch in anderen EU-Ländern, würde ich die Pilotengehälter, auch alle angegebenen Einstiegsgehälter, als gut bis völlig überzogen bezeichnen...

  4. Freier Bürger

    Ich fliege gern. Deshalb sollen die Tickets nicht zu teuer sein. Die Gehälter bei Ryanair halte ich für völlig ausreichend. Für diesen Streik der Piloten (was heutzutage ja kein besonders anspruchsvoller Beruf mehr ist) habe ich kein Verständnis. Falls ihnen das Gehalt nicht passt, können sie sich ja bei der Bonzen-Airline Lufthansa bewerben.

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