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Dienstag, 28.06.2016

Wie viel nackte Haut ist erlaubt?

Das Gerücht geht um, die FKKler sollen sich wegen Flüchtlingen bekleiden. Das sorgte für großen Wirbel.

Von Peggy Zill und Ulrike Keller

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Ein FKKler hat es sich am Oberen Waldteich bei Volkersdorf gemütlich gemacht. Direkt hinter ihm bauen Handwerker das ehemalige Kinderkurheim zum Asylbewerberheim um.
Ein FKKler hat es sich am Oberen Waldteich bei Volkersdorf gemütlich gemacht. Direkt hinter ihm bauen Handwerker das ehemalige Kinderkurheim zum Asylbewerberheim um.

© Norbert Millauer

Ein Bretterzaun soll vor neugierigen Blicken schützen.
Ein Bretterzaun soll vor neugierigen Blicken schützen.

© Norbert Millauer

Moritzburg. Das verschlafene Volkersdorf sorgt seit Tagen für Schlagzeilen. Auch international. Die Waldteichfreunde sollen nicht mehr nackig baden gehen dürfen, weil gegenüber ein Flüchtlingsheim gebaut wird. So stand es in der Bild-Zeitung. Viele sind jetzt sauer auf die Flüchtlinge, manche auf die FKKler und andere auf die Deutsche Gesellschaft für Badewesen. Und das ohne Grund.

Journalisten sind auf dem Campinggelände nicht mehr gern gesehen. Sogar ein Aushang warnt alle Waldteichfreunde davor, mit der Presse zu sprechen. Besonders wenn es um das Thema Asyl geht. „Wir haben nichts gegen die Flüchtlinge. Aber die vielleicht gegen uns“, sagt eine Dauercamperin, die eigentlich nichts sagen darf. Ursprünglich hatten die Waldteichfreunde nur angefragt, ob sie für ihren Zaun zwischen Gelände und Feld einen Sichtschutz bekommen. Damit die Flüchtlinge, die ins ehemalige Kinderheim einziehen sollen, die Camper, die manchmal nackt sind, nicht sehen. Beim Baden würden sie diese eh nicht beobachten können. Die Waldteichfreunde springen in den Niederen Waldteich, das Heim steht am Oberen.

Äußerst verwundert zeigt sich Vereinschefin Kerstin Richter über den Brief, der scheinbar alles ins Rollen brachte: Post vom CDU-Landtagsabgeordneten Sebastian Fischer, die die Waldteichfreunde vergangene Woche erreichte. Darin hatte der als AfD-Sympathisant bekannte Nachwuchspolitiker dem Moritzburger Verein die Bäderordnung zur freien Verwendung zugeschickt.

Konkret einen Aushang für Schwimm- und Freibäder in Arabisch, Farsi und Urdu. Dieser Aushang enthält Verhaltensregelungen wie das Baden mit Badebekleidung. „Den Brief haben wir sofort zur Seite gelegt, weil der Aushang gar nicht zu unserem Gelände passt“, sagt die Vereinschefin. „Wir besitzen eine eigene Geländeordnung und benötigen keine allgemeine Schwimmbadordnung, in der es um geflieste Bereiche und so weiter geht, die wir gar nicht haben.“

Für FKK- und Naturbäder sind die Regeln auch gar nicht gedacht, wie Joachim Heuser, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Badewesen in Essen, erklärt. Von Volkersdorf hatte er bis vor ein paar Tagen noch nie etwas gehört. Nun bekommt der Verband jeden Tag böse E-Mails. Die Sicherheitshinweise haben sich manche Schwimmbäder gewünscht, weil es Fälle gab, da sind die Asylbewerber in Unterhosen gekommen oder ins tiefe Becken gesprungen, obwohl sie nicht schwimmen können. Die Aushänge können auf der Website kostenlos in verschiedenen Sprachen heruntergeladen werden. „Niemand ist verpflichtet, diese aufzuhängen“, sagt Heuser.

Der Zaun sollte erhöht werden

Nun haben auch noch Stern und Mopo24 berichtet. Dort ist die Rede von Sachsens AfD, die auf einem Werbebanner für das Recht aufs Nacktbaden kämpft. Bereits am Mittwoch distanzierten sich die Waldteichfreunde Moritzburg auf Facebook von dieser Unterstützung. „Es handelt sich dabei um Populismus in seiner reinsten Form, denn bis jetzt will uns niemand das Nacktbaden verbieten!“, heißt es. Gegenüber der SZ sagt Kerstin Richter, die Waldteichfreunde Moritzburg wöllten nicht in einem Zug mit der AfD genannt werden, und man brauche auch deren Hilfe nicht. „Die Partei ist so konservativ, aber will sich angeblich für FKKler stark machen. Das ist überhaupt nicht stimmig.“ Vielmehr bekräftigt sie, der Verein sei ein Familiensportverein. „Und wir haben nichts gegen Flüchtlinge“, betont sie.

Auch in der Siedlung des Prießnitz-Vereins am anderen Ufer ist der Artikel das Gesprächsthema des Tages. „Hast du schon gehört? Wir sollen uns jetzt immer anziehen!“ erzählt man sich über den Gartenzaun. Die 130 kleinen Häuschen stehen direkt neben dem geplanten. Auch die Siedler springen gelegentlich gern nackt in den Oberen Waldteich – wenn nicht zu viele Algen drin sind. Es geht aber nicht nur ums Nacktbaden. Die fremden Nachbarn könnten sich auch daran stören, wenn in Badehose Rasen gemäht wird, befürchtet Vereinschef Volkmar Schiekel. Deshalb habe man gehofft, dass der Zaun, der die Siedlung vom ehemaligen Kinderkurheim trennt, etwas erhöht wird.

Im November gab es eine Versammlung mit der Ausländerbehörde. Volkmar Schiekel war auch zur Einwohnerversammlung in der Bärnsdorfer Kirche. Wichtig war den Siedlern, dass die ursprüngliche Grundstücksgrenze wieder hergestellt wird. Dem Kinderheim hatte der Verein ein Stück Wiese zur Verfügung gestellt. Nun steht dort ein neuer Maschendrahtzaun. Weiter oben an der ersten Baracke ist ein Bretterzaun. Kein ausreichender Sichtschutz, wie viele finden.

Mehr als 100 Flüchtlinge am Waldteich unterzubringen, ist keine gute Idee, sagen viele. Nicht nur, weil dort nackt gebadet wird. „Die nächste Bushaltestelle ist anderthalb Kilometer entfernt, der nächste Laden dreieinhalb Kilometer“, sagt Schiekel. An der schmalen Straße stehen keine Laternen und im Winter ist nicht einmal der Winterdienst gefahren. „Natürlich gibt es Bedenken. Ich habe von meinen Mitgliedern etliche Briefe erhalten, aber wir haben nichts davon, Bambule zu machen.“

Stadtrat Frank Großmann verfasste Anfang des Jahres einen offenen Brief. Ihm werde angst und bange, steht da drin und er wollte wissen, wie die Bevölkerung geschützt werden soll. „Wenn ich sehe, dass direkt neben der Immobilie ein Nacktbadestrand ist, verbietet es sich eigentlich von selber, dort ein Heim zu eröffnen.“ Ein Mitarbeiter der Ausländerbehörde habe nur lapidar geantwortet, dass dann eben eine Hecke gepflanzt werde.

Mitte Juli ist der Umbau fertig

Zugang zum See haben die zukünftigen Bewohner keinen. Und wenn sie baden gehen wollen, würde der Prießnitz-Verein den Zaun dann wieder öffnen? „Das kann ich nicht allein entscheiden. Da müsste ich meine Mitglieder befragen“, sagt Schiekel. Und dafür eine Mehrheit zu finden, sei sicher schwierig. „Aber wir wollen mal die Entwicklung abwarten, wie wir miteinander auskommen.“

Ob und wann die neuen Nachbarn einziehen, steht indes noch nicht fest. Wie Landkreissprecherin Kerstin Thöns erklärt, kann der Zeitplan eingehalten werden. Das heißt, die Umbauarbeiten sind Mitte Juli abgeschlossen. Anschließend wird das Heim hausintern an die Ausländerbehörde übergeben. Da deutlich weniger Flüchtlinge im Kreis ankommen, als zunächst prognostiziert, werden dieses Jahr voraussichtlich keine Flüchtlinge einziehen beziehungsweise nicht vor Spätherbst, heißt es aus der Kreisverwaltung. Auf Wunsch der FKK-Freunde wird in einen Sichtschutz entlang der Gemeinschaftsunterkunft Richtung Bad investiert, so das Landratsamt.

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