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Freitag, 29.12.2017

Die Böllerfahnder von Bad Schandau

Der Schmuggel illegaler Silvestermunition hat Hochsaison. Mit Aufklärung und „Profiling“ hält die Polizei dagegen.

Von Jörg Stock

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Eingespieltes Team: Wenn die Bundespolizisten Ralf Gatza (l.) und Sören Kleinert auf Streife sind, verstehen sie sich fast ohne Worte. Zurzeit suchen sie verstärkt nach Böllerschmugglern.
Eingespieltes Team: Wenn die Bundespolizisten Ralf Gatza (l.) und Sören Kleinert auf Streife sind, verstehen sie sich fast ohne Worte. Zurzeit suchen sie verstärkt nach Böllerschmugglern.

© S. Unger

Aus der Deckung im Bahnhof Schöna beobachtet Hauptmeister Kleinert, wer vom Grenzmarkt Hrensko herüber kommt.
Aus der Deckung im Bahnhof Schöna beobachtet Hauptmeister Kleinert, wer vom Grenzmarkt Hrensko herüber kommt.

© S. Unger

Auf dem Bahnsteig wird kontrolliert. Bei Olaf Siebeneicher ist alles okay.
Auf dem Bahnsteig wird kontrolliert. Bei Olaf Siebeneicher ist alles okay.

© S. Unger

Die Polizei warnt mit Plakaten vor dem Feuerwerkskauf, nicht immer mit Erfolg.
Die Polizei warnt mit Plakaten vor dem Feuerwerkskauf, nicht immer mit Erfolg.

© S. Unger

Frisch beschlagnahmte Dum-Bum-Knaller.
Frisch beschlagnahmte Dum-Bum-Knaller.

© - keine Angabe im huGO-Archivsys

Bad Schandau. Ich bin verdächtig. Als Zivilist unter Polizisten, der andauernd was ins Notizbuch kritzelt, sehe ich wohl aus wie ein Spion. „Sie waren mit drüben auf dem Markt und haben uns beobachtet, wie wir das Zeug gekauft haben!“, braust mein Gegenüber auf. „Ihr Gesicht merk’ ich mir!“ Die Beamten versuchen, ihn zu besänftigen. Aufklärer haben sie keine. Aber grenzpolizeiliche Erfahrung. Man kann auch Bauchgefühl dazu sagen, ein Gefühl, das womöglich wieder einmal jemanden davor bewahrt hat, sein Gehör zu verlieren, oder die Finger.

Wenn sich das Jahr neigt, kommt der Böllerschmuggel in Fahrt. Seit Ende November deckt die Bundespolizeiinspektion Berggießhübel wieder gravierende Fälle auf, beschlagnahmte etwa am Grenzübergang Schmilka an nur einem Nachmittag 348 illegal aus Tschechien eingeführte Knaller, darunter vier Kugelbomben, alles nur erlaubt für Profis, oder ganz und gar verboten, weil ohne Prüfsiegel. Die Täter waren zum Teil noch minderjährig.

Insgesamt, so sagt Inspektionssprecher Steffen Ehrlich, scheint die Böllerschmuggelei abzunehmen. Fanden die Polizisten 2016 noch über 4 200 Feuerwerkskörper, waren es bis Weihnachten dieses Jahres nur etwa halb so viele. Ehrlich hofft, dass die Großplakate an Bahnhöfen und Fähren, die vor dem Böllerkauf in Tschechien warnen, Wirkung zeigen. Allerdings kann er auch nicht ausschließen, dass unerlaubte Silvestermunition vermehrt mit der Post kommt. „Wir haben da keinen Einblick.“

In Bad Schandau steigen Sören Kleinert und Ralf Gatza in den Zug. Die beiden Beamten vom Revier Krippen sind seit mehr als zwanzig Jahren im Dienst. Ein eingespieltes Team, wenn es darum geht, Grenzgänger mit verbotenen Mitbringseln aufzuspüren. Heute achten sie vor allem auf die Böllerkäufer. Jagdfieber? Den Begriff mag Hauptmeister Gatza nicht. Klar, man möchte Erfolgserlebnisse, sagt er. Aber nicht auf Krampf. „Wir versuchen, Straftaten aufzudecken, das ist unsere Arbeit.“

Der Zug rollt Richtung Schöna. Die Polizisten gucken sich die Leute an, betreiben „Profiling“. Jugendliche mit Rucksäcken, die nicht eben wie Wanderer aussehen, passen gut ins Raster. Etwa die Hälfte aller dieses Jahr ertappten Böllerschmuggler war unter zwanzig. Neulich hatten die Polizisten drei Jungs, vierzehn, fünfzehn Jahre alt, noch vor der Grenze belehrt, die Finger vom Feuerwerk zu lassen. Später, bei der Kontrolle, fanden sie prompt mehrere Hundert Knallkörper der populären Marken Dum-Bum und La Bomba in den Rucksäcken. Statt Reue gab’s nur dumme Sprüche. In Hauptmeister Gatza grummelt es immer noch, wenn er daran denkt. „Richtige Früchtchen.“

Verbotene Böller für den Sohn

Schöna. Alles drängt hinaus. Die Polizei bleibt im Schatten des Bahnhofs. Sie will nicht gesehen werden am anderen Flussufer. Dort liegt der Grenzmarkt Hrensko, wo sich die Pyromanen eindecken. Sören Kleinert späht mit dem Fernglas durch die milchigen Scheiben des Warteraums. Drüben lädt die Fähre „Kaiserkrone“ Passagiere auf. Nichts Verdächtiges, sagt der Polizist, typisch für einen frühen Vormittag. „Die schlafen wohl alle noch.“

Der Bahnsteig füllt sich. Mit dabei ein Mittvierziger mit Dynamo-Mütze. Dynamo ist gut, sagen die Polizisten. Vielleicht hat er ein paar Kracher für die Fankurve eingekauft. „Guten Tag, die Bundespolizei, Personenkontrolle …“ Der Mann mit der Mütze, Olaf Siebeneicher aus Weinböhla, übergibt bereitwillig seinen Ausweis, macht den Rucksack auf. Vier Stangen Zigaretten hat er eingekauft. In Ordnung. Tschechenböller? Er winkt ab. Ist nicht sein Ding, sagt er. „Ist ja nicht umsonst verboten.“

Dann kommt Max, Bomberjacke, Doc-Martens-Schuhe, mit zwei Kumpels angeschlendert. Die drei Dresdner wirken extrovertiert und auf Erlebnis aus. La-Bomba-Kandidaten? „Guten Tag, die Bundespolizei …“ Die Jungs räumen ihre Taschen aus. Keine Böller drin. Auf Nachfrage, was da noch in seiner Jacke steckt, zieht Max einen schwarzen, etwa zwanzig Zentimeter langen Metallzylinder hervor. Polizist Kleinert greift danach und – Zack! – ist der Zylinder einen Meter lang – ein Teleskopschlagstock, drüben gekauft, für zehn Euro. So weit, so legal. Doch das Herumtragen dieser Waffe in der Öffentlichkeit ist verboten. Eine Ordnungswidrigkeit. Da hilft es nichts, dass Max beteuert, keine aggressive Ader zu besitzen, dass er niemanden mit dem Stock verhauen wollte. Das Ordnungsamt wird ihm einen Bußgeldbescheid schicken. Den Knüppel ist er los.

Weiter geht es. Hin und her pendeln die Beamten auf der Schiene – Schöna, Bad Schandau, Bad Schandau, Schöna. Sie mustern Gesichter, durchsuchen Taschen, geben Ausweisdaten durch. Alles sauber. Und dann dieses Pärchen aus Leipzig, Anfang, Mitte vierzig, im Oberdeck der S-Bahn. Was sie gekauft haben? Na, Schnaps und Zigaretten – was man halt so kauft, sagt die Frau. „Und das ist fürs Kind“, sagt sie noch, und holt eine Plastetüte hervor.

In der Tüte sind zwanzig mit Totenkopf verzierte Dum-Bums und vierzig polnische Böller ohne verständliche Aufschrift. Die soll der 16-jährige Sohn für Silvester kriegen. Sie fällt aus allen Wolken, als sie erfährt, dass sie damit eine Straftat begangen hat. Und ihr Begleiter, der den Reporter für einen Spitzel hält, genauso: „Scheiß Böller!“, flucht er. „Nur Ärger!“ Teurer Ärger. Die Geldstrafe wird wohl mehrere Hundert Euro betragen. Obendrauf kommen die Entsorgungskosten. In einem Spezial-Ofen, tief in der Lausitz, werden Dum-Bum und Konsorten gefahrlos verglühen.

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 16 Kommentare

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  1. Mélégué Boubacar Keïta

    Und so nebenbei werden kleine Nazis mit illegalem Teleskopschlagstock erwischt. Das hätte im Artikel ruhig explizit stehen können. Das sächsische Faschoproblem ist nicht aus der Welt, indem man sich drum herumdrückt.

  2. Neubürger.GR

    Ein Berliner Politiker der Linken hat einen Vorschlag gemacht, (lt. Tagesspiegel) dem ich mich anschließen möchte: "...eine effektive Kontrolle der Feuerwerkskörper (ist) kaum möglich. So kommen immer wieder Menschen – insbesondere Kinder – mit Brandverletzungen ins Krankenhaus. Teilweise bringen sie aufgrund der Wucht sogar langfristige Schäden bis hin zur Amputationen mit sich. Andererseits führen Feuerwerkskörper durch die Freisetzung von Feinstaub zu enormen Umweltbelastungen. Die schlechtere Luftqualität schadet dabei nicht nur Menschen, sondern allen Lebewesen. Ich bin deshalb dafür, Pyrotechnik in der Innenstadt nur noch auf genehmigte und unter professioneller Anleitung durchgeführte „Pyroshows“ zu beschränken."

  3. Dräsdnor

    Die Kontrollen sind vermutlich richtig, wenn man liest, welche Klientel mit was erwischt wird. Wir haben früher auch geböllert mit Selbstgebasteltem, aber wir haben es ohne Schaden überlebt, weil wir wussten wie gefährlich das ist und Darwin ernst genommen haben. #1 Mélégué Boubacar Keïta Und wieder kommen die Gestörten aus den Löchern gekrochen, die sich von Nazis umzingelt sehen. Geh zum Facharzt! Wenn es dein Resthirn erlauben würde, würdest du wissen, wie deine Gesinnungsbrut gegenüber der Polizei (für dich übersetzt: Scheiß-Bullen) auftritt. Troll dich, Rotfaschist!

  4. 12041953

    @1 Da Sie anscheinende hellseherische Fähigkeiten besitzen verraten Sie mir doch bitte die Lottozahlen der nächsten Ziehung! Nur mal so nebenbei bemerkt, Bomberjacke und Doc-Martens habe ich auch in meiner Jugend getragen. Gleichzeitig mit T-Shirts wie "Punks not dead", Nirvana oder den Ramones... Aber schon klar, Sie fordern permanent ein gegenüber gewissen Bevölkerungsgruppen keine Vorurteile zu haben beweisen mit Ihrer Aussage aber einmal mehr dass Sie auch nur in Schubladen denken. Aber trösten Sie sich, damit sind Sie einfach nur ein Spiegel der Gesellschaft. Wer meine Meinung nicht teilt ist mein Feind, zuhören und die Gedanken des Gegenüber nachzuvollziehen, wozu? Dadurch könnte es ja sein dass ich feststellen muss doch nicht allwissend zu sein. Da bleibt mir nur zu sagen dass mich, egal aus welcher Richtung, so ein schwarz-weiß Denken einfach nur ankotzt. Warum hat uns denn die Natur mit der wundervollen Fähigkeit Sprache ausgestattet wenn wir selbige nicht nutzen?

  5. Ali B.

    @1 Ja so ist es. Die sächsische Polizei hat ein enorm großes Problem mit Rechtsradikalismus. Nicht nur die Justiz ist auf dem rechten Auge blind. Aber die Forderung nach Grenzkontrollen ist soweit schon richtig. Kriminellen Deutschen kann so endlich das Handwerk gelegt werden.

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