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Montag, 13.08.2018

Augen zu und ab in den Höhenrausch

Von Michaela Widder, Berlin

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Er kann es nicht fassen, also seine Leistung bei der EM. Die Unterschiede zu König Fußball sind Przybylko vollkommen klar.Foto: dpa/Kay Nietfeld
Er kann es nicht fassen, also seine Leistung bei der EM. Die Unterschiede zu König Fußball sind Przybylko vollkommen klar.Foto: dpa/Kay Nietfeld

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Ohne Fehlversuch bis zu 2,35 Meter! Mateusz Przybylko macht den Wettkampf seines Lebens, also vorerst. Der deutsche Rekord von 2,38 Meter ist sein Ziel.Foto: dpa/Bernd Thissen
Ohne Fehlversuch bis zu 2,35 Meter! Mateusz Przybylko macht den Wettkampf seines Lebens, also vorerst. Der deutsche Rekord von 2,38 Meter ist sein Ziel.Foto: dpa/Bernd Thissen

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Als Mateusz Przybylko über die 2,35 Meter hohe Latte floppte, war es so laut, wie es bisher höchstens sein Bruder Kacper in einem Bundesligastadion erlebt hat. Der ist zuletzt Fußballprofi in Kaiserslautern gewesen und hat 2014 im Trikot von Arminia Bielefeld mit seinem Tor den Drittliga-Absturz von Dynamo Dresden besiegelt. Vor rund 30 000 Zuschauern. Am Samstag waren doppelt so viele ins Olympiastadion gekommen, so viele wie an keinem anderen Abend bei der Leichtathletik-EM. Doch den neuen Europameister im Hochsprung hatte das alles andere als eingeschüchtert. „Bei so einem Publikum kannst du nur gewinnen“, meinte er mit heiserer Stimme, „das hat mich so gepusht, so beflügelt.“

Und als feststand, dass ihn der Weißrusse Maxim Nedasekau nicht mehr übertreffen konnte, ließ sich der 26-Jährige zu Boden fallen und hat „losgeheult wie ein kleines Kind.“ Erst dann hüpfte er vor Freude über die blaue Tartanbahn und durfte an der jubelnden Masse vorbeiziehen.

Im März gewann Przybylko in der Halle als WM-Dritter seine erste internationale Medaille, die er ein halbes Jahr vorher bei der WM unter freiem Himmel noch verpasst hatte. Aber in Birmingham drehte keiner eine Ehrenrunde. „In Berlin will ich das anders machen“, hatte er sich geschworen. „Egal, ob Europameister oder Weltmeister“ – er wollte immer Gold.

Dass er auch große Höhen meistern kann, hatte Przybylko im vorigen Juni mit seinem Sprung über 2,35 Meter schon einmal bewiesen. Aber die Frage war, lösen die Emotionen bei dieser Heim-EM eher Nervosität aus oder lassen sie ihn hochfliegen? Er, der hippelige Springer, hatte schon Gänsehaut in diesen Tagen nur beim Zugucken, als das Stadion nicht mal halb so voll war. „Matze war aufgedreht, da war eher Bremsen angesagt“, meinte sein Heimtrainer Hans-Jörg Thomaskamp.

Umso erstaunlicher ist, dass Przybylko bis zu seinem besten Sprung die Latte nicht einmal gerissen hatte. Nach jedem Versuch setzte sich der Leverkusener, schloss die Augen und dachte an den Bestleistungssprung vom Vorjahr. „Dieses Gefühl möchte ich mitnehmen. Es war wie damals in Bottrop – nur besser.“ Bis zu diesem Abend sei das sein bester Wettkampf. „Aber man weiß ja nicht, vielleicht springe ich ja noch die nächsten Jahre den deutschen Rekord und dann wird es wahrscheinlich ein anderer perfekter Wettkampf.“

Forsche Ansagen, keine Sprüche

Przybylko macht gern forsche Ansagen, aber er ist kein Sprücheklopfer. Es ist vielmehr die Euphorie gemischt mit einer kindlichen Freude, die aus ihm heraussprudelt, wenn er übers Hochspringen spricht. Als Przybylko bereits als Europameister gefeiert wurde, versuchte er sich sogar an 2,38 Meter – ein Zentimeter höher als der deutsche Rekord von Carlo Thränhardt aus dem Jahr 1984. Er solle den Rekord ruhig brechen, der stehe schon viel zu lange, hatte Przybylko von einem Gespräch mit Dietmar Mögenburg berichtet. Bis zu Przybylkos Triumph war er, der Olympiasieger von Los Angeles, der letzte deutsche Hochsprung-Europameister. 1982 war das.

Er ist kein Jahrhunderttalent, Przybylko brauchte seine Zeit. Bis er zehn Jahre alt war, spielte er Fußball. „Meine Brüder waren immer so auf den Ball fixiert. Ich war anders, so verträumt“, sagt er und muss lachen, als er erzählt, wie ihm die Puste auf der Ehrenrunde ausging. „Ich mag es auch nicht so zu laufen.“

Dafür ist der Schlaks bereit für Höhenflüge. Schon vor drei Jahren sprang er das erste Mal über 2,30 Meter, die Höhe eines Telefonhäuschens. Ein Ausrutscher, wie er selbst sagt. Doch die Zeiten, als er sich von Konkurrenten wie dem 2,40-Meter-Springer Mutaz Essa Barshim aus Katar bei der WM in London noch einschüchtern ließ, liegen hinter dem Sportsoldaten. Er hat Spaß daran, dass Publikum zu unterhalten, das erst mal noch seinen Namen lernen muss. Der Bielefelder, dessen Familie 1989 von Polen in den Ruhrpott gezogen war, hilft: „Wie der Lehrer zu den Schülern macht, wenn sie zu laut sind: psch! Bülko.“ Die Organisatoren des Istafs in drei Wochen dürften sich jetzt ärgern, dass sie beim Stadionfest an selber Stelle keinen Hochsprung im Programm haben.

Und die Zeit der großen Spezialmeetings geht allmählich zu Ende. Nachdem es den traditionsreichen „Hochsprung mit Musik“ in Arnstadt seit vier Jahren schon nicht mehr gibt, wird auch in Eberstadt Ende August die 40. die vorerst letzte Auflage sein. Dort hatte schon der Dresdner Raul Spank mit 2,33 Meter 2009 seinen persönlichen Rekord aufgestellt und war wie Mögenburg und Thränhardt der Stammgast.

Ganz andere Dimensionen

Doch nach dem Ausstieg des Hauptsponsors fehlen dem Meeting 40 000 Euro – eine Summe, für die sein Bruder Kacper in der zweiten Liga vielleicht zwei, drei Monate kicken müsste. „Ja, das sind andere Dimensionen. Fußball und Leichtathletik kann man nicht vergleichen“, hatte Przybylko bei der WM im vorigen Sommer gesagt.

Aber was soll er sich an einer Sache aufreiben, die er ohnehin nicht ändern kann? Das Dilemma ist ihm bewusst. „Wenn man bei uns keine Leistung zeigt, kommt kein Geld. In der zweiten Liga kennt man dich nicht, und du bekommst trotzdem viel Geld.“ Für einen Zwist zwischen den Brüdern sorgt das Thema nicht, sie spüren vielmehr Zusammenhalt und ließen sich alle drei dasselbe Motiv tätowieren: „Mi familia“ steht auf seinem linken Arm. Aber ein bisschen freut sich Mateusz Przybylko dann doch. „Jetzt tauschen wir, und ich bin mal im Mittelpunkt, nicht Kacper.“

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