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Dienstag, 12.06.2018

Auf Sumpf gebaut

Das Olympiastadion in Moskau erlebt nach den Spielen von 1980 nun das Finale der Fußball-WM – eine spannende Geschichte.

Von SZ-Korrespondent Klaus-Helge Donath, Moskau

Romantische Bilder vom Nationalstadion wünschen sich die russischen Fans auch zur WM – am besten mit ihrer Mannschaft im Finale. Aber das scheint wirklich nur ein Gedanke für Romantiker zu sein.
Romantische Bilder vom Nationalstadion wünschen sich die russischen Fans auch zur WM – am besten mit ihrer Mannschaft im Finale. Aber das scheint wirklich nur ein Gedanke für Romantiker zu sein.

© dpa/Kyodo

Wladimir Iljitsch Lenin bewacht das Luschniki-Stadion nun schon seit 62 Jahren. Im Juli 1956 wurde die größte und modernste Sportstätte der Sowjetunion eingeweiht. Luschniki bedeutet „Sumpfgebiet“, dieses liegt in einer Schleife der Moskwa im Südwesten der Hauptstadt. Damals war es eher eine physikalische als topographische Bezeichnung. Heute würde man wohl von Feuchtgebieten sprechen.

Natürlich wurde das neue Stadion damals nach dem Kopf der Russischen Revolution von 1917 benannt: „Zentralstadium Wladimir Iljitsch Lenin.“ Der steht nach wie vor noch auf einem hohen Sockel, er ist um einige Dimensionen größer geraten als bei den vielen Nachbildungen im Land.

Der sumpfige Boden erschwerte die Arbeiten. Aus der Moskwa mussten zunächst 3,5 Millionen Kubikmeter Sand gebaggert werden, um die 180 Hektar des Areals anderthalb Meter aufzuschütten. Zehntausend Pfeiler mussten in den Boden gerammt werden. „Die ganze Sowjetunion war beteiligt, Litauen lieferte die Elektrik, Riga stellte technische Ausrüstungen“, erzählt der engagierte Fremdenführer Alexander von einer Architekten- und Ingenieursinitiative. Das Holz für die Bänke stammte aus dem Kaukasus. Bis 120 000 Zuschauer passten damals ins Stadion.

Mit den Jahren wurden es immer weniger. Nach der letzten Renovierung finden noch 81 000 Zuschauer Platz. Dafür gäbe es aber keine blinden Stellen mehr, sagt Alexander. Früher sei von einem Zehntel der Sitzplätze aus nichts zu sehen gewesen.

Der Höhepunkt für die Sportstätte lag im Jahr 1980, Moskau richtete die Olympischen Sommerspiele aus. Die Entscheidung löste 1974 in den Reihen der KPdSU, der herrschenden kommunistischen Partei, einen Freudentaumel aus. Mehr Anerkennung erhoffte sie sich. Der sowjetische Einmarsch in Afghanistan 1979 schmälerte den Erfolg gleichwohl, westliche Staaten boykottierten die Spiele.

Der Stadionumbau für die WM war eigentlich ein Neubau. Die Bürger entschieden sich für den Erhalt der historischen Fassaden. Moskau hielt sich daran. Das machte es jedoch noch komplizierter. Ein neues Dach musste gebaut werden, dazu waren 76 Säulen von außen vor der Fassade zu errichten. Sie sollen die Konstruktion tragen. Gleichzeitig musste die Überdachung mit dem Rasensystem abgestimmt werden. Vier Meter reicht der Unterbau des Rasens in die Tiefe. 35 Kilometer Rohre versorgen das Grün von unten mit Luft und Wasser. Wärmesysteme und Strahler halten den Boden konstant auf 15 Grad. Die Überdachung behinderte zunächst die Photosynthese, Wachstum und Reifeprozess des Rasens. Auch dieses Problem wurde gelöst. „Die Firma garantiert 40 Jahre Bespielbarkeit“, sagt Alexander. Rund 20 Stadien weltweit verfügen über ein ähnlich ausgeklügeltes System. Auf keinen Fall darf sich der Vorfall von 2008 wiederholen. Bei einem Endspiel der Champions League flog der Rasen mit ins Tor.

In den 1990er-Jahren wird ein paar Meter von Lenin entfernt noch ein Denkmal errichtet, wenn auch bescheidener. Nach dem Ende des Kommunismus war dies erstmals möglich geworden. Es erinnert an mehr als 300 Opfer, die bei einer Katastrophe während eines Uefa-Cup-Spiels zwischen Spartak Moskau und dem holländischen Haarlem im Oktober 1982 in Luschniki ums Leben kamen. Das Unglück wurde von den Verantwortlichen verschwiegen. An jenem 20. Oktober lagen 300 Leichen aufgereiht neben Lenin.

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