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Freitag, 09.06.2017

Blamage für Meißen

Auch nach der umstrittenen Lesung im Ratssaal geht der Streit um das vermeintliche Sachsen-Bashing weiter.

Von Peter Anderson

Mindestens vier Kamerateams waren dabei: Es wurde Zoff erwartet. Zwischen 250 und 300 Zuhörer kamen am Donnerstagabend ins Meißner Rathaus: Der Journalist und Herausgeber des Buches „Unter Sachsen“ Matthias Meisner las beim Literaturfest zusammen mit Co-Autoren aus dem polarisierenden Sammelband. Trotz Querelen im Vorfeld blieb es ruhig. Auch Polizei und Staatsschutz waren zugegen.
Mindestens vier Kamerateams waren dabei: Es wurde Zoff erwartet. Zwischen 250 und 300 Zuhörer kamen am Donnerstagabend ins Meißner Rathaus: Der Journalist und Herausgeber des Buches „Unter Sachsen“ Matthias Meisner las beim Literaturfest zusammen mit Co-Autoren aus dem polarisierenden Sammelband. Trotz Querelen im Vorfeld blieb es ruhig. Auch Polizei und Staatsschutz waren zugegen.

© Claudia Hüschmann

Meißen. Jens Mahlow ist enttäuscht. Während der Meißner in der Öffentlichkeit kaum auftritt, zählt er bei Facebook zu den Wortführern von Meißens rechter Szene. Zur umstrittenen Lesung des von den Journalisten Heike Kleffner und Matthias Meisner herausgegebenen Sammelbandes „Unter Sachsen“ am Donnerstagabend erscheint er mit CDU-Stadtrat Jörg Schlechte. Später in der Nacht zieht Mahlow ein für ihn bitteres Resümee: „Dieser Punkt geht an das linke Lager“, schreibt der Islamkritiker und Freund von Ritterspielen. Bei dieser Gelegenheit sei ihm klargeworden, dass es ein konservatives Meißen, welches seine Werte benennt und verteidigt, nicht gebe.

Am Donnerstag verlassen Mahlow, Schlechte und andere Kritiker der Sachbuch-Lesung den Meißner Ratssaal nach nicht einmal einer halben Stunde. Das wirkt ein bisschen wie Kapitulation. Vor drei Wochen hatte Schlechte auf Facebook noch die Parole ausgegeben, „dieser Dreck“ werde „mit Sicherheit nicht in unserem Rathaus gelesen.“ Gegen 19 Uhr bietet sich dort allerdings folgendes Bild: Die rund 200 Stühle, sämtliche Nischen und sonstige Sitzmöglichkeiten sind komplett vergeben. Wer jetzt noch kommt, muss stehen.

In einer der vorderen Reihen nimmt Bauunternehmer Ingolf Brumm Platz. Die von ihm ausgebaute Flüchtlingsunterkunft auf der Meißner Rauhentalstraße brannte im Juni 2015 nach einem Anschlag aus. Die beiden Täter aus Meißen wurden zu Haftstrafen verurteilt. An einem Geländer lehnt der Meißner SPD-Vorsitzende Eyk Schade. Bekannte Persönlichkeiten wie Mathe-Doktor Norbert Herrmann oder Immobilienmakler Andreas Hofmann zählen zu den Zuhörern. Aus Dresden ist Sachsens stellvertretender Ministerpräsident Martin Dulig (SPD) angereist.

Die bürgerliche Polit-Prominenz inklusive Meißens Oberbürgermeister Olaf Raschke (parteilos) glänzt dagegen mit Abwesenheit. Die Meißner CDU-Landtagsabgeordnete Daniela Kuge schreibt am Freitagvormittag bei Facebook. „Ich hätte diese Lesung aufgewertet.“ Es sei für sie erschreckend, dass der Veranstalter des Literaturfestes seine persönliche Meinung so zum Ausdruck bringe.

Daniel Bahrmann vom Kulturverein, welcher das Literaturfest trägt, sieht das anders. Er betonte, das Literaturfest habe weder einen politischen Fokus, noch sei es dezidiert unpolitisch. Es spiegele die gesellschaftlichen Zustände in ihrer Gesamtheit wider. Und tatsächlich: Ein Blick in das Programm zeigt, dass neben vermeintlichem Sachsen-Bashing auch andere Sichten vertreten sind. So liest der Autor eines Pro-Pegida-Buches Sebastian Hennig am Sonnabend, 14 Uhr, im Haus Schlossstufen 2 aus seinem neuen Werk: „Unterwegs in Dunkeldeutschland“. Der Titel ist ironisch zu verstehen.

Auch im Meißner Rathaus präsentieren Mitautoren des Buches „Unter Sachsen“ wie Piraten-Politiker Sören Skalicks oder Theologe Frank Richter ihre durchaus verschiedenen Sichten auf den Freistaat. Manchen geht dies nicht weit genug. Als „Staatspropaganda der Superlative“ etwa wird die Lesung von der AfD-Politikerin und im Dresdner Umland aktiven rechten Aktivistin Madeleine Feige bezeichnet. „Linke extremistische Gewalt scheint es nach dem Abend also nicht zu geben, ausschließlich böse rechte Gewalt.“ Dieses Fazit zieht sie im Anschluss. Das ist wohl auch ironisch gemeint.

Häufiger als das Buch selbst wird das von der Verwaltung ausgesprochene Verbot einer politischen Podiumsdiskussion im Anschluss an die Lesung diskutiert. „Da steckt mir ein Kloß im Hals“, sagt der frühere Chef der Landeszentrale für politische Bildung Frank Richter. Er empfinde es als unerträglich, dass in seiner Geburtsstadt keine offene Diskussion im Rathaus geführt werden dürfe. Zumal in dem Saal bereits politische Frage-Antwort-Runden – etwa mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU ) zur Flüchtlingspolitik – stattfanden. Ähnlich enttäuscht wie Richter äußert sich ein Besucher. Wie könne ein Ratssaal ein Ort sein, wo nicht politisch gestritten werde, fragt er verständnislos. Eine Blamage für Meißen.

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