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Freitag, 12.10.2018

Bier und Himbeerbrause

Die Kiosk-Landschaft in Görlitz hat sich sehr gewandelt. Wie, erzählt Uwe Leubner. Er ist schon lange dabei.

Von Susanne Sodan

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Offen, wenn andere es nicht mehr sind: Der Rauschwalder Kiosk von Uwe Leubner. Die meisten Besucher sind Stammkunden, man duzt sich hier.
Offen, wenn andere es nicht mehr sind: Der Rauschwalder Kiosk von Uwe Leubner. Die meisten Besucher sind Stammkunden, man duzt sich hier.

© Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Der Kiosk an der Lutherstraße ist seit einigen Monaten geschlossen. Was aus dem Häuschen wird, ist nicht klar. Der bisherige Betreiber hat sich einen neuen Kiosk gesucht, am Demianiplatz. Einige bisherige Lutherplatz-Kunden sind ihm dorthin gefolgt.
Der Kiosk an der Lutherstraße ist seit einigen Monaten geschlossen. Was aus dem Häuschen wird, ist nicht klar. Der bisherige Betreiber hat sich einen neuen Kiosk gesucht, am Demianiplatz. Einige bisherige Lutherplatz-Kunden sind ihm dorthin gefolgt.

© Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Görlitz. Das Schaufenster zeigt die Welt im Kleinen. In der Auslage hinter der Glasscheibe stehen kleine Fit-Flaschen, ein Zweierpack Toilettenpapier, eine winzige Tube Haarkur, daneben eine Reihe Schnapsfläschchen. Andere Sachen stehen in Normalgröße im Kioskregal: Kekse und Kaffee, Kaminanzünder und Wein, Bier und Bockwurst. Ein Schild verkündet, dass es frische Eier gibt, die sind sogar ein bisschen größer als üblich. Sie kommen aus Pfaffendorf, von einem Bauernhof. Wegen der Eier würden viele Kunden zu ihm kommen, erzählt Uwe Leubner. „Für manche bin ich inzwischen der Eiermann“. Für andere ist er der Dorftreff. „Für viele bin ich der Notnagel.“ Wenn man am Abend oder am Sonntag etwas braucht, was man beim Supermarkt-Einkauf vergessen hat. Uwe Leubner ist Besitzer des Kiosks an der Reichenbacher Straße in Rauschwalde.

Ob sich etwas verändert hat im Vergleich zu früher, Leubner muss es wissen. Den Rauschwalder Kiosk hat er zwar erst seit etwa acht Jahren, Kioskbetreiber ist er aber schon seit knapp 30 Jahren. Früher habe es auf jeden Fall viel mehr Kioske gegeben, „jeder Stadtteil hatte mindestens einen“, erzählt er. Die Innenstadt hatte zum Beispiel den auf der Blockhausbrücke. Den kleinen Flachbau selbst gibt es noch, er ist aber fest verriegelt. Auch der Blockhauskiosk gehörte früher Uwe Leubner. Der Blocki, wie er ihn liebevoll nennt, existierte schon zu DDR-Zeiten. Damals war es aber noch kein Kiosk, sondern eine Eisdiele, „die gehörte zur HO“. 1990 hat Leubner das Häuschen gekauft. Manche hätten den Kopf geschüttelt. Aber der Blocki, der habe gebrummt. Wohl auch wegen der guten Lage: Die Blockhausstraße ist eine wichtige Route, um südlich auf die B 99 oder nördlich über die Grenze nach Polen zu kommen. Außerdem lag der Blocki direkt an der Straße, „man konnte einfach ranfahren, Leergut bei mir abgeben oder was kaufen und weiterfahren“, erzählt Leubner.

Ansonsten seien die Leute früher auch noch gezielter zum Kiosk gegangen, für den täglichen Einkauf. Entsprechend sei die Kundschaft breit gefächert gewesen, vom Bürgermeister bis zum kleinen Trinker. Vor vier Jahren gab Leubner den Blocki trotzdem auf. Die Blockhausbrücke muss bald saniert werden. Das sei aber nicht der Grund gewesen, „nein, ich hätte weitergemacht, so lange es gegangen wäre.“ Die Schließung vom Blocki habe mit den vielen Einbrüchen zu tun. Der letzte Einbruch war fast schon spektakulär, die Täter kamen übers Dach in den Kiosk.

In Rauschwalde aber macht Uwe Leubner weiter mit seinem Kiosk, „ein paar Jahre bestimmt noch“, sagt der heute 60-Jährige. Allerdings, mit dem Kioskbetrieb allein würde es heute finanziell wohl nicht mehr reichen, sagt er. Er vermietet auch einen Saal, der sich im ersten Obergeschoss des Gebäudes Reichenbacher Straße 87 befindet – über dem Kiosk.

Sie sind weniger geworden, aber der einzige Kiosk ist der von Uwe Leubner nicht. Schon lange Bestand hat beispielsweise auch der Kiosk am Brautwiesenplatz, auch er ist bis heute geöffnet. Mit dem Inhaber ist aber leider kein Gespräch möglich, zumindest kein vernünftiges.

Seit mehreren Jahren geschlossen ist derweil der Kiosk an der Ecke zwischen Büchtemannstraße und Biesnitzer Straße. Eigentlich hat er eine gute Lage: direkt an einer Straßenbahnhaltestelle und direkt im Wohngebiet. Am Kiosk hängt ein Zu-verkaufen-Schild, dazu eine Telefonnummer. Ruft man dort an – kommt man wieder bei Uwe Leubner raus. „Ja, die Inhaber waren Freunde von mir“, erzählt er. Zuletzt hatte das Ehepaar Tiedemann den Büchtemann-Kiosk betrieben. Der Mann war ganz unerwartet gestorben, kein Jahr später verstarb auch die Frau, erzählt Leubner. Für die Kinder der beiden, die nicht in Görlitz leben, versucht er, einen neuen Besitzer oder Mieter zu finden, bisher ohne Erfolg.

Geschlossen ist, erst seit ein paar Monaten, auch der Kiosk am Lutherplatz. Direkt daneben ist das Altenpflegeheim Zentralhospital von der Awo, der Arbeiterwohlfahrt Oberlausitz. Ihr gehört das Grundstück, und nach Informationen vom Januar möchte die Awo das Zentralhospital mit einem Anbau erweitern. Der Kiosk daneben steht zwar noch, wurde aber inzwischen geschlossen. Dafür brennt jetzt ein paar Meter entfernt auf dem Lutherplatz ein Feuer in einer Feuerschale. Robert Gröschel ist Sozialarbeiter, Toralf Arndt ist Quartiersmanager und beide gehören zum Verein Rabryka. Gemeinsam mit anderen Vereinsmitgliedern und einem umgebauten Bollerwagen sind sie jeden Dienstag auf dem Lutherplatz zu finden, schenken Tee aus, wollen mit den Anwohnern ins Gespräch kommen. Der Lutherplatz gilt als sozialer Schwerpunkt. Ein reiner Trinkertreffpunkt sei der nun geschlossene Kiosk aber nicht gewesen, sagt eine Anwohnerin. „Die Kinder haben sich Eis geholt oder was zu trinken“, sagt sie, andere sehen es ähnlich. Die Rabryka-Leute sind ebenfalls nicht unbedingt glücklich über die Kiosk-Schließung. „Soziale Problemlagen der Menschen löst das nicht“, sagt Robert Gröschel. Außerdem: Trinker könnten jetzt zwar keinen Alkohol mehr direkt am Lutherplatz kaufen, aber sie können ihr Bier einfach in einem nahen Supermarkt holen. Noch einen Nachteil habe die Kiosk-Schließung: Der Betreiber habe die Leute durchaus im Griff gehabt, sei Kontaktperson gewesen.

„Jeden Sonntag kam zum Beispiel ein älterer Mann und hat Milch bei mir gekauft“, sagt Jörg Vogel. Er war der Besitzer des Lutherplatz-Kiosks. „Ich trauere jetzt aber nicht mehr hinterher. Klar ist es schade, aber ich habe mich damit abgefunden.“ Und er hat einen neuen Kiosk, den am Demianiplatz. Den Kiosk selber gibt es schon sehr lange, aber seit diesem März ist Jörg Vogel der neue Pächter. Man duzt sich, man kennt sich, obwohl das Publikum sehr bunt ist. Ein regelmäßiger Gast ist Herkules, ein winziger, brauner, wuscheliger Hund. Sein Frauchen hat auf einer Bank im Kiosk Platz genommen, aus ihrer Tasche holt sie einen kleinen, herzförmigen Trinknapf, füllt ihn mit Wasser aus der Flasche. Jörg Vogel reicht ein Wienerwürstchen über den Tresen, Hercules‘ Frauchen bestellt Himbeerbrause. In den Minuten vorher haben die Kunden vor allem Bier und kleine Schnäpse gekauft. „Viele kommen her, weil sie nicht alleine zu Hause sitzen wollen, sich in einem Restaurant auch nicht wohlfühlen würden“, sagt Vogel. „Es ist etwas anderes hier.“ Bei manchen müsse man wissen, wie man mit ihnen umgeht, andere wollen einen Hot Dog, wieder andere kommen einfach, um Gesellschaft zu haben. „Wenn zum Beispiel jemand ein amtliches Schreiben bekommen hat, ist das hier Thema.“ Auch Jörg Vogel will weitermachen mit dem Kiosk. „Für mich ist es mein halbes Leben.“