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Freitag, 12.01.2018

Alles dicht beisammen

Deutschlands beste Shorttracker trainieren in den Niederlanden und testen bei der EM in Dresden das letzte Mal für Olympia.

Von Maik Schwert

Anna Seidel
Anna Seidel

© Robert Michael

Die deutsche Olympia-Norm hatte Anna Seidel bereits Anfang Oktober in der Tasche. In einer Phase, in der für andere Athleten auf Eis und Schnee die Saison noch nicht losgegangen war, durfte sie schon von Pyeongchang träumen – und mit ihr Bianca Walter. Seit Ende November können beide für Südkorea planen. Der Weltverband vergab zwei Quotenplätze an die Shorttrackerinnen.

Die Dresdnerinnen führen das vor allem auf ihr neues Training zurück. Seit Juli drehen sie ihre Runden bei Wilma Boomstra in Utrecht. Die Niederländerin brachte beide in eine neue Bestform. „Es fühlt sich gut an, was sie macht“, sagt Seidel. „Wilma ist eine sehr starke Persönlichkeit und bringt einen Schwung rein, der uns alle mitzieht. Auch auf mentalem Gebiet hat sie uns allen stark geholfen.“

Boomstra arbeitet vor allem an technischen Defiziten. „Sie hat ein Auge für Details, die mir bis dahin nicht aufgefallen sind“, sagt Seidel und nennt als Beispiel, dass sie den Oberkörper parallel zum Eis halten soll. Die 19-Jährige korrigierte auch Arm- und Hüfthaltung, damit sie schneller durch die Kurve kommt. Boomstra legte „einen Schwerpunkt darauf. Das kannte ich so aus Deutschland nicht.“

Anders ist auch die Trainingsmethodik. „Die Einheiten sind kürzer, dafür intensiver, mit vielen Staffeln und weniger langen Pausen. Da gibt es kein Verschnaufen.“ Weil die Eiszeiten in Utrecht häufig ein Drittel kürzer als in Dresden sind, arbeiten sie in der knappen Zeit konzentrierter. „Wilma ist ab und zu sogar eine Art Große-Schwester-Ersatz, wenn ich es brauche.“

Das war hin und wieder notwendig, denn ihr fiel der Umzug in die Niederlande schwer. „Ich habe bisher nur daheim gewohnt und vor allem meine Familie und Freunde sehr stark vermisst.“, sagt Seidel. Manchmal bedauerte sie die große Entfernung: „Ich bin ja eine, die gern mit Leuten zusammen ist.“ Jetzt lebt das Dresdner Duo – für das Nachbarland fast standesgemäß – in Bilthoven auf einem Campingplatz in einer Blockhütte. Für mehr reichte das Geld des deutschen Verbandes nicht.

Die Athleten arrangierten sich damit. „Wir haben ein Bett, eine Küche und kommen damit klar“, sagt Seidel. „Es ist zwar nicht wie zu Hause, aber okay, warm und ja auch nur für eine befristete Zeit.“ Ihr Heimweh hat sich gelegt. „Mir geht es inzwischen wirklich gut. Ich gewöhne mich an alles, und dank Internet und dem Fakt, dass wir alle paar Wochen für einige Tage nach Hause fahren, geht das schon.“ Sieben bis acht Stunden braucht die Reisegruppe im Auto oder Kleinbus für die 741 Kilometer zwischen Dresden und Utrecht.

Zu Hause kümmert Seidel sich dann auch direkt um ihr Abitur. Die Prüfungen stehen bevor. Shorttrack und Schule verbindet sie aber schon seit der vierten Klasse. „Sehr anstrengend, aber alles Gewöhnungssache. Die Lehrer sind echt gut. Ich darf auch mal um Aufschub bitten und bekomme immer Aufgaben für die nächsten Wochen mit“, meint der Teenager. Bloß ein Fach ist ein echtes Problem: Mathematik.

Die Rundenhatz auf Kufen fällt ihr deutlich leichter. Von Freitag bis Sonntag testen Seidel und Walter nun noch mal ihre Form bei der Heim-EM. Und anschließend geht es Schlag auf Schlag: zwei Wochen Niederlande, Rückkehr nach Dresden, Olympia – und für Seidel noch das Abitur.

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