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Freitag, 09.11.2018

Alleine für die Revolution

Statt eines Flashmobs wurde der Auftritt im Hauptbahnhof zu einer One-Man-Show.

Von Daniel Krüger

Am Hauptbahnhof verkündete Matrosendarsteller Steffen Zänker vor vielen Zuschauern die frohe Kunde.
Am Hauptbahnhof verkündete Matrosendarsteller Steffen Zänker vor vielen Zuschauern die frohe Kunde.

© Ronald Bonß

Von vorrevolutionärer Stimmung ist an diesem Donnerstag um kurz nach 15 Uhr noch nichts zu spüren. Im Dresdner Hauptbahnhof wartet eine Gruppe Jugendlicher auf den Zug, Passanten stehen am Infoschalter, und einige Bundespolizisten beginnen ihren Rundgang durch das Gebäude. Doch kurze Zeit später bildet sich eine kleine Traube von Menschen in der Eingangshalle. In der Mitte: Ein Mann, Mitte vierzig, rundliche Brille, Matrosenuniform. Auf seiner Mütze steht S.M.S. Thüringen. Nanu, wir sind hier doch in Sachsen?

Der Mann heißt Stefan Zänker und ist Geschäftsführer des Weimarer Republik e.V. Der Verein, der vom Bundesjustizministerium gefördert wird, will die Erinnerung an die Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg aufrechterhalten.

Dafür ziehen Zänker und seine Kollegen schon die ganze Woche quer durch die Bundesrepublik. An insgesamt 47 Bahnhöfen veranstalten sie dabei mehr oder minder spontan wirkende Flashmobs. Der Ablauf ist dabei immer der gleiche. Ein Hauptdarsteller in Matrosenuniform steht auf einem kleinen Hocker und hält eine etwa zehnminütige Rede. Historisch sollen die Tage nach dem Kieler Matrosenaufstand nachgespielt werden.

Damals befahl die Seekriegsleitung der Hochseeflotte einen Angriff auf die britische Marine. Obwohl der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Als Zeichen gegen die Entscheidung verweigerten die Soldaten den Befehl, revoltierten und reisten dann durch das gesamte Reich, um den Kaisersturz zu fordern. Den Befehl erhielt zuerst ein Schiff namens Thüringen, erklärt Zänker seine Mütze. Dann ist es 15 Uhr 30, der Mob, mittlerweile über 60 Zuschauer, muss geflasht werden. Der 43-Jährige steigt mit einem Handzettel auf das Pult. Was im Publikum keiner weiß: Zänker springt nur ein. Die Stimme des eigentlichen Matrosendarstellers hat heute früh versagt. Fünf Tage Schreien in lauten Bahnhöfen war zu viel.

Für Zänker kein Problem. Obwohl er recht leise spricht und vergessen hat, einen Knopf an seiner Uniform zu schließen, fordert er trotzdem enthusiastisch: „Wir haben die Flotte entwaffnet! Wollt ihr auch Frieden? Wahlrecht für alle!“ Die Menge stimmt jubelnd zu. Dann die Zwischenfrage: „Auch für Frauen?“ Großes Gelächter, Ein heiteres Schauspiel ist der Auftritt, auch wenn einige mehr Menschen im Kostüm erwartet hätten. So gleicht das Ganze weniger einem Flashmob als einer One-Man-Show. Zumindest der Inhalt hat überzeugt: Ein älteres Ehepaar ist extra zum Hauptbahnhof gekommen: „Es ist wichtig, immer wieder an die Kriegsgeschichte zu erinnern,“ sagt die Frau. Wirkung erzielt, Zänker steigt in den nächsten Zug.

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