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Montag, 04.01.2016

Tom Pauls entgeht knapp einem Felssturz

Wäre der Schauspieler etwas langsamer spaziert, hätte es eine Katastrophe gegeben. Wie gefährlich ist der Sandstein?

Von Daniel Förster und Gunnar Klehm

Das Felssturzdrama Gefährlicher Sandstein

Tom Pauls (l) am Sonntag nahe der Unglücksstelle.
Tom Pauls (l) am Sonntag nahe der Unglücksstelle.

© Christian Bechtel

Struppen. Schrecksekunde für Schauspieler und Kabarettist Tom Pauls: Beim Wandern in der Sächsischen Schweiz ist er am Sonntag Augenzeuge eines Felssturzes geworden und gemeinsam mit seiner Ehefrau Sybille womöglich knapp einer Katastrophe entgangen. Gegen Mittag waren die beiden am Rauenstein, einem linkselbischen Tafelberg bei Struppen, unterwegs. Sie wollten zur Pension Laasenhof, wo sie zum Mittagessen erwartet wurden.

Das Felssturzdrama

Nahe dem Lastenaufzug zur Berggaststätte liefen sie an der Nordostseite des Rauensteins auf einem Kletterpfad am Fuße eines Felsmassivs. „Wir waren gerade an zwei Boofen vorbei, da hat es genau dort, wo wir eben noch gelaufen waren, mörderisch gerumst“, berichtet Tom Pauls. Quasi hinter dem Rücken des Paares hatte sich oberhalb ein großer Sandsteinbrocken gelöst. „Es krachte plötzlich, eine riesige Staubwolke. Unvorstellbar.“ Als der Felsen aufprallte, sei die Gesteinsplatte zerborsten. Bäume knickten um und wurden mitgerissen. „Wir hatten wahnsinniges Glück. Wir waren nicht einmal hundert Meter von der Absturzstelle weg“, schildert der 56-Jährige das Erlebte.

Keine Meldepflicht

So schockierend, wie es jedes Mal ist; Felsstürze zählen zu den typischen Gefahren im gesamten Elbsandsteingebirge, mit denen Besucher und Anwohner rechnen müssen. Laut Nationalparkverwaltung können Felsstürze weder vorhergesagt noch flächendeckend verhindert werden. Der Rauenstein gehört allerdings nicht zum Nationalpark Sächsische Schweiz. Das Land rund um die Abbruchstelle ist in Privatbesitz. Das wurde am Montag beim Staatsbetrieb Sachsenforst geprüft, dessen Mitarbeiter den Privatwald mit bewirtschaften.

Gefährlicher Sandstein

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November 2000: Rund ein Drittel des Wartturms bei Wehlen bricht ab, 800 Tonnen Sandstein donnern rund 60 Meter tief ins Elbtal. Wie durch ein Wunder wird niemand verletzt.

Mai 2005: Felssturz an den Wehltürmen bei Rathen.

Oktober 2006: Geröll stürzt auf eine Straße bei Hinterhermsdorf.

August 2007: Felssturz an der Hunskirchlerspitze im Brandgebiet.

Mai 2009: Felssturz in den Weißen Brüchen bei Wehlen. Eine 50 mal 30 Meter große Sandsteinplatte löst sich und zerschellt oberhalb des Elberadwegs.

Juli 2009: Am Zeltplatz Ostrauer Mühle geht eine Gerölllawine ab und begräbt Teile der Kirnitzschtalstraße unter sich.

Oktober 2009: Im böhmischen Hrensko brechen mehrere große Blöcke aus einer Felswand und stürzen nahe dem Grenzübergang auf die stark befahrene Straße. Die ist über mehrere Monate gesperrt, bis alle Felsen gesichert sind.

März 2010: Rund acht Kubikmeter Fels stürzen von einer Steilwand auf einen Garagenkomplex in Porschdorf. Eine der Garagen wird dabei völlig zerstört.

Februar 2011: Ein Felssturz verschüttet den Wanderweg im Schulzengrund bei Hohnstein. Unweit davon stürzt nur Tage später ein weiterer großer Sandsteinbrocken ins Polenztal. Der Polenztal-Wanderweg wird vorübergehend gesperrt.

April 2011: Unweit der Felsenhöhle Kuhstall oberhalb des Kirnitzschtals bricht ein rund acht Meter hoher, freistehender Sandsteinblock in sich zusammen.

Mai 2012: Oberhalb des Wanderwegs durch die Schwedenlöcher bei Kurort Rathen bricht eine Baumwurzel eine Gesteinsscheibe von etwa 2,50 Metern Durchmesser aus der Wand. Bei seinem Sturz zerschellt der riesige Sandstein-Diskus an einem Felsvorsprung, die Trümmer regnen auf den zu dieser Zeit stark begangenen Wanderweg. Sieben Wanderer werden von Felsbrocken getroffen und verletzt.

Februar 2013: Die Nationalparkverwaltung sperrt den Wanderweg durch die Schwedenlöcher, weil erneut eine Felsplatte abzubrechen droht. Der Fels wird im August 2013 gesprengt.

Juni 2014: Eine Felsplatte löst sich am Wanderweg zur Basteibrücke und stürzt auf den Weg. Eine Frau wird verletzt.

September 2014: Im Kirnitzschtal kommt es zu einem massiven Felssturz. Ein etwa 50 Tonnen schwerer Brocken rollt bis auf die Kirnitzschtalstraße. Weil die in den frühen Morgenstunden kaum befahren war, wird zum Glück niemand verletzt. Die Straße blieb wochenlang gesperrt, der Hang wurde aufwendig gesichert.

November 2014: Am Hang an der Hofewiese in Stadt Wehlen brechen rund 25 Tonnen Gestein aus einer Felsklippe. Einige Brocken beschädigen die darunter liegende Villa Maria.

Beim Geologischen Dienst des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie in Freiberg war am Montag noch nichts von dem Felssturz am Rauenstein bekannt. Die Behörde führt eine Datenbank, in der die Geologen Vorfälle festhalten, bei denen sich an Hängen Erd- oder Gesteinsmaterial löst und in Bewegung setzt. Dass vom aktuellen Fall noch nichts bekannt ist, verwundert nicht, denn es gibt dafür keine Meldepflicht. Nun wolle man sich auf den Weg machen, um die Abbruchstelle und das Gestein ringsum zu bewerten und zu dokumentieren.

Der Geologische Dienst könnte dann analysieren, ob von dem Felsmassiv weitere Gefahr ausgeht. Dazu haben die Geologen aber noch keinen Auftrag. Ob sie den erhalten, ist auch fraglich. Denn direkt an der Absturzstelle gibt es keinen ausgeschilderten Wanderweg. Der dort vorbeiführende Klettersteig ist lediglich für Bergsteiger gedacht, um zu ausgewiesenen Kletterwänden zu gelangen. Selbst wenn der Klettersteig jetzt gefährdet wäre, müsste er nicht zwangsläufig gesichert werden. Die rechtliche Situation ist da eindeutig, heißt es in einer früheren Mitteilung des Sachsenforsts. Demnach seien die Eigentümer nicht für die Sicherung natürlicher Felsbildungen auf ihren Grundstücken verantwortlich. Der Eigentümer der darunter liegenden Flächen muss selbst für die Gefahrenabwehr die Verantwortung übernehmen. Vom Sachsenforst oder der dazugehörigen Nationalparkverwaltung kann man jedoch die Duldung solcher Maßnahmen verlangen.

Nach ersten Schätzungen von Augenzeugen könnten am Rauenstein bis zu 30 Kubikmeter Gestein abgebrochen sein, die mehr als 15 Meter in die Tiefe stürzten. Offenbar haben Frost und Kälte den Felssturz samt Steinschlag ausgelöst. Erstmals in diesem Winter waren die Temperaturen nachts deutlich unter null Grad gesunken.