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Montag, 11.06.2018

Beliebtes grausames Mittelalter

„Das Geheimnis der Hebamme“ wird auf der Felsenbühne Rathen von den Fans gefeiert. Autorin Sabine Ebert ist gerührt. Ein Drama im Schnelldurchlauf.

Von Gunnar Klehm

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Ritter Christian alias Michael Berndt-Cananá hat hoch zu Roß harte Kämpfe auszufechten.
Ritter Christian alias Michael Berndt-Cananá hat hoch zu Roß harte Kämpfe auszufechten.

© Hagen König

Luca Lehnert bangt und leidet als Hebamme Marthe.
Luca Lehnert bangt und leidet als Hebamme Marthe.

© Hagen König

Kurort Rathen. Wie diese zarte Person mit feuerrotem Haar die Kranken heilt, ist schwer erklärbar. Hexerei? Die Menschen, die grübelnd in ihren einfachen Leinenkleidern die Köpfe zusammenstecken, zweifeln. Mit ihren halb gefüllten Handkarren haben sie zuvor das Mittelalter auf die weitläufige Felsenbühne in Rathen gezogen. Hebamme Marthe ist verunsichert, ob sie in dieser Gruppe gut aufgehoben ist. Trotz dreier Stunden kraftvollen Spiels wird Marthe am Ende die schwer Erklärbare sein.

Die Landesbühnen Sachsen wagten sich an das ganz große Format. Am Freitagabend feierte „Das Geheimnis der Hebamme“ seine Premiere auf der Open-Air-Bühne im Kurort Rathen. Es ist die mit Spannung erwartete Uraufführung der Theaterfassung des Bestsellers von Sabine Ebert. Wenn es die Felsenbühne nicht schon gäbe, für dieses Stück wäre sie erfunden worden. Alles passt. Mühsam quält sich der Zug der mittelalterlichen Siedler durchs Gelände und den tiefen Sand. Dunkler Wald und hohe Felsen. Ein Ziel ist nicht erkennbar. Unbekannte Reiter kündigen sich mit echtem Donnergrollen aus der Ferne an. Der Himmel verdunkelt sich. Zuschauer kramen Regenumhänge hervor. Doch Schlimmeres kann abgewendet werden. Die Reiter ziehen ab. Die Capes bleiben trocken.

Blasse Titelfigur


Kurz darauf zwitschert ein Vogelchor seinen Abendgruß. Das Wetter spielt noch immer mit. Es passt zum Jubel, als Christian verkündet, dass die Schinderei mit den Wagen endlich ein Ende hat. Christian (Michael Berndt-Cananá) ist ein guter Anführer der Siedler, ein gerechter Herr, der sich von den grausamen Männern wohltuend abhebt. Dennoch hat er zu tun, dass seine Ritterlichkeit nicht vom eigenen Knappen (Holger Uwe Thews) überflügelt wird. Um sich zu behaupten, muss er ernsthaft durchs Feuer gehen.

Flammen, Schwertkampf, vier Pferde, zwei Ziegen und ein Hund – in der Schlacht um die Gunst des Publikums wird alles in die Schlucht im Rathener Wehlgrund geworfen. Das Bühnenbild (Stefan Wiel) kommt mit wenigen Portalen aus, die mit zunehmender Finsternis ihre Wirkung entfalten. Die Musik von Sebastian Undisz vereint dazu Zeiten und Gefühle, ohne jemals aufdringlich zu werden.

Doch was ist mit Marthe? Die Titelfigur (Luca Lehnert) kommt nicht über den Lehrling hinaus. Oder was ist eine Hebamme wert, die keinem Kind auf die Welt helfen darf? Es ist ihr Debüt in Rathen. Sie beackert fast jeden Quadratmeter der Bühne und wirkt doch oft verloren. Kindlich hüpfend oder winkend, bangend oder schreiend muss sie bis zum Schluss ums Publikum kämpfen, welches ihr dann freundlich applaudiert. Die Marthe ist eine mutige Frau. Doch die Inszenierung von Intendant Manuel Schöbel lässt keine Entwicklung zu. Marthes mutigster Auftritt ist gleich ihr erster Schritt. Die Verunsicherung kann oder darf sie nicht ablegen. Nicht mal mit ihren Sachen in der überdehnten Badeszene. Da weint dann sogar der Himmel ein paar Tropfen.

Bis das Drama seinen Lauf nimmt, kann der überzeugend widerliche Randolf (Jürgen Haase) seine Macht barbarisch ausspielen. Es ist der Höhepunkt der Aufführung. Jetzt hat sogar Sabine Ebert ihren großen Auftritt, obwohl sie die Bühne erst zum Schlussapplaus persönlich betreten wird. Der Wald ist mit dem Dunkel verschmolzen. Kein Wort mehr, keine Regung. Und doch passiert so viel. Viel zu viel. Wer das Buch gelesen hat, schlägt jetzt in Gedanken die dramatischsten Seiten auf, begleitet aus den Lautsprecherboxen von einem Herzschlag-Rhythmus, wie sie oder er ihn beim Lesen auch gehabt haben müsste. Eine grandiose Idee.

Das erste Manuskript von Sabine Ebert hieß der „Siedlerzug“. Ihr Verlag machte daraus die einprägsamere „Hebamme“. Die Bühnenadaption von Odette Bereska bedient sich einer anderen Klammer. Statt der Hebamme nehmen die drei Erzähler (Cordula Hanns, Alexander Wulke, Jan Baake) das Publikum mit durch das Stück. So funktioniert es auch, ohne je ein Buch gelesen zu haben. Zu Recht verdient sich das Trio Szenenapplaus. Die Wandelbarkeit ist frappierend. Mit einer Drehung macht Alexander Wulke aus der Witzfigur des Spielmanns den edlen Markgrafen. Cordula Hanns spielt mit den leisen wie den lauten Tönen und Jan Baake mit dem Publikum.

Im Galopp durch Sachsens Geschichte


Doch nach den Gewaltexzessen sind selbst die heimlichen Stars der Aufführung auf verlorenem Posten. Der passende Übergang will nicht gelingen. Das Mittelalter ist grausam, nun auch zum Publikum. Im Schweinsgalopp wird in den letzten Minuten durch die sächsische Geschichte gejagt, als hätten es die Schauspieler so eilig wie die ersten Zuschauer, die zur S-Bahn müssen. Ein märchenhaftes Ende wird derart hölzern an die Story gepappt, dass der Hofmeister bei der Soufflage (Ramona Böhme, Anke Lieber) nachfragen muss, ob er noch Herr seiner Sinne ist. Doch die Fans der Hebammen-Buchbände unter den mehr als 800 Premieren-Zuschauern sind durch nichts zu schocken. Jubelnd begrüßen sie Sabine Ebert, als sie als Letzte zum Schlussapplaus ins Rampenlicht treten darf. Sie hat Bilder beschrieben, die von den Landesbühnen lebendig gemacht wurden. Einiges wird nachwirken. Die Felsenbühne hat ein großes Stück mehr in ihrem Repertoire.

In Rathen wieder am 15. und 16. 6., 12., 13., 14., 19., 20. und 21. 7.; auf Albrechtsburg Meißen: 21. bis 23. 6.; Kartentel. 0351 8954214 und 035024 7770