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Dienstag, 02.01.2018

Zurück an der Schule

Fast alle Lehrer gehen vorzeitig in Rente. Dabei werden sie in den Schulen dringend gebraucht. Zurückkommen ist nicht einfach.

Von Andrea Schawe

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© Symbolfoto: dpa/Wolfram Kastl

Sie wollte aufhören. „Ich hatte keine Lust mehr“, sagt Christel Richter. Die wenigen Freiräume, um in der Oberschule kreativen Unterricht zu machen, der zunehmende Druck der Eltern, die fehlende Wertschätzung ihrer Arbeit – nach all den Jahrzehnten als Lehrerin wurde ihr das zu viel. Also ging die Hohendubrauerin im Juli 2015 mit 63 Jahren in Rente. „Ich war froh, dass ich erst einmal weg war“, sagt sie.

Zwei Jahre später steht Christel Richter in der Oberschule Mücka im Landkreis Görlitz wieder vor den Kindern. Seit den Herbstferien unterrichtet sie Englisch in den Klassen 5 bis zehn, 23 Stunden in der Woche. „Hauptsächlich aus ideologischen Gründen“, sagt sie. „Einer muss es ja machen, sonst fällt so viel Unterricht aus.“

Derzeit scheiden neun von zehn Lehrer mit 63 Jahren aus dem Schuldienst aus, bis 2025 werden voraussichtlich 15 000 Lehrer vorzeitig in Rente gehen. „Viele von ihnen gehen nicht ohne Grund, sondern wegen gesundheitlicher Probleme“, sagt Christel Richter. Sie ist eine von mehr als 1 450 Lehrern über 63, die noch arbeiten. Dazu kommen noch 288 Lehrkräfte im Schuldienst, die das 65. Lebensjahr bereits vollendet haben – und damit trotz voller Rente arbeiten. Mehr als die Hälfte unterrichtet an Grund- und Oberschulen.

In Zeiten, in denen es akut an Lehrern mangelt, versucht Sachsen die Älteren länger im Schuldienst zu behalten. Im 2016 beschlossenen Maßnahmepaket wurde deshalb eine Bindungszulage beschlossen: Wer länger unterrichtet, erhält etwa 700 bis 800 Euro brutto mehr im Monat. Bisher haben nach Angaben des Kultusministeriums 546 Lehrer diese Möglichkeit in Anspruch genommen.

Der Unterrichtsausfall war der Grund, warum Christel Richter aus der Rente an die Schule zurückging. Als ihre Nichte sie um Englisch-Nachhilfe bat, hakte Richter nach. Eine Reise nach London stand bevor, und das Mädchen fühlte sich in der Fremdsprache nicht sicher. Was ist mit dem Englischunterricht? Der fiel an der Oberschule seit Schuljahresbeginn aus, weil die Lehrerin krank war. Eine Sportlehrerin sprang bei den kleineren Klassen ein und übernahm die Vertretung. Um das möglich zu machen, wurden die Unterrichtsstunden in Englisch gekürzt und der Sportunterricht mehrerer Klassen zusammengelegt.

Christel Richter will helfen und fragt beim Schulleiter an, ob sie als Vertretung erwünscht ist. „Er war sichtlich erleichtert, jemanden zu haben, der bereit ist, diese Aufgabe zu übernehmen“, sagt sie. Doch bis es dazu kommt, dauert es. Um wieder unterrichten zu können, muss sich die 65-Jährige über die Bildungsagentur an der Schule bewerben.

Drei Wochen später kommt der Vertrag. „Der hat mich gelinde gesagt etwas empört“, sagt Christel Richter. Für die Tätigkeit sollte sie zwei Stufen niedriger bezahlt werden als in der Zeit des aktiven Schuldienstes – ein Betrag von etwa 1 000 Euro brutto weniger. „Ich frage mich ernsthaft, ob so die Wertschätzung von Kollegen aussieht, die in einer Situation wie dieser bereit sind, einzuspringen?“, sagt Richter. Sie sei in den zwei Jahren „nicht blöder“ geworden. „Ich persönlich empfinde es sogar als Kränkung und Frechheit einem gestandenen Lehrer gegenüber.“

Die Bezahlung regelt sich nach dem Tarifvertrag der Länder, heißt es aus dem Kultusministerium. Nach Paragraf 16 werden Lehrer die mehrjährige Berufserfahrung haben, aber länger als sechs Monate aus dem Dienst ausgeschieden sind, in Erfahrungsstufe 3 von bisher 5 eingruppiert. Eine Zulage werde nicht gewährt, sagt eine Sprecherin des Kultusministeriums. Als finanzieller Anreiz gelte, dass Lehrer ab der Regelaltersgrenze von 65 Jahren ungemindert die gesetzliche Rente und den tariflichen Lohn beziehen, wenn sie wieder arbeiten.

Für Christel Richter gilt das ab Januar 2018. Ihr Vertrag an der Oberschule Mücka läuft noch bis zum Ende des Schuljahres. Auch danach könnte sie sich vorstellen, weiter zu unterrichten – allerdings weniger Stunden. „Es ist ja auch anstrengend, und ich bin nicht umsonst in Rente“, sagt die 65-Jährige. „Es macht mir aber nach wie vor Spaß.“

Damit Schulleiter in Zukunft flexibel Lösungen finden können – etwa weil sie die Rentner persönlich kennen – sollen Schulen ein Budget bekommen. Nach den Plänen der CDU/SPD-Koalition sollen nicht zugewiesene Lehrerwochenstunden als Barmittel zur Verfügung stehen. Damit können Schulleiter unkompliziert mit Externen Honorarverträge abschließen. „Ich würde auch auf Abruf Vertretungsstunden geben, wenn Lehrer krank sind“, sagt Richter. Dafür gebe es bisher keinen Spielraum. Man müsse aber „kurzfristig, flexibel, marktbezogen auf die Situation reagieren und nicht nur jammern, dass es keine Lehrer gibt“, so die Lehrerin.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 18 Kommentare

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  1. Jochen

    Ja das ist die Wahrheit über die CDU Bildungspolitik die in dem Artikel steht. Die neue"3erBande" hat ja aber die genügende "Draufsicht" auf die Schulpolitik. Eine Einsicht ist offenbar nicht erforderlich! Lehrer die bereit sind die Schulen zu unterstützen werden bestraft!! "Die Bezahlung regelt sich nach dem Tarifvertrag der Länder, heißt es aus dem Kultusministerium" Aber diese Verträge werden von der Politik verantwortet!!

  2. @Jochen

    #1: Nicht ganz: Tarifverträge werden mit den Gewerkschaften verhandelt / vereinbart.

  3. Steinhardt

    Dann hat Hr. Haubitz ja kein Problem wieder als Lehrer in seiner Lieblingsschule anzufangen.

  4. L. Schneider

    Erst nach Vollendung meines 63. Lebensjahres 2017 erhielt ich Kenntnis vom Maßnahmepaket „ Zukunftsfähige Schulen für Sachsen“ vom 26.10.2016, durch meine Schulleitung. Offensichtlich ist der Arbeitgeber seinen Verpflichtungen zu einem diesbezüglichen Personalgespräch nicht zeitnah nachgekommen, um ordnungsgemäß die betreffenden Lehrkräfte zu informieren. Der sofort in die Wege geleitete Antrag auf Bindungszulage wurde bis heute nicht bearbeitet bzw. bestätigt und ich erwäge nun doch vorzeitig in Rente zu gehen. Das alles geht nicht nur auf die Besetzungs-Turbulenzen im Kultusministerium zurück sondern auf die Entscheidungsträger in der SBA. Dort ist man offenbar seit mehreren Wochen im Winterschlaf und der Lehrermangel stört diesen Personenkreis offensichtlich bisher nicht.

  5. Mutter

    "Für die Tätigkeit sollte sie zwei Stufen niedriger bezahlt werden als in der Zeit des aktiven Schuldienstes – ein Betrag von etwa 1 000 Euro brutto weniger." - Dann kann die Not noch nicht groß genug sein. Ein solches "Angebot" ist gelinde gesagt eine Frechheit. Mit der Annahme das Angebots hat Frau Richter sich und anderen keinen Gefallen getan. Respekt davor, dass sie helfen will, aber man darf sich nicht unter Wert verkaufen!

  6. konsequent weiterdenken

    Frau Richter wurde nicht zurück-, sondern neu eingestuft. Aufgrund der einschlägigen Berufserfahrung von mindestens drei Jahren wurde ihr Stufe 3 angeboten. Das hat sie akzeptiert, offensichtlich reichte ihr das also. Andernfalls hätte sie den Vertrag zu diesen Bedingungen nicht angenommen. Eine höhere Einstufung oder Zulage ist prinzipiell möglich, erfordert aber natürlich auch entsprechenden Willen seitens der SBA. Aber warum sollte sie wollen, wenn sie Frau Richter auch für weniger bekommen kann? Stufe 3 entspricht einfach der Regeleinstufung unter den gegebenen Umständen.

  7. Sören Göhler, Dresden

    Es ist eine Schande und bezeichnend für den wahren Zustand des "Bildungssystems" in der BRD, daß Rentner bemüht werden müssen, damit der staatliche Bildungsauftrag zumindest teilweise erfüllt wird. Schulabgänger sind oft nicht wirklich ausbildungsfähig, weil die sogenannten Lehrpläne eher als Leerpläne zu begreifen sind. Das beginnt damit, daß das Lehren des Schreibens heutzutage nicht die Vermittlung einer Rechtschreibung beinhaltet, sondern daß die Kinder schreiben können wie sie wollen: Äß issd ainä Schanndä unnt bätsaischnänt führ das billdungs Süsdehm in dähr Behärrdeh das renn Dnärr bemmühd wärdn müssn damid dähr stahdlische billdungs Offdraag Gans rischdisch gemachd wörd. LOL

  8. @7 Sören Göhler

    Woher nehmen Sie die Erkenntnis, dass Rechtschreibung nicht mehr vermittelt wird? Für Klasse1 nach "Schweizer Modell" mag das stimmen, aber ab Klasse 2 ist Rechtschreibung Pflichtteil des Deutschunterrichts. Es werden auch Diktate geschrieben. Problem ist eher, dass auch seitens der Elternhäuser schlechte Noten im Diktat als gottgegeben hingenommen werden. Zu Hause noch mal üben findet doch quasi nicht mehr statt

  9. Gernot

    So lange es noch (anscheinend) genügend Lehrer und Seiteneinsteiger gibt, die eine zerstörerische und sinnfreie* Sparorgie des Freistaates weiter unterstützen und Ihre Arbeitskraft - ohne Not - weit unter Wert verkaufen wollen - warum sollte die SBA ihren Rahmen ausschöpfen? Wirkliche Wertschätzung war noch nie das Ding des Kultusministeriums. Wer hindert den Freistaat Sachsen daran seine Zukunftsmacher übertariflich zu bezahlen? *Was haben ICH und SIE von einem schuldenfreien Bundesland Sachsen? Außer, dass wir Sachsen dann verschuldete Bundesländer wie z.B. RLP, NRW, NS oder Bremen unterstützen dürfen (die allesamt ihre Lehrer ordentlich bezahlen), fällt mir irgendwie nichts ein...

  10. Steuerzahler und Vater

    @9 kann ich nur zustimmen. Anstatt dazu beizutragen dass das System sich ändert, hilft Frau Richter kurzfristig einzelnen Kindern. Mit der derzeitigen Bezahlung im Vergleich zu anderen Bundesländern bekommen wir fast nur Lehrer, die woanders nicht genommen werden und damit sacken wir qualitativ nach unten ab (ja auch als angestellter Lehrer wird man so gut wie nie gekündigt). Aber solange Neid und Ignoranz unsere Sicht beherrscht, wird sich nichts ändern. Meine Kinder leiden unter der Situation in der Grundschule. Ein schreiender (offensichtlich überforderter) Lehrer - unterrichtet fast alle Fächer inklusive Sport - obwohl er Gymnasiallehrer (für Sprachen) ist. Danke Herr Tillich, danke Frau Kurt, danke Herr Unland, danke an alle die dieses System mittragen. Frau Kurts Enkel müssen es ja nicht ertragen.

  11. Hundling

    Und wenn man Pech hat, bekommt man auch noch Tuberkulose.

  12. @7

    Das Problem der Rechtschreibung ist doch viel älter. In meiner Grundschulzeit (über 20 Jahre her) brüsteten sich Mitschüler regelrecht damit, noch nie ein Buch gelesen zu haben. Als "Leseratte" war ich Streber und Außenseiter. In den Diktaten hagelte es schlechte Noten - regelmäßiges Lesen fördert nicht nur die Fähigkeit, komplizierte Texte schnell zu erfassen, sondern hilft auch bei der Anwendung von Rechtschreibregeln.

  13. cum laude

    Kann mich #6 nur anschließen und keinen Fehler im System erkennen. Sachsen hat wiedermal alles richtig gemacht. Die im Bundesdurchschnitt "günstigsten" Lehrer zu noch schlechteren Bedingungen einstellen. Steuern gespart und dazu das halbtote Bildungssystem noch ein paar Wochen am Leben gehalten. Grandiose Idee! Ich hoffe, am 31.01.18 kommen noch bessere.

  14. Sören Göhler, Dresden

    @8: Wieso ist erst ab der zweiten Klasse die Rechtschreibung relevant? Wenn ein Wort geschrieben wird, dann sollte das von Anfang an richtig geschrieben werden und nicht zunächst "wie man es spricht", um dann später quasi nochmal von vorn mit dem Lernen zu beginnen!? Was soll der Unsinn? Mit Verlaub, so etwas können sich nur Legastheniker ausdenken und gut finden. Was hältst Du von einer spielerischen Mathematik, um die zarten Kinderlein nicht zu verschrecken? Zum Beispiel, daß 1+1=7 auch erlaubt ist, weil die 7 der 1 optisch ähnlicher ist als die 2 beispielsweise. In der 8. Klasse könnte man dann anfangen, den Schülern diesen Schwachsinn wieder auszutreiben...

  15. Haubitz-Fan

    "Nach den Plänen der CDU/SPD-Koalition sollen nicht zugewiesene Lehrerwochenstunden als Barmittel zur Verfügung stehen." - meiner Erinnerung nach war das einer der Vorschläge von Hrn. Haubitz - aber warum sollte die SZ das im Artikel korrekt erwähnen, wenn man dabei den eigenen Gesellschafter SPD, der bisher in Richtung Bildung, wie die CDU, nur als Totalausfall daherkommt, positiv darstellen kann ...

  16. Berg

    Nun wollen wir mal den Verantwortlichen nicht alle Schuld zuschieben. Um heute die benötigten Lehrer zu haben, hätte vor ca 7 Jahren jemand in die Abi-Klassen gehen müssen und rufen:"werdet Lehrer, denn in 7 Jahren müssen Syrer unterrichtet werden, die kein Deutsch können!" - Und als vor 5 Jahren kleinere Klassenstärken gefordert wurden, ahnte immer noch niemand, dass man dazu mehr Lehrer/innen braucht. - Und wenn immer mehr Lehrerinnen nur Teilzeit unterrichten wollen, dann müssen wieder einige Stundem ersetzt werden. - Meit Rat:: legen wir den Kindern nahe: ihr müsst unter ALLEN Bedingungen bestmögliche Lerergebnisse erzilen!

  17. @Berg (16)

    Wie hoch ist der Anteil von Flüchtlingen an den sächsischen Schulen? Und die Forderung nach kleineren Klassen bringt noch keinen zusätzlichen Lehrerbedarf. Hat die tatsächliche Klassenstärke denn abgenommen? Vermutlich hätte es gereicht, wenn man vor paar Jahren alle geeigneten Bewerber eingestellt hätte. Stattdessen wurden diese mit "wir brauchen erst später neue Lehrer, gehen sie 2 Jahre Straße kehren und bewerben sich dann wieder" weggeschickt

  18. Mutter

    Man kann das problem kurzfristig nur lösen, indem man Lehrpläne entschlackt und die Studentafel reduziert. Die Kernfächer sollten dabei unangetastet bleiben, aber so was wie Religion, Ethik, Gemeinsschaftskunde kann man zusammenfassen, die Neigungskurse abschaffen usw. Das werden einige Lehrerstunden weniger gebraucht. Wenn als Königslösung noch die SBA´s abschafft und die dort sitzenden Lehrer wieder an Schule schickt, würde noch weniger Unterricht ausfallen!

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