• Einstellungen
Montag, 17.09.2018

Auf dem Gipfel des Wahnsinns

Am Sonnabend feierte das Publikum im ausverkauften Theater die Premiere von „Pension Schöller“.

Von Gabriele Gelbrich

Der turbulente Berliner Schwank von 1890 ist ein Evergreen auf den Bühnen unseres Landes. Nun feierte die „Pension Schöller“ als Inszenierung des Mittelsächsischen Theaters in Döbeln Premiere.
Der turbulente Berliner Schwank von 1890 ist ein Evergreen auf den Bühnen unseres Landes. Nun feierte die „Pension Schöller“ als Inszenierung des Mittelsächsischen Theaters in Döbeln Premiere.

© Theater/Jörg Metzner

Döbeln. Der turbulente Berliner Schwank von 1890 ist ein Evergreen auf den Bühnen unseres Landes. Im Döbelner Theater tischte Regisseur Jürgen Mai mit seiner Inszenierung von „Pension Schöller“ eine verrückte Geschichte auf, in der sich Posse und Wahnsinn sowie Tragik und Komödie zu einem kurzweiligen Ausflug in die Welt des Kleinbürgers mischen.

Philipp Klappenroth (Andreas Kuznick) hat als Flugentenfarmer in der Provinz ein hübsches Vermögen gemacht. Mit seinem Geld will er seinem Sohn Alfred Klappenroth (Robert Kapelle) bei dessen Existenzgründung finanziell unter die Arme greifen. Allerdings unter einer Bedingung, Alfred soll ihm eine Erlebnistour in eine Nervenheilanstalt organisieren. Alfred, der keine Berliner Nervenheilanstalt kennt, weiß eine Lösung und bringt seinen Vater in die Pension Schöller. Er erklärt ihm, dass all die extrovertierten Gäste des Hauses eigentlich Patienten seien und der Pensionschef der Anstaltsleiter. Und so nimmt die Geschichte ihren verrückten Lauf. Als im dritten Akt alle Pensionsgäste nach und nach Philipp Klappenroth in seiner spießigen Idylle in Kyritz heimsuchen, erklimmt die Geschichte den Gipfel des Wahnsinns.

Jürgen Mai beginnt mit seiner Inszenierung in einem Bahnhofscafé. Noch ist alles recht normal. Aber nach dem Szenenwechsel in die Pension Schöller nimmt die Geschichte Fahrt auf. Das klar gegliederte Bühnenbild von Roy Spahn, geprägt von großgemusterter Tapete, die bis unter die Decke reicht, bildet den passenden spießigen Rahmen für den bizarren Schauplatz. Diesen hat der Regisseur in die 1920-er Jahre verlegt.

Andreas Kuznick mimte den reichen Flugentenfarmer Philipp Klappenroth voller Hingabe und mit viel Gespür für diese schräge Person, die am Ende selbst dem Wahnsinn nahe kommt. In der Pension begegnete Klappenroth all den vermeintlich Geisteskranken, wie dem herrischen frühpensionierten Major Gröber (Andreas Pannach), der überambitionierten Schriftstellerin Josephine Krüger (Conny Grotsch), dem auf Seriosität und volle Gästelisten bedachten Pensionschef Amadeus Schöller (Michael Berger), dessen Tochter Friedericke (Sonka Vogt), dem großmäuligen Großwildjäger Bernhardy (Johann-Christof Laubisch) und dem verhinderten Schauspieler Eugen Rümpel (Ralph Sählbrandt), der mit seinem Sprachdefekt – er kann kein „L“ aussprechen – für grandiose Unterhaltung sorgte. Hemmungslos rezitierte letzterer Klassiker wie Schinners „Wannenstein“ oder „Kabane und Niebe“. Das Publikum war den Tränen nahe. Immer wieder sorgten die Schauspieler mit kleinen Pointen, die einen aktuellen Zeitbezug herstellten, für Lacher beim Publikum. Gut, der Anspielung des Othellos mit seiner skurrilen Maske auf Roberto Blanko hätte es da nicht bedurft. Denn sämtliche Akteure agierten mit so viel Gespür für Witz und passende Pointen und Sinn für die Macken und Manien der Figuren, dass der Funke von Anfang an auf das Publikum übersprang. Dieses bedankte sich am Ende für einen wahnsinnig unterhaltsamen Abend mit langanhaltendem Applaus.

Es lohnt sich auf alle Fälle, in der Pension Schöller vorbeizuschauen, die ihre Gäste am 30. September wieder im Döbelner Theater empfängt.

Desktopversion des Artikels