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Donnerstag, 09.11.2017

Bedrohlich und brandgefährlich

Wie die Dynamo-Spieler die Lage einschätzen und sich auf den Abstiegskampf in der zweiten Liga einstellen.

Von Sven Geisler

Erst die Enttäuschung, dann der Aufrüttler: Dynamos Florian Ballas (l.) und Peniel Mlapa.
Erst die Enttäuschung, dann der Aufrüttler: Dynamos Florian Ballas (l.) und Peniel Mlapa.

© Robert Michael

Ausgerechnet oder Gott sei Dank? Was bedeutet es, dass die Dresdner Dynamos die Klatsche von Kiel nun zwei Wochen mit sich rumschleppen? Ist die punktspielfreie Zeit eher Fluch oder Segen? Andreas Lambertz ist das vor allem eines: egal. „Wir müssen es sowieso nehmen, wie es ist“, sagt der 33-Jährige. „Und wir müssen die Zeit definitiv nutzen, keine Frage.“ Das ist das Gute an der Vorführung an der Ostsee: Die Schwächen sind offenkundig.

Lambertz fasst sie in einem Satz zusammen: „Wir spielen selten zu Null und entwickeln zu wenig Torgefahr.“ Mit anderen Worten: Es stimmt vorne wie hinten nicht bei den Schwarz-Gelben. Doch die sportlichen Probleme sind nur die eine Seite, die andere könnte noch wichtiger sein: die mentale. Die Stimmung war schon vorher getrübt durch die teils unglücklichen Ergebnisse, jetzt kommt der Druck hinzu, der sich aus der Tabelle ergibt. „Mir soll keiner erzählen: Bis Platz acht sind es nur vier Punkte“, mahnt Uwe Neuhaus.

Der Trainer hat den Abstiegskampf ausgerufen. Aber was bedeutet das? Und ist es jedem klar? „Natürlich ist am 13. Spieltag noch keiner abgestiegen“, sagt Florian Ballas. „Aber ich weiß aus meiner Zeit in Frankfurt, wie schnell man in einen Negativtrott geraten kann. Da müssen wir aufpassen, so leicht kommt man da nicht wieder raus.“ Vor zwei Jahren hat der Verteidiger das mit dem FSV erlebt. Nach elf sieglosen Spielen kam das 2:1 gegen 1860 München zu spät für den Klassenerhalt.

Auch deshalb übernimmt er diesmal eine Rolle, die ihm zwar zugedacht ist, um die er sich aber nicht gerade reißt. Ballas redet Tacheles, gibt sogar zu, dass es ihm schwerfällt, seine Emotionen im Zaum zu halten. „Bisher hat jeder gesagt: super gespielt, unglücklich verloren. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir wieder gewinnen.“ Das hat jedoch nicht funktioniert, vielmehr wurde aus der Ergebnisdelle eine Krise, die Ballas „eine bedrohliche Situation“ nennt – und er sagt: „Die Phase ist auf jeden Fall brandgefährlich.“

Und ist sich darin mit Lambertz einig. Auch er weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig es sein kann, einen negativen Trend zu stoppen. Mit Düsseldorf war er von der vierten bis in die erste Liga aufgestiegen, und die Fortuna schien sich dort zu behaupten. Nach dem 24. Spieltag betrug der Vorsprung auf die direkten Abstiegsplätze noch zwölf Punkte, doch acht Niederlagen und zwei Unentschieden später war der Abstieg besiegelt.

„Alle sagen Kopf hoch, weiter geht‘s, Kopf freikriegen“, meint Lambertz. „Aber das können wir nicht jede Woche erzählen, irgendwann wird der Spruch ausgelutscht.“ Trotzdem ist es erst mal der richtige, weil einzig vernünftige Ansatz, sich aufzurichten. Das ist die Grundvoraussetzung, um gegen die missliche Lage ankämpfen zu können. Wie es funktionieren könnte, ist ihnen durchaus klar. „Ein Spiel alle zusammen über 90 Minuten leidenschaftlich verteidigen und am Ende ein dreckiges Tor machen“, sagt Ballas. „Das geht aber nur, wenn jeder die Ärmel hochkrempelt und einer für den anderen versucht, die Fehler auszubügeln. Da müssen wir ansetzen, verstärkt an den Zweikämpfen arbeiten, dorthin gehen, wo es wehtut.“

Das Klima werde definitiv rauer, meint er und sieht die Pause wegen der Länderspiele letztlich positiv. „Ein paar Tage über die eigene Leistung und die Situation nachzudenken, tut auch mal ganz gut. Wir haben genug Zeit, es aufzuarbeiten und hoffentlich im nächsten Spiel besser zu machen.“ Das nächste Spiel: ausgerechnet gegen den 1. FC Kaiserslautern, ausgerechnet zu Hause. Die Pfälzer kommen als Tabellenletzter, aber Dynamo hat in dieser Saison seine Heimstärke verloren und im DDV-Stadion erst einmal gewonnen.

„Das kann – hoffentlich nicht – mal wieder eines der unrühmlichen Spiele sein, in denen du Punktelieferant bist“, sagt Ballas – und fügt beschwörend hinzu: „Ich will das auf keinen Fall.“ Deshalb sieht er lieber die Chance als das Risiko. „Es ist eigentlich das perfekte Spiel für uns, den Bock umzustoßen: mit Einsatz, Kampf, Wille und Leidenschaft.“

Diese Tugenden sollte man bei Profis voraussetzen können, und es war zuletzt wirklich nicht so, dass sie den Dresdnern gänzlich gefehlt haben. Sie wurden jedoch immer mehr verdrängt von der allgemeinen Verunsicherung. So blieb es beim Bemühen ohne Überzeugung und Aggressivität. „Wir müssen trotzdem an uns glauben“, meint Lambertz. „Dann bin ich mir sicher, dass wir auch wieder in die Spur kommen. Es ist ja nicht so, dass wir gar nicht mehr wissen, wie es geht.“

Auf jeden Fall ist es von Vorteil, dass nur zwei Spieler im Auswahleinsatz sind: Sascha Horvath mit der U21 von Österreich und Ersatztorwart Markus Schubert, der mit der deutschen U20 in Sachsen unterwegs ist: an diesem Donnerstag in Chemnitz gegen Italien sowie am nächsten Dienstag in Zwickau gegen England. Neuhaus wird dagegen in Dresden mit allen verfügbaren Kräften an Lösungen arbeiten.

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