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Samstag, 15.09.2018

Auf Lebenszeit

Zwei Olympiasiege machen das Leben schöner, aber nicht gleich einfacher – findet Bobpilot Francesco Friedrich.

Von Tino Meyer

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Er ist einer der besten, auf jeden Fall aber der schnellste Pilot. Auch dank seiner überragenden Athletik dominiert Francesco Friedrich im Eiskanal.
Er ist einer der besten, auf jeden Fall aber der schnellste Pilot. Auch dank seiner überragenden Athletik dominiert Francesco Friedrich im Eiskanal.

© Robert Michael

Zwei olympische Goldmedaillen können nicht viele in den Händen halten, Friedrich schon.
Zwei olympische Goldmedaillen können nicht viele in den Händen halten, Friedrich schon.

© Robert Michael

Olympiasieger ist man für immer. Anders als bei Meisterschaften oder im echten Leben gibt es beim weltweit größten Sportfest keine Ex. Francesco Friedrich hat mit seinen Bobs und Anschiebern im Februar bei den Winterspielen in Pyeongchang binnen einer Woche sogar zwei dieser historischen Siege eingefahren, die für immer bleiben. Und nun ist noch so ein Titel dazugekommen, wenn auch deutlich abseits des Eiskanals.

Der Polizeimeister Friedrich ist jetzt Beamter auf Lebenszeit. In der Polizeischule im bayrischen Bad Endorf, wo die Sportfördergruppe angesiedelt ist, hat er vergangene Woche die Ernennungsurkunde erhalten und darf damit ab sofort befördert werden. Im Grunde ist das, drei Jahre nach Abschluss der Ausbildung, nicht mehr als ein formaler Akt und doch etwas Besonderes für den 28-jährigen Pirnaer, so etwas wie die nachträgliche Krönung und zugleich das Ende eines außergewöhnlich guten, außerordentlich erfolgreichen Jahres.

Der saisonale Rhythmus für Wintersportler ist schließlich ein anderer, von Mai bis April wird gerechnet. Der Olympiasieger Friedrich ist so gesehen spät dran. Erst im Juni und damit anderthalb Monate später als beispielsweise im Vorjahr hat er wieder mit dem Training begonnen, was zum einen selbstverständlich mit dem von ihm nicht mal gern gemachten Blick zurück zu tun hat, andererseits aber auch am Blick nach vorn liegt.

Dass die nacholympische Saison diesmal erst am ersten Dezemberwochenende mit zwei Zweier-Weltcups im lettischen Sigulda beginnt, ist zweifellos ungewöhnlich spät. Friedrich kommt das aber sehr gelegen. Denn die letzten drei, vier Monate sind für ihn auch alles andere als normal gewesen. Damit meint er nicht mal unbedingt die Olympiasiege. Auf die hat er ja hingearbeitet, sie sind das große Ziel gewesen. Was danach gekommen ist, hat jedoch alles bislang Gekannte weit übertroffen.

Gleich zweimal hat er den Bundespräsidenten getroffen. Im Juni gab es von Frank-Walter Steinmeier das Silberne Lorbeerblatt, dann die Einladung zum Bürgerfest im Schloss Bellevue für August. Friedrich hat E-Bikes in der Pfalz getestet, an Uhren in Glashütte geschraubt, Sponsoren besucht, zwischendurch mit seiner Frau Magdalena und dem zweijährigen Sohn Karl ein bisschen Urlaub gemacht, immer wieder Gespräche mit neuen Partnern und Anschiebern geführt, Verträge geschlossen.

Der Höhepunkt ist eine Woche im Juni gewesen, als er an sechs von sieben Tagen bei Terminen war. „Im Winter wird es ruhiger“, sagt er. Dann muss er nur noch Bob fahren. Die Vorbereitung dafür läuft jetzt. Und zwei Olympiasiege mögen das Leben zwar schöner machen, die Werbeflächen auf Schlitten und Rennanzügen aber nicht unbedingt begehrter. Der Platz auf der Wade, bei TV-Übertragungen oft und gut im Bild, sei noch frei – und Friedrich über den Kontakt auf seiner Homepage erreichbar.

Zweimal maximales Muskelzucken

Also ist er immer noch viel unterwegs, zudem bei Stadt- und Vereinsfesten, zu Talkrunden, Autogrammstunden. Und trainiert wird natürlich auch wieder intensiv. „Wir müssen unseren Körper so vorbereiten, dass er im Winter für die vier Starts an jedem Wochenende fit ist. Dann müssen die Muskeln zweimal pro Tag maximal zucken“, sagt Friedrich, der auf dem Sportplatz des VfL Pirna-Copitz das Athletiktraining bestreitet und sich zudem regelmäßig mit den Anschiebern auf der Abschubstrecke in Riesa trifft.

Für diesen Samstag hat der Bundestrainer die obligatorische Leistungsüberprüfung in Oberhof angesetzt. Für Friedrich ist das ein Meilenstein in der langen Vorbereitungsphase, auch wenn er als Olympiasieger für die Weltcups gesetzt ist. An Motivation mangelt es ihm sowieso nicht, das ist schon immer seine geringste Sorge. Friedrich, ein Modellathlet nicht nur in Bezug auf Äußerlichkeiten, braucht niemanden, der ihn antreibt, im Grunde nicht mal einen konkreten Trainingsplan.

Den Rahmen gibt wie immer Heimtrainer Gerd Leopold vor, die Zusammenarbeit mit dem Riesaer ist ein Schlüssel des Erfolgs. Die einzelnen Trainingseinheiten bestreitet Friedrich dann aber sozusagen aus dem Kopf heraus – indem er sich an den Erfahrungen der Vorjahre orientiert. „Ich kann zum Beispiel für fast jedes Rennen sagen, mit welcher Kufe ich gefahren bin. Dinge, mit denen ich mich intensiv beschäftige“, sagt er, „vergesse ich nicht. Das ist wie ein fotografisches Gedächtnis.“ Was wirklich stimmt. Den Beweis hat Friedrich bei Olympia erbracht, als er sich nach den ersten beiden verpatzten Läufen im Videostudium so oft die Ausfahrt aus Kurve zwei angesehen hat und danach mit den nahezu perfekten Läufen drei und vier doch noch zur Goldmedaille fuhr.

Nach zwölf Jahren als Bobpilot vertraut der frühere Leichtathlet zudem mehr denn je seinem Körpergefühl. „Ich weiß, was ich brauche“, sagt Friedrich. Dass er zu weich mit sich umgeht, sich gar schont – ausgeschlossen. Doch nach den fünf Stunden Autofahrt nach Bad Endorf und fünf Stunden wieder zurück, erklärt der Pilot, könne er seine Leistungsfähigkeit am Tag danach am besten einschätzen. Sprungserien über kleine Hürden funktionieren auch da, Maximalleistungen nicht. Und deshalb ist am Tag nach der Verbeamtung auch bei 1,33 Meter Schluss. Eine Woche zuvor hat er beim Sprung aus dem Stand noch 1,40 Meter geschafft – und damit seine Bestleistung eingestellt.

Die Form stimmt also, auch jetzt schon wieder und trotz des ereignisreichen Sommers – dem ein Winter mit dem nächsten als historisch einzuschätzenden Triumph folgen soll. Bei der Weltmeisterschaft im kanadischen Whistler will Friedrich im Zweierbob den fünften WM-Titel hintereinander einfahren. Das hat vor ihm bislang nur der legendäre Italiener Eugenio Monti in den 1950er-Jahren geschafft. Insgeheim denkt Friedrich noch ein Jahr weiter. Im Februar 2020 findet die darauffolgende WM in Altenberg statt, auf seiner Heimbahn also, die er wie kein anderer beherrscht.

Mit einem sechsten Sieg in Folge könnte er sich dann selbst zu einer Legende machen, auf Lebenszeit – und darüber hinaus.

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