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Donnerstag, 17.05.2018

Stress im Klassenzimmer

Kulturminister Christian Piwarz (CDU) diskutierte in Radeberg mit Lehrern. Großes Thema war das Gehalt.

Von Thomas Drendel

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Eltern und Lehrer erlebten in der Aula des Humboldt-Gymnasiums einen kämpferischen Kultusminister.
Eltern und Lehrer erlebten in der Aula des Humboldt-Gymnasiums einen kämpferischen Kultusminister.

© Thorsten Eckert

Radeberg. Am Ende musste Frank-Peter Wieth eingreifen. Der Chef der Radeberger CDU hatte zum Diskussionsabend mit dem sächsischen Kultusminister Christian Piwarz (CDU) eingeladen. Etwa 70 Frauen und Männer waren in die Aula des Humboldt-Gymnasiums Radeberg (HGR) gekommen, um mit dem Minister über Stundenausfall, Pädagogenmangel und Lehrergehälter zu sprechen. Als nach fast drei Stunden noch immer viele Hände nach oben gingen, mahnte der Organisator, zum Ende zu kommen. Vermutlich hätte die Fragestunde noch einige Zeit länger gedauert. Die Probleme, die den Lehrern unter den Nägeln brannten, waren vielfältig. Die SZ nennt die wichtigsten Themen des Abends.

Kultusminister skizziert ein düsteres Bild der Lage
Christian Piwarz redete von Anfang an Klartext: Viele Lehrerstellen an Schulen können nicht besetzt werden, da schlicht keine ausgebildeten Pädagogen zur Verfügung stehen. 660 Stellen sind nach seinen Worten in Sachsen offen. Zudem werde an den Schulen in diesem Jahr der Höhepunkt der Altersabgänge bei den Lehrern erreicht. „Die nächsten zwei bis drei Jahre wird es also noch einen hohen Bedarf an Neueinstellungen geben.“

Die hohe Zahl an Seiteneinsteigern zeige den großen Mangel an ausgebildeten Lehrern. „Von den Neueinstellungen sind im Freistaat 62 Prozent Seiteneinsteiger. In Ostsachsen erreicht die Quote mehr als 80 Prozent“, sagte er. Wie bekomme der Freistaat mehr ausgebildete Lehrer in den Schuldienst, das sei die große Frage. Um das zu erreichen hat Sachsen gleich mehrere Initiativen ergriffen. „2011/12 ist die Zahl der Studienplätze erhöht worden. Doch die Ausbildung dauert sieben Jahre, sodass glücklicherweise im nächsten Jahr die ersten Absolventen an die Schulen kommen. Mit der in Aussicht gestellten Verbeamtung von Lehrern bis zu einem Alter von 42 Jahren will der Freistaat den Beruf attraktiver machen. 1,7 Milliarden Euro gibt Sachsen dafür in den nächsten fünf Jahren aus.

Verbeamtungs-Pläne verärgern ältere Lehrer
Die Verbeamtungspläne stoßen nicht bei allen Pädagogen auf Zustimmung. „Durch die Lehrerschaft geht ein Riss. Da sind die einen, die sich begründete Hoffnung auf die Verbeamtung machen können. Auf der anderen Seite sind die älteren Lehrer, die in ihren Berufsjahren gute Arbeit gemacht haben. Sie bleiben Angestellte und werden künftig schlechter als die Beamten bezahlt. Sie fühlen sich ausgegrenzt“, sagte eine Pädagogin des HGR.

Christian Piwarz räumte ein, dass es einen vollständigen Ausgleich nicht geben werde. „Das ist schlicht nicht bezahlbar. Das würden Mehrausgaben von 150 bis 200 Millionen Euro im Jahr ausmachen.“ Hinzu komme, dass die anderen Angestellten im öffentlichen Dienst wahrscheinlich ebenfalls besser bezahlt werden müssten. „Da könnte es zu rechtlichen Auseinandersetzungen kommen. “ Der Minister verwies darauf, dass Beamte für die höhere Bezahlung auch enger an den Staat gebunden seien. Versetzungen beispielsweise sind leichter möglich als bei Angestellten.

Der Kultusminister schlägt als Ausgleich andere Maßnahmen vor. So soll es Leistungsprämien geben, die die Schulleiter an Kollegen verteilen können. „Vorgesehen sind jeweils neun Millionen Euro über fünf Jahre. Das macht etwa 300 Euro pro Lehrer und Jahr aus.“ Auch könnten Lehrer in eine höhere Lohngruppe befördert werden, ohne eine neue Funktion zu übernehmen. „Das gibt es bisher nicht.“ Sogenannte Ein-Fach-Lehrer, die zu DDR-Zeiten ausgebildet worden waren, werden anderen Lehrern gleichgestellt. Diskutiert wird auch eine Zulage für die rund 19 200 Klassenleiter in Sachsen oder eine allgemeine Zulage für angestellte Lehrer. „Eine der Maßnahmen wird kommen, entschieden ist allerdings noch nichts“, sagt er.

Lehrer klagen über hohe Belastung durch artfremde Arbeiten
Ein IT-Lehrer des Humboldt-Gymnasiums wies auf die hohe Belastung der Pädagogen durch Arbeiten außerhalb des Unterrichts hin. „Als Lehrer muss ich die Computertechnik der Schule warten. Das nimmt mir viel Zeit von meiner eigentlichen Tätigkeit, dem Unterrichten weg. Außerdem müssen wir beispielsweise Bücher bestellen“, sagte er. Christian Piwarz stimmte der Einschätzung zu. „Lehrer brauchen mehr Freiräume. Das sehe ich auch so.“

Nach seinen Worten sollen solche Aufgaben künftig von Nichtpädagogen übernommen werden. „Wir stellen dazu Schulverwaltungsassistenten ein. 39 Stellen sind dazu geschaffen worden. Das ist ein Anfang.“ Diskutiert werde auch, die Wartung der immer komplizierter werdenden Computertechnik externen Dienstleistern zu übertragen. Auch die Einstellung von Schulpsychologen ist vorgesehen. Der Minister bat aber um Geduld. „Bis die Maßnahmen greifen und sich mehr Lehrer für einen Schuldienst in Sachsen entscheiden, braucht es Zeit. Ich denke, ab dem Schuljahr 2020/21 werden wir eine spürbare Entlastung bekommen.“

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Insgesamt 10 Kommentare

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  1. Roba

    So sieht Es aus: der Jurist Piwarz, ein ehrlicher, aber derzeit „hilfloser“ Analyst, kämpft mit dem „Mist“, den ihm Rößler und Unland hinterlassen haben. „Armer Kerl“!

  2. Oswin

    Wer hat denn in den vergangenen Jahrzehnten dieses Desaster verursacht. Desaster verursacht. Die unfähige sächsische CDU-Regierung hat durch die grenzenlose Sparwut das komplette Bildungssystem Sachsens an die Wand gefahren. Und die Basis für ein funktionierendes Sachsen ist nun mal eine gut ausgebildete Jugend. Und dazu gehören eben auch Lehrer. Man könnte fast glauben, dass in der Regierung nur teilausgebildete Advokaten regieren, deren Arroganz obendrein keine Grenzen kennt. Das Alter der Lehrer fällt doch hoffentlich noch nicht unter den Datenschutz. Aus dieser Ziffer konnten doch unselige Kurth und deren Vorgänger die fehlenden Lehrer genau ausrechnen. Dazu brauchts kein Exel, Papier und Stift hätten ausgereicht. Genauso verhält es sich bei den Kindern. Nach der Geburt steht es nach 6 Jahren vor der Schultür. Zumindest in der Soffjetzone wusste man dies. Aber der sächsische Pisa-Erfolg wurde dann auch noch in den Regierungsstuben vergeigt. Man fragt sich, schlafen die immer noch?

  3. scout_sh

    @ 2: Eine Anmerkung: Leider scheint eine Prognose schwieriger, als dies in der Laiensphäre zunächst scheint. Wie im Text erwähnt, dauert allein die Ausbildung rund 7 Jahre (im Regelfall), hinzu kommt der vorgelagerte politische Willensbildungsprozess sowie die erforderliche Umsetzung. Da kommt man locker auf 10 Jahre. Grundschüler klopfen da bereits an die Tür der weiterführenden Schulen. Überdies war 2011 die Rente mit 63 noch kein Thema und konnte in der Planung somit nicht berücksichtigt werden. Gleiches gilt für die steigende Schülerzahl aufgrund der schulpflichtigen Geflüchteten. Weiterhin wird trotz einer Verschiebung der Schülerzahlen zu Lasten des ländlichen Raums in die kreisfreien Städte, keine Strukturanpassung vorgenommen, sondern der Standard der "alten" Welt aufrechterhalten, nicht zuletzt, weil der Wähler dies so gefordert hat. Abschließend hat sich die Anzahlt der Geburten positiver entwickelt, als zunächst prognostiziert.

  4. Rudi Wischnak

    Mehr Geld für Lehrer ist Klasse. Aber sinkt durch dieses Trostpflaster denn die Arbeitsbelastung? Oder steigt dadurch die Motivation der Lehrer*innen spürbar an? Weniger Lehrer in Sachsen … Woran mag das wohl liegen Herr Piwarz? Da komme ich wieder zu den 40 Millionen Euro die in das Landesmarketing geflossen sind (klar, nicht ihre Baustelle) und nicht in die Reformation des sächsischen Bildungswesens. Es werden Schulen geschlossen oder gar nicht erst zugelassen die einen pädagogischen Zeitgeist widerspiegeln und einen Ruck im verstaubten Bildungssystem Sachsen spüren lassen. Darüber schaffen sie doch Attraktivitäten die sich Absolventen wünschen.

  5. kein Fan

    Der Herr Piwarz kann einem schon bischen leidtun, er muss in kurzer Zeit die bittere Suppe auslöffeln, die ihm Tillich, Unland, Kurth, Rösler, Flath und weitere Kumpels über lange Jahre eingebrockt haben. Es scheint gar ein Ding der Unmöglichkeit: der extrem Hohe Bedarf ist hausgemacht, das Angebot ist bundesweit bescheiden. Nach den Regeln der Marktwirtschaft steigen jetzt die Preise, der öffentliche Dienst kann aber nicht so ohne weiteres agieren. Vorschlag meinerseits: nachweislose Pauschale in Höhe von 2TEUR monatlich, steuerfrei natürlich. Geht doch bei den Parlamentariern auch.

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