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Dienstag, 07.08.2018

Abschied von Paco

Der Stürmer wechselt ausgerechnet zum Erzrivalen ins Erzgebirge. Was sich nach Flucht anhört, ist von Dynamo gewollt. Am Ende sagt er: „Glück auf“.

Von Tino Meyer

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Aues Präsident Helge Leonhardt mit Pascal Testroet, der am Dienstag auch schon sein neues Trikot Probe getragen hat.
Aues Präsident Helge Leonhardt mit Pascal Testroet, der am Dienstag auch schon sein neues Trikot Probe getragen hat.

© Erzgebirge Aue

Beim Spiel gegen Duisburg sitzt Pascal Testroet (rechts, mit Mütze)auf der Tribüne. Neben ihm der noch nicht wieder genesene Sören Gonther, dahinter Erich Berko.
Beim Spiel gegen Duisburg sitzt Pascal Testroet (rechts, mit Mütze)auf der Tribüne. Neben ihm der noch nicht wieder genesene Sören Gonther, dahinter Erich Berko.

© Robert Michael

In seiner ersten Saison (2015/2016) spielte sich Testroet in die Herzen der Dynamo-Fans. Mit 18 Toren trug er entscheidend zum Weideraufstieg in die 2. Bundesliga bei.
In seiner ersten Saison (2015/2016) spielte sich Testroet in die Herzen der Dynamo-Fans. Mit 18 Toren trug er entscheidend zum Weideraufstieg in die 2. Bundesliga bei.

© Archiv: Robert Michael

Plötzlich geht alles ganz schnell – auch im Fall Pascal Testroet. Mag man sich am Montagabend noch gewundert haben, warum Dynamos Publikumsliebling und spielstarker Mittelstürmer bei dem 1:0-Auftaktsieg gegen Duisburg nicht mal einen Platz im 18-Mann-Spieltagskader gefunden hat geschweige denn in der Startelf, folgt die Erklärung am Morgen danach.

Von einem sich anbahnenden Transfer-Hammer kündet das Internetportal Tag 24, einen Transferkracher nennt es die Bild-Zeitung – und Testroet selbst im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung eine verrückte Sache: Er wechselt nach Aue, ausgerechnet zum Erzrivalen im Erzgebirge. „Die haben Vollgas gegeben von der ersten Sekunde, die wollten mich unbedingt. Und ich stehe auf verrückte Dinge“, sagt Testroet, Spitzname Paco, dem nach eigener Aussage noch zwei, drei andere Anfragen vorlagen.

Neuhaus legt den Abgang nahe

Bewusst aber hat er sich für Aue entschieden, und zwar aus sportlichen, nicht etwa geografischen Überlegungen. Dynamos Ligakonkurrent sucht seit Wochen händeringend Ersatz für den zu Hertha BSC gewechselten Mittelstürmer Pascal Köpke – und Vornamensvetter Testroet seit der Vorwoche einen neuen Arbeitgeber. „Vorm letzten Test gegen Aston Villa habe ich gemerkt, dass mich der Trainer wieder nicht spielen lässt. Ich habe das Gespräch mit ihm gesucht, und er hat mir signalisiert, dass ich mich umgucken kann“, erzählt der 27-Jährige.

Dass er vorm Saisonstart alle Interviewanfragen abgelehnt habe, sei also kein Medien-Boykott gewesen. „Ich hatte nur keinen Bock auf Lügengeschichten“, sagt Testroet, der in einem weiteren, abschließenden Gespräch mit Neuhaus sowie Sportchef Kristian Walter die Freigabe bekommen hat: „Sie haben mir mitgeteilt, dass ich keine großen Einsatzzeiten mehr erhalte, dass ich mich nach einem neuen Verein umgucken soll. Sie legen mir keine Steine in den Weg.“

Aue ist demnach ein Neuanfang, einer mit Frau und Kind. Die Vermutung, im beschaulichen Erzgebirge zu spielen und weiter in der schönen, großen Landeshauptstadt zu wohnen, liegt ja nahe – ist aber falsch. „Wir ziehen um. Ich bin keiner, der gern Auto fährt“, sagt Testroet. Er klingt erleichtert, zufrieden, neu motiviert, nachdem der Transfer auch formal abgeschlossen ist. Bereits am Mittag zeigt ein erstes vom FC Erzgebirge veröffentlichtes Video bei Facebook, wie Testroet mit Präsident Helge Leonhardt in die Geschäftsstelle spaziert, sozusagen ein Willkommensgruß im Schacht. Ob der Stürmer der Königstransfer sei, wird Leonhardt gefragt. „Es gibt in Deutschland keine Könige mehr“, antwortet der Vereinschef bekanntermaßen knorrig. Doch der Stolz über den gelungenen Coup ist ihm anzumerken, sehr sogar. Danach unterschreibt Testroet einen Drei-Jahres-Vertrag bis Juni 2021.

Kurz nach 13 Uhr gibt der Verein den Wechsel schließlich offiziell bekannt, eine gute Stunde später meldet sich Dynamo per Pressemitteilung. „In einem gemeinsamen Gespräch ist klar geworden, dass Paco bei uns in Zukunft nicht mehr die gewünschten Einsatzzeiten bekommen wird, die er sich vorstellt“, bestätigt Sportchef Walter. Deshalb ist man dem Wunsch des Spielers nachgekommen und hat den bis 2019 laufenden Vertrag vorzeitig aufgelöst. Über die Höhe der Ablösesumme haben beide Seiten das übliche Stillschweigen vereinbart, sie dürfte bei rund 300 000 Euro liegen – und damit unter Testroets Marktwert. Dynamo hatte schließlich ein Interesse an dem Geschäft. Neuhaus deutete am späten Montagabend an, künftig mehr auf antrittsschnelle Spieler zu setzen wie den Torschützen gegen Duisburg Lucas Röser und Moussa Koné. Ob es sich dabei um den offiziellen Grund handelt oder eine Version für die Öffentlichkeit, ist nicht bekannt.

So zügig Testroets Wechsel schließlich vollzogen worden ist, so sehr hat sich der Abgang angedeutet. Dass es seit längerem mindestens atmosphärische Störungen zwischen Trainer und Spieler gibt, ist offenkundig gewesen. Was sich genau ereignet hat, verrät jedoch keiner der beiden.

Testroet kritisiert das Spielsystem

In unschöner Erinnerung dürften Neuhaus einige Verbalattacken des Stürmers geblieben sein. Vor einem Jahr hatte Testroet im Trainingslager mangelndes Vertrauen seitens des Trainers anklingen lassen, am Ende der Vorsaison das taktische System mit nur einem Angreifer kritisiert. Solche Misstöne registriert Neuhaus ganz genau. Testroet dagegen hat sich nur schwer damit anfreunden können, nach der Aufstiegssaison 2015/16 mit 18 erzielten Toren im Jahr zwei bei Dynamo lediglich Nummer zwei hinter Stefan Kutschke zu sein. Und dass Neuhaus ihn im Frühjahr 2018 zunächst ignoriert hat, obwohl sein Ende Juli 2017 erlittener Kreuzbandriss längst auskuriert gewesen sei, störte Testroet auch.

Zum Abschied betont er, drei Jahre alles für Dynamo gegeben zu haben bis zur allerletzten Sekunde. „Doch ich will spielen, und das in der zweiten Liga“, sagt Testroet und verabschiedet sich – mit „Glück auf“. Sprachlich ist er schon auf dem neuesten Stand, nur die Farbumstellung könnte gewöhnungsbedürftig sein: von schwarz-gelb zu lila. Auch das Wiedersehen steht bereits fest: Mitte Oktober. Dann hat er Auswärtsspiel – mit Aue in Dresden.

Offen bleibt allerdings vorerst, wie Dynamo auf den forcierten Abgang reagiert. Vermutlich geht es jetzt einmal mehr ganz schnell und ein neuer Stürmer kommt. (mit fsc)

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 30 Kommentare

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  1. Thomas

    Och nö, nich der Paco :-(

  2. Matzel

    Warum???????????

  3. Junior

    Das verstehe, wer will. Ein 3/4 Jahr jammert Dynamo, weil sich Paco verletzt hat und dann, wenn er wieder gesund ist schiebt man ihn (ausgerechnet) zu Aue ab. Zu dieser Zeit bekommt man doch keinen gleichwertigen Ersatz zum Schnäppchenpreis. Das sieht mir eher nach disziplinarischen Gründen aus. Wer weiß, warum er wirklich nicht mehr im Kader war.

  4. Senior

    Oder man hat schon einen gleichwertigen Ersatz ;-)

  5. chef24

    Wenn es war wird - danke Paco und Alles Gute für die Zeit nach Dynamo (Warum nicht in Aue?). Ich denke, dass Paco mit seinen Anlagen nicht mehr zum System passt, was Dynamo spielen will. Alles andere würde ich nicht verstehen, außer es ist ein Transferhammer im Anflug, was die Freigabe Paco erklären würde. Schieße viele Tore - außer in den beiden Derbys - und bleib gesund... Unvergessen, dass du uns mit Justin Eilers die 2. Liga ermöglicht hast.

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