• Einstellungen
Montag, 11.06.2018

Aufstehen und weitermachen

Die Tornoerin Ricarda Müller ist eine Kämpfernatur. Ihre Krebserkrankung hat sie überstanden. Viele Dinge halfen ihr.

Von Silke Richter

Lebensfroh: so zeigt sich dieser Schmetterling. „Die Zeit für das Glück ist heute...“. Das Malen half Ricarda Müller, in der schweren Phase ihrer Krebserkrankung neue Kraft und Energie zu tanken. Die größte Motivation gaben ihr Familie, Freunde, Bekannte, „Ihre“ Schulkinder und Arbeitskollegen – und letztlich sie selbst.Foto: Silke Richter
Lebensfroh: so zeigt sich dieser Schmetterling. „Die Zeit für das Glück ist heute ...“. Das Malen half Ricarda Müller, in der schweren Phase ihrer Krebserkrankung neue Kraft und Energie zu tanken. Die größte Motivation gaben ihr Familie, Freunde, Bekannte, „Ihre“ Schulkinder und Arbeitskollegen – und letztlich sie selbst.Foto: Silke Richter

Verzweifelt“ und „unmotiviert“: Für Ricarda Müller sind das scheinbar Fremdwörter. Stets ein Lächeln im Gesicht, wacher Geist und vor Optimismus strahlend – so kennt man die 50-Jährige bei ihrem Gang durchs Leben, der nicht immer einfach war. Ricarda Müller spricht offen über ihre Brustkrebserkrankung, macht daraus kein Geheimnis. „Warum auch? Das gehört zu meinem Leben dazu. Und ich habe mir damals schon gesagt: «Das schaffst du! Wenn du das überstanden hast, stehst du auf und gehst einfach weiter.»“.

Stärkste Behandlungsform

Die Diagnose erhielt sie 2013. Es folgten mehrere Chemotherapien, von denen die Mediziner sagten, sie zählten zu den am stärksten dosierten Behandlungsformen, die bei Krebserkrankungen zum Einsatz kommen können. Sie hätte gern ihre Haare behalten. Aber diesen Kampf hat sie verloren. Die 50-Jährige schaut auf ein Foto, das sie ohne Haare zeigt. Ricarda Müller hat sich bewusst dafür entschieden, diese Erinnerung nicht nur in ihren Gedanken, sondern auch optisch für die Ewigkeit festzuhalten. Beim Blick auf die Vergangenheit ist auch heute keinerlei Verbitterung oder Wut bei ihr zu spüren.

Erinnern an den 50. Geburtstag

Sicher habe die Krankheit ihr Leben und auch ihre Sichtweisen auf so manche Dinge verändert. Aber eher positiv und nicht negativ. Ihr 50. Geburtstag liegt noch nicht so weit zurück. Zu Lebzeiten hatte Ricardas Mutter für das bevorstehende Jubiläum ihrer Tochter einen großen Strauß Freesien im Voraus bestellt. Fast schien es so, als wenn Ricardas Mutter geahnt hatte, dass sie den runden Geburtstag ihrer Tochter nicht mehr miterleben würde. Ihre Lieblingsblumen sollte sie dennoch bekommen. „Ihr war wichtig, dass ich meinen Geburtstag trotzdem feiere. Deshalb war dieser Tag auch etwas ganz Besonderes für mich“, blickt Ricarda Müller zurück. Dabei fällt ihr Blick auf einen weiteren riesigen bunten Blumenstrauß, der für die Ewigkeit gemacht ist und einen Ehrenplatz in Ricarda Müllers heimischen Bürozimmer gefunden hat. Noch heute denkt die Klassenlehrerin voller Dankbarkeit an „ihre“ Schulkinder zurück, die ihr Briefe geschrieben hatten, um sie in ihrer Krankheitsphase mental unterstützen zu können und das Gefühl übermittelten: „Wir denken an dich!“ Die Mädchen und Jungen aus ihrer jetzigen Klasse haben ihrer Lehrerin zum Geburtstag Papierblumen gebastelt und mit ihren Passbildern beklebt. Die kleinen Kunstwerke sind mit sehr viel Liebe zum Detail entstanden und zeigen, dass die Kinder ihre Klassenlehrerin sehr mögen.

Dabei wäre es damals beinahe ganz anders gekommen und Ricarda Müller hätte eine andere berufliche Laufbahn eingeschlagen. Die studierte Pädagogin war im Hort- und Kitabereich tätig, arbeitete viele Jahre in einer Hoyerswerdaer Einrichtung und versuchte seit mehr als zehn Jahren eine Chance als Grundschullehrerin zu bekommen. Immer wieder bewarb sie sich beim Regionalschulamt neu. Es hagelte jedoch immer nur Absagen.

Doch auch hier bewies sie Durchhaltevermögen. 2011 war es endlich soweit. Der entscheidende Anruf mit der Einladung zu einem Vorstellungsgespräch klang für Ricarda Müller im ersten Moment sehr unrealistisch, fast unglaublich. Noch heute findet Ricarda Müller keine richtigen Worte für dieses unbeschreibliche Gefühl, dass jedoch nach ihrer sofortigen Zusage, als Lehrerin arbeiten zu wollen, von ersten leisen Zweifeln und Unsicherheiten abgelöst wurde. Letztlich ist es der heutigen Grundschulleiterin aus Wittichenau, Gabriele Bulang, zu verdanken, dass sich Ricarda Müller glücklicherweise vom Gegenteil überzeugen ließ und sich der neuen Herausforderung stellte, an einer „Dorfschule“ zu arbeiten. Und so unterrichtet Ricarda Müller seit mehreren Jahren in der Grundschule Haselbachtal in den Fächern Deutsch, Mathematik und Kunstunterricht.

Eine Galerie wie die in Hoyerswerda

„Heute kann ich sagen, es war mit eine der besten Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe.“ Die Arbeit mit „ihren“ Kindern halte nicht nur jung, sondern habe ihr in der schweren Zeit ihrer Krebserkrankung auch eine zusätzliche extra große Portion Motivation und Überlebenswillen gegeben. „Natürlich haben mich auch meine Familie, Freunde und Bekannte in der schwierigen Phase sehr unterstützt. Letztlich glaube ich aber, dass das gesamte Umfeld also Privat- und Berufsleben im Einklang sein muss um auch schlechte Zeiten gut überstehen zu können“, meint die heutige stellvertretende Schulleiterin, die in ihrer Freizeit auch gern selbst zu Pinsel und Farben greift um neue Kraft und Energie tanken zu können. Ihr jüngstes Werk: ein Schmetterling, so bunt wie das Leben selbst. Das geflügelte Insekt sprüht nur so vor Lebensfreude und Freiheitsgefühl. Ihre Inspiration gibt die Kunsterziehungslehrerin auch gern an ihre Grundschüler weiter. Und die haben richtig viel Spaß daran gefunden. Zum zweiten Mal organisierte Ricarda Müller mit ihren Kolleginnen und Schulkindern deshalb eine Schülergalerie, ähnlich wie sie seit vielen Jahrzehnten auch in Hoyerswerda stattfindet. „Es sind über 100 Kunstwerke entstanden, die der Öffentlichkeit unbedingt gezeigt werden sollten“, ist die Hauptorganisatorin überzeugt von den Zeichnungen, Töpferarbeiten und Plastiken.

P.S.: Die Ausstellung im Karoline-Rietschel-Haus in Gersdorf, das sich gleich neben der Dorfkirche befindet, ist zu den regulären Öffnungszeiten bis zum 22. Juni dort zu sehen.