• Einstellungen
Freitag, 14.09.2018

Auf dem Weg zum selbstbestimmten Leben

Von Mirko Kolodziej

Im weitläufigen Garten der Wohnstätte bespricht sich Leiterin Ina Koch mit Ralph Beckert. Er ist der sächsische Landesgeschäftsführer des Sozialverbandes VdK, von dem die Einrichtung in Kühnicht betrieben wird.Foto: Mirko Kolodziej
Im weitläufigen Garten der Wohnstätte bespricht sich Leiterin Ina Koch mit Ralph Beckert. Er ist der sächsische Landesgeschäftsführer des Sozialverbandes VdK, von dem die Einrichtung in Kühnicht betrieben wird.Foto: Mirko Kolodziej

Allein die AOK hat in Sachsen im Jahr 2016 – neuere Zahlen liegen noch nicht vor – mehr als 100 000 Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen aufgrund psychischer Erkrankungen ausgestellt. Manche Fälle sind leichter, andere schwerer. „Wir haben eine stetig hohe Nachfrage“, sagt jedenfalls Ina Koch. Sie leitet die Sozialtherapeutische Wohnstätte für chronisch psychisch Kranke in Kühnicht.

In ein paar Tagen kann am Schilfweg das 15. Jubiläum gefeiert werden. Denn offizielle Eröffnung war am 3. Oktober 2003. Ralph Beckert erinnert sich noch gut daran. Damals war er stellvertretender Landesgeschäftsführer des Sozialverbandes VdK, der die Wohnstätte betreibt. „Wir haben hier ein in der Region einzigartiges Angebot mit dem Ziel, die Betroffenen möglichst wieder ins häusliche Umfeld zu entlassen“, sagt der inzwischen zum Landesgeschäftsführer aufgerückte Beckert.

Manche bleiben länger

In den vier Häusern der Wohnstätte in Kühnicht gibt es Platz für 32 Bewohner, der VdK nennt sie Klienten. Es geht darum, eine klare Tagesstruktur zu schaffen, das Körperbewusstsein wieder herzustellen, Interessen zu aktivieren. Dafür sorgen 18 Mitarbeiter. Das klassische Modell sieht vor, dass die Klienten, wenn es ihnen durch die intensive Betreuung besser geht, in eine der vier Außenwohngruppen ziehen. Hier schauen die VdK-Mitarbeiter morgens sowie nachmittags vorbei. Letzter Schritt ist das ambulant betreute Wohnen. So kommt man insgesamt auf derzeit 52 betreute Menschen. Zum Prozess gehört auch die Möglichkeit, zu arbeiten – vor allem bei den Lausitzer Werkstätten. Allerdings ist das System nach allen Seiten hin durchlässig. Schließlich sind Rückschläge mitnichten ausgeschlossen.

Ina Koch erzählt von einem jungen Mann, der, wohl befördert durch Drogenkonsum, an einer beginnenden Schizophrenie litt: „Er war gewillt, hat anerkannt, dass er etwas tun muss und jedes Hilfsangebot angenommen.“ Inzwischen habe er eine Lehre abgeschlossen und lebe in Plauen selbstständig in einer Wohnung. Den VdK-Betreuern ist er dankbar. Er hält Kontakt und kommt einmal im Jahr zu Besuch. Eine andere ehemalige Bewohnerin ist wieder in ihrem Beruf als Frisörin tätig. Freilich gibt es nicht nur Erfolgsfälle. Einige Menschen betreut der VdK seit 2003.

Der Sozialverband hat über die vergangenen 15 Jahre ein dichtes Netz an Partnerschaften gewebt. Ina Koch nennt Betreuungsbehörden und Gesundheitsämter, Fachärzte und Fachkrankenhäuser, Tageskliniken, Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und Bildungs- oder Ausbildungsstellen. Wichtig ist auch der Kommunale Sozialverband Sachsen als sogenannter Kostenträger in den allermeisten Fällen.

Nicht vergessen will Ralph Beckert die Mitarbeiter, die (natürlich im Schichtsystem) an 365 Tagen im Jahr jeweils 24 Stunden die Betreuung gewährleisten: „Sie brauchen grundsätzlich viel Einfühlungsvermögen und sehr viel fachliches Wissen.“ Beckert beschreibt die einzige vom VdK-Landesverband betriebene Wohnstätte dieser Art als Bereicherung. Man versuche, auf Problemlagen, die hier auftauchen, durch politische Lobbyarbeit aufmerksam zu machen. Ein Beispiel: Wenn ein Bewohner pflegebedürftig wird, sei es gar nicht so einfach, die Krankenkassen zu überzeugen, dass ein mobiler Pflegedienst nötig ist. Schließlich ist die Wohnstätte kein Pflegeheim. Sie sei, sagt Ina Koch, gar kein Heim. Das müsse man zunächst häufig den Klienten deutlich machen: Die vier Häuser am Schilfweg sollen nicht Endstation sein, sondern Ausgangspunkt.