• Einstellungen
Samstag, 20.05.2017

Habt keine Angst

Bundespolizisten erklären, wie sich ihre Arbeit in Zeiten des Terrors verändert – und wie sich jeder schützen kann.

Von Franz Werfel

Dieser Beamte hat im Leipziger Hauptbahnhof für den schlimmstmöglichen Fall geprobt: einen Terror-Anschlag in der Öffentlichkeit.
Dieser Beamte hat im Leipziger Hauptbahnhof für den schlimmstmöglichen Fall geprobt: einen Terror-Anschlag in der Öffentlichkeit.

© Bundespolizei

Die Müdigkeit ist Frank Niechziol nicht anzumerken. Der Polizist und ein Kollege sind soeben von einer nächtlichen Anti-Terror-Übung in Leipzig zurückgekehrt. Nun sprechen sie beim Gesundheitstag auf dem Pirnaer Sonnenstein über ein Gefühl, das jeden irgendwann beschäftigt: Angst.

Einer Studie des Versicherers R+V zufolge ist die Angst der Deutschen vor einem terroristischen Anschlag im Jahr 2016 drastisch gestiegen. Im vergangenen Jahr erreichte sie mit 73 Prozent sogar einen neuen Höchstwert und belegte erstmals seit 25 Jahren den ersten Platz im deutschen Angst-Ranking. Nicht nur auf dieses Gefühl, sondern vor allem auf reale Bedrohungslagen soll und muss die Polizei reagieren. Deshalb hatte sie vor wenigen Tagen in Leipzig Deutschlands bisher größte Anti-Terror-Übung durchgeführt. Die Bundespolizeidirektion Pirna ist mit ihren 3 800 Polizisten für die drei mitteldeutschen Bundesländer zuständig. „Diese Übung wurde monatelang vorbereitet und war für uns auch sehr aufregend“, erzählte Einsatz-Stabsleiter Frank Niechziol.

Die Einsatz-Strategie der Polizei hat sich komplett verändert. „Früher mussten Streifenbeamte ein Gebiet sichern, möglicherweise Menschen retten und versuchen, den oder die Täter dort festzusetzen“, so Niechziol. Dann hätten sie auf die Verstärkung der Spezialkräfte gewartet – und selbst erst einmal nichts weiter getan. Weil die Täter aber zunehmend unerwartet handelten, gehe diese Strategie nicht mehr auf. „Nun sollen Streifenbeamte möglichst sofort eingreifen. Mit der Ausrüstung, die sie vor Ort haben“, sagte Niechziol.

Das setze aber eine umfassendere Schulung der Landesbeamten voraus. Dabei unterstützt sie die Bundespolizei. Effiziente Terrorismusbekämpfung sei ein „Wettlauf des Wissens“. Deshalb ist die Polizei über alle neuen Hilfsmittel froh, die ihr die Bundesregierung per Gesetz erlaubt. Body-Cams, mit denen Polizisten einen Einsatz filmen können, gehören ebenso dazu wie die umstrittene Schleierfahndung. Das sind Personenkontrollen, die ohne einen konkreten Verdacht durchgeführt werden, etwa mittels Videoüberwachung auf Autobahnen. „Wir müssen die illegale Einwanderung in den Griff bekommen“, sagte Niechziol. „Von islamistischen Terroristen geht in Deutschland derzeit die größte Bedrohung aus.“ Dabei erinnerte der Beamte daran, dass die tatsächliche Gewalt derzeit vor allem von Deutschen ausgehe – nämlich linken wie rechten Extremisten. Um ordentlich arbeiten zu können, habe die Polizei zwei Forderungen: „Wir brauchen mehr Personal. Und Panikmache können wir überhaupt nicht gebrauchen.“ Die Sicherheitsbehörden seien gut ausgebildet.

Man könne trainieren, seine Angst zu reduzieren. Manche Polizisten müssten das auch, sagte Bundespolizei-Ausbilder Winfried Preis. „Auch Polizisten haben manchmal Angst davor, ihre Waffe zu benutzen.“ In sportlichen Trainings und psychologischen Gesprächen gehe man gegen diese an. Geübt wird dabei auch mit Plastik-Pistolen. „Man muss drohen können und es auch aushalten, wenn jemand einen selbst mit einer Waffe bedroht“, so Preis. Von mancher Erkenntnis der polizeilichen Ausbildung könne auch die Bevölkerung profitieren. „Abstand halten in bedrohlichen Situationen ist ganz wichtig. Distanz bedeutet Schutz“, sagte Preis.

Desktopversion des Artikels