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Donnerstag, 07.12.2017

„S-Bahn-Schubser“ verurteilt

Der Fall sorgte bundesweit für Empörung: Zwei Männer stoßen einen anderen in Dresden vor eine herannahende S-Bahn. Obwohl die Polizei sie kurz danach schnappt, kommen sie zunächst wieder frei.

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Hier am Haltepunkt Zschachwitz haben zwei Männer René J. auf die Gleise geschubst, während ein Zug in Richtung Dresden ankam.
Hier am Haltepunkt Zschachwitz haben zwei Männer René J. auf die Gleise geschubst, während ein Zug in Richtung Dresden ankam.

© Sven Ellger

Dresden. Neun Monate, nachdem sie in Dresden einen Mann vor eine herannahende S-Bahn auf die Gleise gestoßen haben sollen, wurden die beiden Täter am Donnerstag verurteilt. Die Männer aus Marokko (24) und Libyen (27) bekamen Freiheitsstrafen von 3 Jahren und 2 Monaten beziehungsweise 2 Jahren und 9 Monaten wegen gefährlicher Körperverletzung und Nötigung.

Der Richter sah die Tat als keinen versuchten Totschlag an. Genau das warf die Staatsanwaltschaft den 24 und 27 Jahre alten Asylbewerbern aber vor. Sie sollen den 41-jährigen Pendler René J. Mitte März morgens um 4.45 Uhr am Haltepunkt Dresden-Zschachwitz angegriffen, auf die Gleise gestoßen und nicht mehr auf den Bahnsteig gelassen haben, als bereits eine S-Bahn aus Richtung Pirna in den Haltestellenbereich einfuhr. Nur mit einer sogenannten Schnellbremsung habe der Lokführer Schlimmeres verhindert.

Der Fall der „S-Bahn-Schubser“ hatte bundesweit für Empörung gesorgt, weil die beiden Verdächtigen nach der Tat nicht sofort verhaftet worden waren, obwohl die Polizei sie in unmittelbarer Nähe gefasst hatte. Die Staatsanwaltschaft begründete das später mit einem Versehen. Erst nachdem die Staatsanwaltschaft den Geschädigten drei Tage nach dem Vorfall nochmals vernommen hatte, wurden die beiden Männer verhaftet. Beide Angeklagte waren bereits wegen kleinerer Delikte polizeibekannt.

Das Opfer, ein 41-jähriger Familienvater aus Dresden, leidet nach wie vor an den Folgen. René J. ist bis heute arbeitsunfähig aufgrund einer Schulterverletzung von der Tat und den psychischen Folgen des Angriffs. Er wurde in nichtöffentlicher Sitzung vom Gericht vernommen. Rechtsanwältin Gesa Israel, die J. als Nebenkläger vertritt, sagte, auch die wirtschaftlichen Folgen seien für die Familie massiv. Aufgrund des Einkommensnachteils habe J. mit seiner Familie umziehen müssen, um Miete zu sparen.

Laut Anklage hatten die alkoholisierten Beschuldigten den Berufspendler um Feuer gebeten, als sie frühmorgens gemeinsam aus einer S-Bahn ausgestiegen seien. Als der 41-Jährige dies verneint habe, sei es zu einer Rangelei gekommen. Die Angeklagten hätten ihn auf die Gleise geschubst und dann noch sein Fahrrad nach ihm geworfen. Eine einfahrende S-Bahn aus Pirna habe eine Gefahrenbremsung einleiten müssen, um den 41-Jährigen nicht zu erfassen. Der Zug sei nur fünf bis zehn Meter vor dem Mann zum Stehen gekommen.

Der Prozess hatte Mitte Oktober vor der Schwurgerichtsklammer des Landgerichts Dresden begonnen. Oberstaatsanwalt Christian Avenarius hatte für die Täter Freiheitsstrafen von sechs beziehungsweise fünf Jahren wegen versuchten Totschlags, gefährlicher Körperverletzung und Nötigung gefordert. Die Verteidiger plädierten auf bewährungsfähige Strafen von unter zwei Jahren. (szo/dpa)

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 28 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. bello

    Ein rein politisch motiviertes, überhartes Urteil! Kein Deutscher wäre in Sachsen wegen so einer Belanglosigkeit vor einer Schwurgerichtskammer gelandet. Das ist ganz allein den CDU- und AfD- Politikern in Sachsen zu "verdanken", dass dieser rassistische Schauprozess möglich wurde. Der Vorsitzende Richter und der Oberstaatsanwalt Avenarius sollten sich was schämen, sich von der Politik so benutzen zu lassen! Aber, halt, der Avenarius ist doch gleichzeitig Fraktionsvorsitzender der SPD im Stadtrat. Da kann man natürlich so ne Nummer bringen. Gewaltenteilung? Laute Gelächter...

  2. Lokführer

    @Bello: Wenn das eine Belanglosigkeit ist, dann lassen Sie sich mal vor einen Zug stoßen. Dass Sie danach immer noch so denken, glaube ich nicht. Wer zwei (Geschädigter und Lokführer) arglosen Menschen so etwas antut verdient lebenslang!

  3. Rechthaber

    Schon wenn ich den Begriff "S- Bahn Schubser" nur lese, kommt mir die Galle hoch. "S- Bahn Treter" wäre der korrektere Begriff für beide Täter, denn sie haben den Tod des Mannes billigend in Kauf genommen und sind daher in meinen Augen Verbrecher, egal welcher Nationalität sie sind, das spielt hier überhaupt keine Rolle.

  4. Biker

    @ bello: "Ein rein politisch motiviertes, überhartes Urteil!" - Falsch! Ein politisch motiviertes viel zu mildes Urteil! Das war versuchter Mord, also wäre lebenslänglich die gerechte Strafe. Wehe, ein Deutscher hätte so ein Goldkind geschubst, der wären gleich mehrere Sonderkommisionen gebildet worden und der Staatsschutz würde ermitteln!

  5. Wiseman

    @bello: § 224 Abs. 1 Nr. 4 StGB: Hiernach begeht jemand eine gefährliche Körperverletzung, wenn die Körperverletzung mit einem anderen gemeinschaftlich erfolgt. Für eine gemeinschaftliche Begehung der Körperverletzung reicht es aus, dass mindestens zwei Personen am Tatort einvernehmlich zusammenwirken. Dabei ist es nicht erforderlich, dass auch beide die Körperverletzung begehen. Allein durch das gemeinsame Erscheinen mehrerer Personen besteht eine erhöhte Gefahr, die von den Beteiligten ausgeht und die einfache Körperverletzung qualifiziert. Schlägt also jemand zu und der andere feuert ihn dabei an, begeht man unter Umständen eine gemeinschaftliche Körperverletzung und damit eine gefährliche Körperverletzung. Das Strafgesetzbuch sieht für eine gefährliche Körperverletzung eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren vor. Damit ist der Richter noch im unteren Drittel des möglichen Strafrahmens geblieben. Soviel zum Thema "überhartes Urteil".

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