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Freitag, 09.11.2018

80 Kerzen brennen an den Stolpersteinen

In einer Veranstaltung erinnern Döbelner an die Pogromnacht vor 80 Jahren.

Von Jens Hoyer

An der Breiten Straße werden Kerzen an die Stolpersteine für die Familie Totschek gestellt, die dort ein Herrenkonfektionsgeschäft hatte. Gegen Hugo Totschek wurde in der antisemitischen Zeitung „Der Stürmer“ gehetzt. Er wurde 1933 verhaftet und wenig später erhängt in seiner Zelle in Freiberg gefunden.
An der Breiten Straße werden Kerzen an die Stolpersteine für die Familie Totschek gestellt, die dort ein Herrenkonfektionsgeschäft hatte. Gegen Hugo Totschek wurde in der antisemitischen Zeitung „Der Stürmer“ gehetzt. Er wurde 1933 verhaftet und wenig später erhängt in seiner Zelle in Freiberg gefunden.

© André Braun

Döbeln. Die Döbelner haben am Freitag der Pogromnacht gedacht, in der am 9. November 1938 in Deutschland die Synagogen brannten. Vom Interesse waren die Organisatoren, ein breites Bürgerbündnis mit Kirchen und Institutionen, überrascht. Die fast 150 Besucher passten kaum in den kleinen Saal des Theaters. Es sei immer noch wichtig, an die Pogromnacht vor 80 Jahren zu erinnern, sagte Thomas Hanns als Vertreter des Oberbürgermeisters Hans-Joachim Egerer, der Schirmherr der Veranstaltung war. „Wir sind verpflichtet, die Geschehnisse zu betrachten, zu analysieren und aus dem Wahnsinn zu lernen. Das muss unseren Blick dafür schärfen, wo Rassismus und Totalitarismus beginnen. Es ist spannend, darüber nachzudenken, wie sich die Menschen heute in der gleichen Situation verhalten würden.“

Die Pogromnacht sei ein Zivilisationsbruch gewesen, der in der Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden gipfelte, sagte Lothar Beyer, Beigeordneter des Landrats. „Wir haben heute eine gefestigte Demokratie, aber die Sicherheit ist trügerisch. Wir müssen wachsam sein und ein Abgleiten über den Populismus in den Extremismus verhindern. Die Sprache ist aggressiv und verroht und die Gewaltschwelle sinkt.“

In Döbeln selbst war am 9. November 1938 wohl nicht viel passiert. Der Döbelner Helfrid Piper habe zwar in einem Buch beschrieben, dass die Türen von zwei Geschäften eingedrückt wurden, aber es seien keine Hinweise darauf zu finden, sagte Stephan Conrad vom Verein Treibhaus. „Die meisten Geschäfte sind von den jüdischen Besitzern schon vorher aufgegeben worden. Es lebten nur noch einzelne Juden in der Region.“ Boykottaufrufe gegen jüdische Geschäfte und Verleumdungen im nationalsozialistischen Hetzblatt „Der Stürmer“ hatte es schon vorher gegeben. Viele Juden seien damals in die anonymen Großstädte gegangen, so Conrad.

Die Döbelner Familien Glasberg und Gutherz zogen nach Berlin. Nur Ruth Glasberg, die mit einem Kindertransport 1940 nach Schweden kam, überlebt. Mit ihr hatte Michael Höhme, Leiter des Lessing-Gymnasiums, vor 19 Jahren sprechen können. Und sie besuchte damals zum ersten Mal wieder die Schule, die sie im Mai 1938 verlassen musste. Erst war sie vom damaligen Schulleiter, einem strammen Nazi, allein in die erste Reihe gesetzt worden. Es sei deutschen Schülern nicht zuzumuten, neben Juden zu sitzen. Später schloss er sie und ihren Bruder Karl ganz vom Unterricht aus und erteilte Hausverbot. Die Tochter von Ruth Glasberg, die in England lebt, schenkte dem Gymnasium das Familienalbum. „Sie war dankbar, weil wir die Geschichte ihrer Familie erforscht hatten“, sagte Michael Höhme.

In den vergangenen Jahren sind in der Stadt 16 Stolpersteine für verfolgte und ermordete Juden verlegt worden. An ihnen wurden am Freitag 80 weiße Rosen abgelegt und 80 Kerzen aufgestellt.

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