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Dienstag, 02.01.2018

Im Visier der Vermummten

Eine Gruppe Autonomer greift eine Frauen-Studentenverbindung unter dem Vorwand des Feminismus an. Was soll das?

Von Franziska Klemenz

Kann jemand Anspruch auf einen Stadtteil erheben, anderen den Zugang verwehren? Als fünf Frauen von der Dresdner Studentenverbindung Regina-Maria Josepha eine Kneipentour durch die Neustadt machen wollten, haben Autonome sie verjagt.
Kann jemand Anspruch auf einen Stadtteil erheben, anderen den Zugang verwehren? Als fünf Frauen von der Dresdner Studentenverbindung Regina-Maria Josepha eine Kneipentour durch die Neustadt machen wollten, haben Autonome sie verjagt.

© Sven Ellger

Dresden. Wie ein Fahndungsplakat sieht es aus. Elf Köpfe, elf Steckbriefe. „Druck machen“, fordern violette Großbuchstaben. Hundertfach hängt das Plakat auf dem Campus der TU. „Gegen Dresdner Identitäre und ihre Ideologie der Ausgrenzung“. Jedes Gesicht bekommt Details: Namen, Studiengänge, Geburtsdaten.

Hier fahndet nicht die Polizei. Auf Twitter veröffentlicht die Antifa Dresden Fotos von der Aktion, spricht von einem „Streich gegen Neonazis“. Auf SZ-Anfrage gibt sie an, nicht Initiator, wohl aber Befürworter zu sein: „Ein Outing dient dazu, das Agieren und Agitieren im öffentlichen sowie privaten Raum zu erschweren – oder mehr. Im Idealfall stellen die Menschenfeinde ihre Arbeit ein und alle möglichen Betroffenen ihres tödlichen Weltbildes müssen keine Angst mehr haben“, heißt es. Manche Kommentatoren ziehen lobend ihren „imaginären Hut“ vor der Aktion, andere verurteilen den „modernen Pranger“.

Und die Abgebildeten? Burschenschaftler sind dabei, Mitglieder von Kameradschaften, der rechtsextremen NPD und der Identitären Bewegung. Das erste Foto auf dem Plakat zeigt Freya H., 21. Blonde Mähne, große Augen, kleiner Mund. Mitglied in einer Verbindung für Studentinnen. Ihren gesichtslosen Gegnern war Freya schon Wochen zuvor begegnet. Persönlich.

Blinder Hass auf „braune Schlampen“


Es war an einem Dienstagabend Ende November. Freya und vier weitere Studentinnen stehen um 20 Uhr im Lichtkegel eines kleinen Häuschens am Albertplatz. Die Frauen gehören der 2009 gegründeten Studentenverbindung Regina-Maria Josepha zu Dresden an. Ähnlich wie männliche Verbindungen ein Cocktail aus Traditionen, Benimmregeln und Fleiß. Mit einem Hauch Staubkruste und einer dreifarbigen Schärpe. Gold für Wissenschaft, grün für Freundschaft, violett für Mut – so die Eigenbetrachtung. Anders als die oft ungeniert rechtsradikalen Burschenschaften betont der Damenbund, unpolitisch zu sein.

Mit den Beinen wippend warten die Frauen nun in der Kälte. Auf weibliche Erstsemester „und sonstige interessierte Damen“, steht in der öffentlichen Ankündigung auf Facebook. Eine Kneipentour durch die Dresdner Neustadt ist geplant. „So kann man das Nachtleben etwas besser kennenlernen und nette neue Leute treffen“, steht auf der Facebook-Seite.

Dass zumindest eine Außenstehende der Einladung folgt, scheint die Gruppe zu freuen. Theologiestudentin Aileen zieht ein Blatt Papier aus der Tasche. Kurzer Kontrollblick, dann sagt sie: „Erste Station Katy‘s Garage.“ Ein Club im Herzen der Neustadt. Gegen 20.15 Uhr läuft die Gruppe los. Straßenbahnen schneiden kurze Unterbrechungen in die Wege des Getümmels, grelle Leuchtreklamen werben um Passanten.

Dann die Überquerung der Bautzener Straße. Plötzliche Nässe aus dem Nichts. Wie der kalte Blitz nach einem Saunagang. Ein Regenschauer? Ein Junggesellenabschied? Weder noch. Rund 25 Vermummte bauen sich vor sechs Frauen auf. Mit Wassereimern und einem großen Banner: „Gegen Deutschland, für Feminismus“. Wie fleischgewordene Schatten drängen sie die Frauen vom Kneipenviertel ab. Dass eine Journalistin dabei ist, interessiert sie nicht. „Selbst schuld, wenn man sich mit braunen Schlampen abgibt“, brüllt einer. „Ihr habt nichts in der Neustadt zu suchen“, ein anderer.

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Wer sein Handy herausholt, bekommt den nächsten Eimer Wasser in den Kragen. Passanten rahmen das Spektakel. Junge Kneipengänger, ältere Arbeits-Heimkehrer. Keiner greift ein. Nachdem die Frauen die Straße überquert haben, lassen die Autonomen von ihnen ab. Einige bleiben auf dem Platz stehen. Eine der Frauen ruft die Polizei. In die Neustadt könnten sie wohl einfach nicht gehen, sagt die Gruppe resigniert. „Die haben uns nicht mal gefragt, wer wir sind und was wir denken“, klagt Theologiestudentin Aileen erbost. „Unsere Gruppe ist unpolitisch und nicht rechts.“

Persönlich engagiere sie sich in einer katholischen Frauengemeinschaft gegen rechte Gruppierungen „wie die Identitären.“ Recherchen im Internet bestätigen ihre Haltung. Auf Facebook gefallen ihr neben Seiten der Jungen Union oder der katholischen Frauengemeinschaft auch Seiten gegen rechts und pro Asyl. Die Geschehnisse des Abends öffentlich zu machen, halten die meisten der Frauen für richtig. Vorher müsse man sich aber im Convent beraten, dem auch ältere Verbindungsstudentinnen angehören. Wie die ebenfalls auf dem Plakat abgebildete Madeleine A., laut Facebook mit dem Dresdner Identitären-Chef liiert. Dass auch Freya Mitglied bei der vom Verfassungsschutz beobachteten Identitären Bewegung ist, verrät weniger ihr Facebook-Profil als eine Reihe von Fotos auf Internetseiten der Antifa.

Sie zeigen die Studentin bei verschiedenen Aktionen der Rechts-Aktivisten. Neben der kämpferisch-hippen Inszenierung der männlichen Mitglieder wirkt sie in ihren schulterfreien Blumenmuster-Oberteilen, den knappen Hotpants, mit dem langen, offenen Haar fast wie ein hübsches, antiquiertes Accessoire. Nicht selten bei weiblichen Identitären. Laut sächsischem Verfassungsschutz besteht „die Gefahr, dass die IB auch Bevölkerungsschichten anspricht, die traditionelle Rechtsextremisten bislang nicht erreichten. (...) Da die IB sich nicht mit den üblichen rechtsextremistischen Slogans und Symbolen inszeniert, ist deren ideologische Ausrichtung nicht immer auf den ersten Blick erkennbar.“

20 Minuten nachdem sich die durchweichten Frauen an jenem Dienstagabend auf den Heimweg gemacht haben, sind fast alle Autonomen weg. Die Polizei ist noch immer nicht da. Tage des Schweigens vergehen, dann lehnt jemand im Namen des Damenbunds jegliches Gespräch mit der Presse ab. Auskünfte will man nur schriftlich geben, sei aber interessiert daran, „zu wissen, was diese Leute konkret dazu veranlasst hat, eine kleine Gruppe (...) anzugreifen.“ Nach SZ-Recherchen kooperierten die Studentinnen auch mit dem Staatsschutz kaum. Dieser Spezialabteilung hatte die Polizei die Ermittlungen übergeben.

Dass ihr Gesicht wenig später auf dem Campus hängt, möchte Freya nicht kommentieren. Sie wolle die Mitgliedschaft bei dem Damenbund und ihr politisches Leben auseinanderhalten, schreibt sie.

Der Studentenrat gibt auf SZ-Anfrage zu den Plakaten an, dass „die völkisch-rassistische, islamfeindliche Ausrichtung“ der Identitären seiner eigenen, weltoffenen Überzeugung widerstrebe; die Aktionsform heiße man trotzdem nicht gut. „Wir finden es richtig, kritisch über die Aktivitäten und Personen dieser Organisation zu berichten, da sie extrem rechte Parolen mit einem ‚hippen‘ Anstrich gesellschaftstauglich machen möchte. Jedoch verurteilen wir die Veröffentlichung persönlicher Daten. Jeder Mensch hat das Grundrecht auf Privatsphäre – auch mutmaßliche Mitglieder extrem rechter Gruppierungen.“

Auf elf Feldern des Plakats sind Gesichter zu sehen, auf dem zwölften steht ein anonymer Comic-Kopf. „Das sind nicht alle. Wir bleiben dran. Mach auch du Druck!“, steht darunter. Kurze Zeit später hängen nur noch Fetzen auf dem Campus, die Identitären haben fast alle Plakate entfernt.

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