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Dienstag, 07.08.2018

Antisemitismus-Debatte entzweit britische Labour-Party

Von Jochen Wittmann,SZ-Korrespondent in London

Ein Streit über Antisemitismus droht, die britische Labour-Partei zu zerreißen. Der Parteiführung wird vorgeworfen, nicht genug gegen Judenfeindlichkeit zu unternehmen. Besonders Jeremy Corbyn steht in der Kritik. Der Oppositionsführer und Labour-Chef versuchte in den letzten Tagen, darauf zu antworten. In einem Meinungsbeitrag im Guardian und in einer Videobotschaft auf Twitter am Sonntag räumte er ein, dass „es ein echtes Problem“ gibt. Doch sein Versprechen, an der Lösung arbeiten zu wollen, stieß bei jüdischen Verbänden auf Skepsis.

Der Streit schwelt seit Langem. Seit Corbyn 2015 zum Labour-Vorsitzenden gewählt wurde und die Partei deutlich nach links rückte, gibt es Ängste innerhalb der jüdischen Gemeinde in Großbritannien. Antisemitische Äußerungen von Partei-Aktivisten häuften sich. Prominentestes Beispiel war Londons Ex-Bürgermeister Ken Livingstone, der wiederholt von einer Kollaboration zwischen Nazis und Zionisten schwadroniert hatte. Corbyn selbst hat sich als Hinterbänkler oft mit Anti-Zionisten solidarisiert. Im Frühjahr warf die jüdische Gemeinde Corbyn vor, mit Terrororganisationen wie Hamas und Hisbollah, die das Existenzrecht Israels infrage stellen, gut Freund zu sein. Corbyn umgebe sich, so hieß es in einem Offenen Brief, mit Menschen, die unverfrorene antisemitische Ansichten haben, und behaupte dann, diese niemals gehört oder gelesen zu haben.

Das Schreiben führte zunächst zu heftigen Abwehrreaktionen des Corbyn-Flügels in der Partei. Auch als drei jüdische Zeitungen einen gemeinsamen Leitartikel veröffentlichten, in dem sie vor „einer existenziellen Bedrohung jüdischen Lebens in diesem Land“ durch eine Corbyn-Regierung warnten, sprachen Partei-Linke zunächst von einer Diffamierungskampagne. Doch die Entscheidung des Labour-Präsidiums, die international gebräuchliche Antisemitismus-Definition nicht vollständig übernehmen zu wollen, demonstrierte, das Labour tatsächlich „ein echtes Problem“ hat.

Wie vertrackt die Situation ist, zeigt eine Intervention des Corbyn-Stellvertreters Tom Watson. Dieser hatte in einem Interview davor gewarnt, dass Labour „ewige Schande und Peinlichkeit“ drohe, wenn man nicht bald mit dem Antisemitismus in der Partei aufräume. Watson drängte darauf, die vollständige IHRA-Definition zu übernehmen. Ihm antwortete ein Twitter-Sturm von entrüsteten Partei-Aktivisten, die einen Angriff auf den Parteichef witterten. Der Hashtag #resignwatson war mit 50 000 Tweets der Nummer-Eins-Trend am Sonntagabend.

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