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Samstag, 10.11.2018

Besorgt im Fernsehturm

Die Bundeskanzlerin schenkt ausgerechnet Dresden, wo begonnen wurde, „Merkel muss weg“ zu schreien, einen Turm. Wie kam es zu dem Sinneswandel, fragt sich SZ-Kolumnist Andreas Weller.

Von Andreas Weller

SZ-Redakteur Andreas Weller
SZ-Redakteur Andreas Weller

© Andre Wirsig

Was für eine Nachricht: Der Fernsehturm kann wahrscheinlich saniert werden. Dank des Geldes vom Bund sind zumindest die halben Investitionskosten gesichert. Doch wie kam es eigentlich zum Sinneswandel? Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schenkt ausgerechnet Dresden, wo begonnen wurde, „Merkel muss weg“ zu schreien, einen Turm. Noch dazu, kurz bevor das Gebrüll Realität wird.

Vielleicht will die Kanzlerin vorsorgen: Damit ihrem Nachfolger – egal, welchen Geschlechts – nicht etwas Ähnliches passiert, wird die Keimzelle des Widerstands mundtot gemacht. Das wäre eine alte und deshalb durchschaubare Methode. In diesem Fall könnte es etwas subtiler sein. Der Turm soll denen, die sich dafür eingesetzt haben, suggerieren, etwas ganz Tolles, nur für sich zu bekommen. Da Turm-Fans und Asyl-Gegner zum Teil dieselben Personen sind, könnte der Turm auch als ausländerfreie Zone verstanden werden.

Der wahre Plan geht allerdings weiter. Der Turm soll eine Art Sammelbecken für „besorgte Bürger“ werden. Dafür eignet er sich besonders, weil er so schön abgelegen am Stadtrand liegt. Auch Pegida könnte sich dort künftig treffen. Es ist ein Versuch, die Innenstadt besorgnisfrei zu halten. Wenn dann alle, die dieses Bild stören könnten, in Wachwitz versammelt und in den Turm aufgefahren sind, fällt beinahe zufällig der Fahrstuhl für viele Jahre aus. So können Probleme gelöst werden. Dass bis jetzt gewartet wurde, liegt nur daran, dass nicht mehr so viele auf den Straßen krakeelen. 2015/2016 hätte der Platz im Turm nicht gereicht. Die große Variante war aber schon immer zu teuer. Clevere Politik!

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