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Donnerstag, 12.07.2018

Allez les Bleus *

Von Birgit HolzerSZ-Korrespondentin, Paris

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Mit dem gallischen Hahn in der Hand und der Leidenschaft im Blick. Fotos: dpa/Christian Charisius (2)
Mit dem gallischen Hahn in der Hand und der Leidenschaft im Blick. Fotos: dpa/Christian Charisius (2)

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Der Erfolgstrainer und sein Siegtorschütze: Didier Deschamps und Samuel Umtiti (r.).
Der Erfolgstrainer und sein Siegtorschütze: Didier Deschamps und Samuel Umtiti (r.).

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Sie feiern schon wie die Weltmeister – auch am Triumphbogen auf den Champs-Elysees. Foto: dpa/Leo Novel
Sie feiern schon wie die Weltmeister – auch am Triumphbogen auf den Champs-Elysees. Foto: dpa/Leo Novel

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Eine große Fußball-Nation in Ekstase: Auch in Marseille machen die Fans nach dem Einzug der Franzosen ins Finale die Nacht zum Tag. Foto: dpa/Claude Paris
Eine große Fußball-Nation in Ekstase: Auch in Marseille machen die Fans nach dem Einzug der Franzosen ins Finale die Nacht zum Tag. Foto: dpa/Claude Paris

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Auf einen Camembert lässt sich wunderbar mit schwarzer Lebensmittelfarbe das Muster eines Fußballs zeichnen – die kreative Verkaufsidee eines Käseladens in Paris. Ein Bäcker im westfranzösischen Bonchamp bestreicht seine Baguettes in den Farben der Trikolore, blau-weiß-rot. Auch französische Schokoladenhersteller und Konditoren lassen sich derzeit zu thematisch passenden Kreationen hinreißen, um ihre Begeisterung über das Erreichen der „Bleus“ des WM-Finales am Sonntag auszudrücken – und jene ihrer Kunden für sich zu nutzen.

Seit dem 1:0-Sieg der französischen Nationalelf gegen Belgien am Dienstagabend herrscht Feierstimmung im ganzen Land. Frankreich-Fahnen wehen an Balkonen und aus Autofenstern, Flaggen und Fan-Schals finden guten Absatz. Schon vor dem Turnier in Russland galt die „Equipe Tricolore“ als ein Favorit auf den Titel, mit jedem Sieg wuchs der Enthusiasmus im Land, bis er in der Nacht nach dem gewonnenen Halbfinale eine Art verfrühten Höhepunkt fand: Autos düsten laut hupend durch die Straßen, Abertausende frenetische Fans verwandelten die Pariser Champs-Elysees in ein Jubelmeer, um das Rathaus, wo das Spiel auf einer riesigen Leinwand vor 20 000 Fans übertragen wurde, herrschte Verkehrschaos. Und auch die Experten sind des Lobes voll. Die Sportzeitung L’Equipe verneigte sich vor der reifen Vorstellung der „Baby Bleus“, der zweitjüngsten Mannschaft des Turniers. „Leidenschaftlich, methodisch, überlegen“ sei dieser Auftritt gewesen.

Von Lümmeln zu Nationalhelden

Die Stimmung weckt nostalgische Erinnerungen an das legendäre Jahr 1998, als die französische Auswahl im eigenen Land Weltmeister wurde. Dieser Triumph wurde nicht nur aus sportlicher Sicht gefeiert, sondern auch gesellschaftlich-politisch interpretiert: Eine Mannschaft aus Schwarzen, Weißen und Arabern – „black, blanc, beur“– schien zu beweisen, dass das französische Integrationsmodell funktioniert und das multikulturelle Zusammenspiel erfolgreich sein konnte. Wie der algerischstämmige Zinedine Zidane oder Lilian Thuram aus dem französischen Überseegebiet Guadeloupe erhalten auch heute Männer wie der Siegtorschütze Samuel Umtiti, Kylian Mbappé und Paul Pogba den Status von Nationalhelden, welche es durch ihre dunkle Hautfarbe in einem anderen Kontext nicht unbedingt leicht hätten.

Ausgerechnet sie versöhnen so manchen Unterstützer mit dem Sport nach einigen schwierigen Jahren, in denen den französischen Fußballern der Ruf anhing, überbezahlte Lümmel zu sein. Bei der WM in Südafrika 2010 sorgten einige Kicker mit ihrem Trainingsboykott sowie das verfrühte Ausscheiden für Entsetzen. Skandale um Spitzenspieler wie Franck Ribéry, der eine Affäre mit einer minderjährigen Prostituierten hatte, oder Karim Benzema, dem der Erpressungsversuch eines Kollegen vorgeworfen wurde, brachten Negativ-Schlagzeilen. Und galt der frühere Trainer Raymond Domenech zeitweise als „meistgehasster Mann Frankreichs“, so hat sein Nachfolger Didier Deschamps gute Chancen auf Rekord-Beliebtheitswerte, sollte seine Mannschaft die nun überbordenden hohen Erwartungen erfüllen.

Doch sie sind gewarnt durch die böse Erinnerung daran, vor zwei Jahren im eigenen Land den EM-Titel verschenkt zu haben. „Die Schmerzen haben wir noch nicht vergessen“, meint Deschamps. „Deshalb müssen wir alles dafür tun, dass es diesmal anders ausgeht.“ Damals war sein Team nach dem 2:0 im Halbfinale gegen Deutschland als klarer Favorit ins Endspiel gegangen – und die Ernüchterung nach dem 0:1 gegen Portugal groß. Die Lektion, das beteuern alle, haben sie gelernt. Am Sonntag wollen sie das Champ de Mars unter dem Eiffelturm zur Partyzone machen, wo mehrere Zehntausend Zuschauer das Spiel auf einer Großleinwand verfolgen werden.

Durch den allgemeinen Stimmungsaufschwung könnte auch Präsident Emmanuel Macron auf bessere Umfragen hoffen. Er saß bereits am Dienstag im Publikum in Sankt Petersburg und wird beim Finale in Moskau dabei sein. Fußball-Triumphe, so scheint es, sind ebenso gut fürs Geschäft wie für die Politik. (mit dpa, sid)

Im Blickpunkt, Seite 4

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