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Donnerstag, 14.09.2017

Auf der Suche nach Schutz und Anerkennung bei Neonazis

Nur zwei Angeklagte im Prozess gegen die „Freie Kameradschaft“ reden über ihr Leben. Einer von ihnen hilft inzwischen ausländischen Gefangenen beim Deutschlernen.

Von Alexander Schneider

Franz R. sitzt seit Mai in Untersuchungshaft. Er berichtete zum Prozessauftakt, wie er zur Freien Kameradschaft geriet.
Franz R. sitzt seit Mai in Untersuchungshaft. Er berichtete zum Prozessauftakt, wie er zur Freien Kameradschaft geriet.

© Benno Löffler

Dresden. Sechs Angeklagte und elf Verteidiger – in den nächsten Monaten wird es eng im Sitzungssaal A 2.133 am Landgericht Dresden. Ein gutes Dutzend Männer, die offensichtlich zur rechten Szene gehören, sitzt im Publikum, manch einer nickt den Angeklagten zu, als die am Mittwochmorgen von Wachtmeistern in den Saal geführt werden. Es ist bereits der zweite Prozess gegen mutmaßliche Mitglieder der „Freien Kameradschaft Dresden“ in diesem Sommer – und in diesem Gerichtssaal, es ist einer der größten im Haus.

Erst vor drei Wochen wurden dort zwei weitere Mitglieder der FKD verurteilt. Aufgrund ihrer Geständnisse hatte die Staatsschutzkammer mit den Angeklagten eine Verfahrensabsprache getroffen und die Beweisaufnahme erheblich verkürzt – dennoch dauerte der Prozess zehn Tage, doppelt so lange, wie zuvor veranschlagt.

Im Vergleich zu jenem Prozess ist die Anspannung nun größer. Die Angeklagten schauen wenig um sich, fast trotzig nehmen manche Platz – etwa Benjamin Z. (29), dem die Staatsanwaltschaft vorwirft, Anführer der FKD gewesen zu sein, Nick F. (25) oder Michael K. (27). Jeanette P. (27) sitzt als Einzige nicht in Untersuchungshaft. Sie versteckt ihr Gesicht zunächst unter ihrem langen dunkelblonden Haar.

Die Ausgangslage ist nicht so günstig wie im ersten FKD-Prozess. Ein Deal ist nicht in Sicht – und nachdem die meisten Angeklagten auch an diesem Vormittag schweigen, droht wohl eine weit längere Beweisaufnahme. Die Staatsschutzkammer hat bis Ende Januar 2018 vorsorglich 27 Sitzungstage eingeplant, von Unterbrechungen abgesehen immer mittwochs und freitags. Darüber hinaus erhielten die Angeklagten zwei Verteidiger beigeordnet, auch ein Ersatzrichter und ein Ersatzschöffe verstärken die Kammer. So soll verhindert werden, dass der Prozess platzt, falls jemand ausfallen sollte.

Nachdem Staatsanwalt Christian Richter die Anklage verlesen hat, ist es aber Jeanette P., die als Erste sagt, sie werde sich zu ihrem bisherigen Leben und zu den Vorwürfen äußern. Es ist eine mutige Aussage. Ohne Umschweife berichtet sie, dass sie in ihrem Heimatdorf bei Eisleben (SachsenAnhalt) schon als Elfjährige wiederholt vergewaltigt worden sei – vom besten Freund ihres acht Jahre älteren Bruders. Bis sie 17 gewesen sei, habe sich dieser Missbrauch wiederholt, sie habe sich niemandem anvertrauen können. Daher habe sie nach ihrem Abitur weg gewollt, sei nach Freital gezogen und habe eine Ausbildung zur Ergotherapeutin gemacht.

Anschließend habe sie in Dresden gearbeitet, als Alltagsbegleiterin für behinderte Menschen. Sie hatte die Hoffnung, jemanden zu finden, der ihr „Schutz und Geborgenheit“ geben könne. Sie habe sich über viele Jahre die Arme aufgeritzt, sei in psychiatrischer Behandlung gewesen, um ihre Erlebnisse aufzuarbeiten. Über einen früheren Freund, offenbar einen hafterfahrenen Fußball-Hooligan, sei sie an die Gruppe gekommen. Der Aufkleber „Todesstrafe für Kinderschänder“, eine bekannte NPD-Parole, habe sie angesprochen. Die Gruppe habe „Frauen und Kinder schützen“ wollen, das habe sie beeindruckt. „Man hat halt Hoffnung“, sagt sie. So sei sie zu den Treffen in die Sportbar in Dresden-Gruna gekommen, wo sich die FKD im Juli 2015 laut Anklage gegründet hat. Bekannt wurde nun, dass die 27-Jährige, die einen neunmonatigen Sohn hat, offenbar kürzlich einen Drohbrief erhalten hat.

Auch Franz R. berichtet, wie er an Alkohol und auf die schiefe Bahn geriet, weil seine Eltern sich Jahre nur um seinen schwer krebskranken Bruder gekümmert hätten. Die Kameradschaft sei eine Zuflucht für ihn gewesen, erstmals in seinem Leben habe er Anerkennung gefunden.

Zuletzt war R. Filialleiter zweier Läden, die in Dresden die in der rechten Szene beliebte Modemarke Thor Steinar vertreiben. Er habe sich für den Job von der rechten Szene distanzieren müssen, sagt er. „Die Szene ist doch Hauptabnehmer dieser Marke“, wundert sich Richter Kubista. Nein, widerspricht R. In Untersuchungshaft helfe er nun ausländischen Mitgefangenen, Deutsch zu lernen und nehme an einem Programm für Aussteiger aus der rechten Szene teil. Als er das sagt, schnaufen die Männer in der letzten Reihe hörbar. Am Freitag wollen Jeanette P. und Franz R. sich auch zu den Anklagevorwürfen äußern.

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