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Dienstag, 13.02.2018

Bald deutschlandweit Gratis-ÖPNV?

Die Politik steht unter Druck, weil viele Städte Schadstoff-Grenzen überschreiten. Nun will die Bundesregierung in die Offensive kommen. Doch für kostenlose Busse und Bahnen sind noch viele Fragen zu beantworten.

Von Andreas Hoenig und Burkhard Fraune

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In Deutschland scheint mittlerweile auch ein kostenloser Nahverkehr denkbar.
In Deutschland scheint mittlerweile auch ein kostenloser Nahverkehr denkbar.

© Symbolfoto: Sven Ellger

Berlin/Brüssel. Es ist ein überraschender Vorstoß in der Debatte über bessere Luft in abgasgeplagten Städten. Die Bundesregierung erwägt, Länder und Kommunen finanziell zu unterstützen - wenn diese einen kostenlosen Nahverkehr einführen.

Worum genau geht es?

Die EU-Kommission hatte die Bundesregierung aufgefordert, zusätzliche Maßnahmen zu nennen, damit Schadstoff-Grenzwerte künftig eingehalten werden. Daraufhin schickten Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD), Verkehrsminister Christian Schmidt (CSU) und Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) mit Datum vom 11. Februar einen Brief an EU-Umweltkommissar Karmenu Vella. Darin der Vorstoß: Die Bundesregierung erwäge zusammen mit Ländern und Kommunen einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr, um die Zahl privater Fahrzeuge zu verringern.

Völlig unklar ist aber bisher die Finanzierung, falls Städte einen kostenlosen ÖPNV (Öffentlicher Personen-Nahverkehr) organisieren würden. Denkbar ist, dass das Geld aus bestehenden Fördertöpfen kommt, die außerdem aufgestockt werden könnten. Der Städtetag hat den Bund bereits an das Prinzip erinnert: „Wer bestellt, bezahlt.“

Wer kümmert sich um Busse und Bahnen - und wie viele fahren mit?

In den Städten sind es meist kommunale Betriebe. Immer mehr Menschen steigen in U-Bahn, Bus oder Tram, der öffentliche Nahverkehr wächst seit zwei Jahrzehnten ununterbrochen. 2017 zählte der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen 10,3 Milliarden Fahrten von Kunden - ein weiterer Rekord. Denn Deutschlands Städte wachsen, immer mehr Bundesbürger sind erwerbstätig und mit dem Auto gibt es im Berufsverkehr oft kaum ein Durchkommen.

Wie viel kostet das Fahren die Kunden?

Die Preise unterscheiden sich von Stadt zu Stadt und je nach Länge der Strecke sehr. Für 2,40 Euro kann man quer durch Köln fahren, in Berlin kostet das 2,80 und in München 2,90 Euro. Monats- und Jahreskarten gibt es für Pendler und Schüler deutlich günstiger.

Das Ticket deckt in der Regel nur die Hälfte der Fahrtkosten. Im Schnitt kommt ein Viertel über kommunale Zuschüsse vom Steuerzahler. Hinzu kommen Eigeneinnahmen der Verkehrsbetriebe, etwa Mieteinnahmen für U-Bahn-Kioske und Werbeflächen an Bushaltestellen.

Die Preise machen Verkehrsverbünde, zu denen sich in den Regionen Städte, Kreise und zum Teil auch Bundesländer und Unternehmen zusammengeschlossen haben, um den ÖPNV zu organisieren.

Gibt es schon irgendwo Gratis-ÖPNV?

Mit Freifahrten für alle Fahrgäste gibt es in Deutschland noch keine Erfahrung, allenfalls für einzelne Kundengruppen, etwa Schwerbehinderte und - seit diesem Jahr - hessische Landesbeamte. Diskutiert wird darüber aber seit Jahrzehnten. Als erste europäische Hauptstadt begann das estnische Tallinn vor fünf Jahren ein Experiment mit fahrscheinlosem ÖPNV für die Bewohner. Das belgische Hasselt sowie Portland und Seattle in den USA haben solche Versuche inzwischen aber abgebrochen.

Wie groß ist überhaupt das Schadstoff-Problem?

Die Schadstoff-Grenzwerte beim Ausstoß der als gesundheitsschädlich geltenden Stickstoffoxide werden in vielen deutschen Städten seit langem nicht eingehalten. Nach aktuellen Zahlen des Umweltbundesamts sind die Belastungen zuletzt zwar etwas gesunken. Immer noch aber werden die Grenzwerte in knapp 70 Städten überschritten - am stärksten in München, Stuttgart und Köln.

Welche Rolle spielen Autos ?

Eine ganz wesentliche. Der Verkehrsbereich trägt nach Angaben des Umweltbundesamtes zu rund 60 Prozent zur Stickstoffdioxid-Belastung bei. Daran sind die Diesel-Pkw mit 72,5 Prozent beteiligt - Diesel-Fahrzeuge sind also die Hauptquelle für Stickoxide in den Städten. Busse zum Beispiel machen im Bundesdurchschnitt nur vier Prozent der Emissionen des städtischen Verkehrs aus. Auch Lkw- und Lieferverkehr sind demnach mit rund 19 Prozent deutlich weniger an der Luftbelastung beteiligt als die Diesel-Pkw.

Was haben die Politik und Autoindustrie bisher getan?

Bei Spitzentreffen sind eine Reihe von Maßnahmen vereinbart worden. So wurde ein Milliardenprogramm „Saubere Luft“ für Kommunen auf den Weg gebracht. Damit soll etwa soll der ÖPNV attraktiver gemacht werden, etwa durch eine bessere Taktung. Busse und Taxen sollen auf alternative Antriebe umgerüstet werden. Mit Software-Updates für Millionen von Fahrzeugen wollen die Hersteller die Emissionen senken. Umweltverbände aber kritisieren, das reiche nicht aus. In der Debatte sind sogenannten Hardware-Nachrüstungen, Umbauten direkt am Motor.

Kommen nun Fahrverbote?

Politik und Autoindustrie wollen Fahrverbote unbedingt vermeiden - es ist aber offen, ob das klappt. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig könnte am 22. Februar eine wegweisende Entscheidung treffen und den Weg freimachen für Fahrverbote, die bisher rechtlich umstritten sind. In diesem Fall wäre es denkbar, dass neue Gesetze her müssten, um Fahrverbote überhaupt organisieren zu können - zum Beispiel mit einer „Blauen Plakette“ für saubere Autos, die in neuen Umweltzonen trotzdem fahren dürften.

Welche Rolle spielt die EU-Kommission?

EU-Umweltkommissar Vella hatte zuletzt Druck gemacht, weil nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern die Schadstoff-Grenzwerte seit langem überschritten werden. Die EU-Kommission will im März entscheiden, ob sie gegen Deutschland und andere Länder vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) klagt. Es drohen hohe Strafgelder. (dpa)

Leser-Kommentare

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Insgesamt 20 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Steinhardt

    Warum gleich kostenlos ? Wie wäre es mal mit Dieselpreisen von 5€/l und das gleiche bei Flugzeugkerosin ? Noch effektiver wäre natürlich eine Hubraumbeschränkung bei Verbrennungsmotoren (z.B. PKW=1.6 l, LKW und Baumaschinen 5 l.). Auf jeden Fall würde dann nur noch die Hälfte allermöglichen Oxide in die Luft gepustet.

  2. Helmut

    Wir waren vor Jahren in Kanada, Calgary. Dort konnte man in einem Innenstadtring die Tram kostenlos benutzen. Fast die gesamte Innenstadt war frei von privaten Fahrzeugen. Unsere Verantwortlichen sollten mal, auf eigene Kosten natürlich, dort hin fliegen und sich das anschauen und mit den dortigen Stadtvätern reden. Evtl. bekommen die da ja mit das soetwas geht!

  3. Noch so ein Typ

    Wie ihnen jeder halbwegs gut ausgebildete Verkehrsingineur sagen kann ist der Ausbau von ÖPNV nicht ausreichend um den Autoverkehr zu minimieren. Nicht die Alternativen müssen attraktiver, sondern das Autofahren unattraktiver werden! "Tatsächlich beschreibt der Begriff „induzierter Verkehr“ das in der Volkswirtschaftslehre seit 200 Jahren bekannte Gesetz von Angebot und Nachfrage. Wenn das Angebot verbessert wird, nimmt die Nachfrage zu. Dies gilt auch für den Straßenverkehr." http://www.verkehrswissenschaftler.de/kommentar/kom2.htm

  4. Beutesachse

    Kostenloser ÖPNV wäre auch für 2-Tarifzonen-Einpendler mit Mindestlohn sehr schön. Lt. einem anderen Artikel hier auf SZ-online lebt der alleinstehende Mindestlöhner an der Armutsgefährdungsgrenze. Anspruch auf ein Sozialticket hat er als Einpendler auch nicht. Also da würde wirklich mal mehr Netto vom Brutto bleiben...

  5. Land-Ei

    Ich stimme Nr. 4 zu. Sobald ich mit dem öpnv schneller und nahezu genauso flexibel bin, steige ich vom Auto um. Leider hat man vor paar Jahren den Haltepunkt im Ort platt gemacht. Da muss ich nun mit dem Auto zum Zug fahren.

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