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Donnerstag, 08.11.2018

Abgefahrene Ideen

Die Landeskirche kann immer weniger Pfarrer bezahlen – die Kirchgemeinde Weistropp will ihren trotzdem behalten.

Von Udo Lemke

Pfarrer Christian Bernhard liebt seine alte DKW. Um immer neuen Sparrunden in der Kirche zu entkommen, will er mit seiner Gemeinde Neuland erkunden.
Pfarrer Christian Bernhard liebt seine alte DKW. Um immer neuen Sparrunden in der Kirche zu entkommen, will er mit seiner Gemeinde Neuland erkunden.

© Rolf Kühn

Meißen. Nicht nur die Kirche soll im Dorf bleiben, sondern auch der Pfarrer. Doch, was das betrifft, sieht es nicht besonders gut aus. Zählte die Evangelisch-Lutherische Landeskirche nach der Wende sachsenweit noch etwa 1 000 Pfarrer, so sind es heute noch 600. Davon sind noch 550 vor Ort in den Gemeinden. Die anderen arbeiten für die Landeskirche, etwa als Seelsorger in Gefängnissen oder Krankenhäusern, wie Matthias Oelke, der Pressesprecher des Landeskirchenamtes erklärt.

Nicht besser sieht es bei der Zahl der Gemeindemitglieder aus. Die Landeskirche rechnet in den kommenden 20 Jahren mit einem massiven Mitgliederschwund von derzeit knapp 700 000 auf 416 000, teilte der Evangelische Pressedienst mit. Was den Kirchenbezirk Meißen-Großenhain betrifft, so wird damit gerechnet, dass sich die Zahl der 43 000 Kirchenmitglieder in diesem Zeitraum halbieren wird.

Die Landeskirche reagiert mit einer Sparrunde nach der anderen auf diese Situation. Doch damit wollten sich die Mitglieder der Kirchgemeinden St.-Nikolai Weistropp-Constappel und Unkersdorf nicht mehr abfinden. Der Kirchenbezirk Meißen-Großenhain sollte ab 1. Januar 2020 nur noch 37 Pfarrstellen haben. Die von Christian Bernhardt in Weistropp sollte nicht mehr dabei sein. Daraufhin wurde eine Petition an die Landeskirche geschickt. Das Besondere daran: Nicht nur die 600 Mitglieder der Kirchgemeinden hatten unterschrieben, sondern mehr als 500 nicht kirchlich Gebundene.

Einen ersten Erfolg nennt Pfarrer Bernhardt. „Nun soll die Pfarrstelle in Weistropp bis 2025 bestehen bleiben. Das ist die Zeit, in der wir eine Lösung finden müssen.“ Die Frage ist, ob es Möglichkeiten gibt, die Pfarrstelle kozufinanzieren? Natürlich hat man sich in den Kirchgemeinden darüber schon den Kopf zerbrochen. Herausgekommen sind drei Ideen. Erstens könnte man die Stelle in Weistropp teilen, der Pfarrer arbeitet die Hälfte für die Gemeinden, die andere für die Landeskirche, etwa in der Seelsorge oder als Jugendpfarrer für den Kirchenbezirk. Zweitens.

„Vielleicht ließe sich auch die Wirtschaft mit ins Boot holen, wir haben ja große Gewerbegebiete, etwa in Klipphausen oder Wilsdruff.“ Man könnte also so etwas wie eine Betriebsseelsorge aufbauen, dafür müsste die Wirtschaft in die Tasche greifen. Und drittens wäre zu überlegen, ob sich die vielen Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche in den St. Nikolai-Kirchgemeinden nicht für nichtkirchliche Kinder und Jugendliche vermarkten lassen. Wer Angebote mit Boot, Rad, Motorrad oder per pedes nutzt, müsste dafür bezahlen.

Pfarrer Bernhardt ist sich darüber im Klaren, dass es ziemlich schwankender Boden ist, den er und seine Gemeindemitglieder betreten. Aber bei einer prominent besetzten Diskussionsrunde am 25. Oktober in der Kirche Unkersdorf, u. a. mit dem stellvertretenden Landesbischof Peter Meis und Superintendent Andreas Beuchel, sei man ermutigt worden. Moderator Eckhard Zemmrich, er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität Berlin, erklärte: „Es ging konkret um die Kofinanzierung der Pfarrstelle in Weistropp, ich weiß nicht, ob das verallgemeinerbar ist.“

Es käme auf den Versuch an. An die Finanzierung der Kultur im ländlichen Raum durch das Kulturraumgesetz angelehnt, wäre eine Finanzierung von Pfarrstellen über ein ähnliches Modell vorstellbar. Nämlich dann, wenn man diese Stellen als Orte der Produktion von Kultur und von Werten betrachtet. Die vorgeschriebene Trennung von Kirche und Staat wäre davon nicht berührt, den um Glaubensinhalte im engeren Sinne würde es ja nicht gehen.

Die neue Landesregierung erklärt immer wieder, mehr für den ländlichen Raum tun zu wollen – die Pfarrhäuser als kulturelle Hotspots in der Fläche zu erhalten, wäre so etwas.