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Montag, 17.07.2017

Achtung, Nichtschwimmer!

Fast jedes dritte Kind kann sich nicht sicher über Wasser halten – trotz Schwimmunterrichts in der Grundschule.

Von Jana Ulbrich und Susanne Sodan

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Früh übt sich, was ein guter Schwimmer werden will: Aber trotz Schwimmunterrichts in der Schule können 30 Prozent der Kinder gar nicht oder nur unsicher schwimmen. Hier sind vor allem die Eltern gefragt.
Früh übt sich, was ein guter Schwimmer werden will: Aber trotz Schwimmunterrichts in der Schule können 30 Prozent der Kinder gar nicht oder nur unsicher schwimmen. Hier sind vor allem die Eltern gefragt.

© dpa

Emma hat schon im letzten Sommer Schwimmen gelernt. Da war sie fünf. Stolz hat sie ihre Seepferdchen-Urkunde mit nach Hause gebracht. Sie schafft jetzt locker eine 25-Meter-Bahn, hat keine Angst unterzutauchen und kann inzwischen sogar einen Kopfsprung. „Wir wollten, dass sie das so früh wie möglich lernt“, sagt Emmas Mutter. „Im Notfall könnte sie sich jetzt zumindest über Wasser halten. Das ist uns wichtig.“ In ihrer Kindergartengruppe ist Emma die Einzige, die schon schwimmen – oder sich zumindest ganz gut über Wasser halten kann.

Damit hat die jetzt Sechsjährige aber nicht nur ihren Altersgefährten, sondern selbst manchem Zehn- oder Zwölfjährigen einiges voraus. 30 Prozent aller Kinder im Landkreis Bautzen können nicht sicher schwimmen. Diese übereinstimmende Erfahrung von Schwimmmeistern und Rettungsschwimmern der Region bestätigt auch Sebastian Handrick von der Bautzener Bildungsagentur. Dabei gehört Schwimmen doch für alle Grundschüler in der 2. Klasse zum obligatorischen Sportunterricht! Ein Unterricht, mit dem man bei der Bildungsagentur bisher auch zufrieden ist: Es stünden ausreichend Schwimmhallen und ausgebildete Schwimmlehrer zur Verfügung, die Unterrichtsbedingungen seien sehr gut, der Unterrichtsausfall in diesem Fach minimal, sagt Handrick.

Am Ende bekommt jeder Schüler eine Schwimmnachweis-Urkunde. Die aber sagt nichts darüber aus, ob ein Schüler das Schwimmen auch wirklich richtig gelernt hat. Die Urkunde bestätigt lediglich die Teilnahme am Unterricht. „Auf die Schule allein sollten sich Eltern auf keinen Fall verlassen“, rät deshalb Maike König. Die ausgebildete Schwimmtrainerin betreibt seit Jahren eine Schwimmschule für Kinder und Erwachsene im Bautzener Röhrscheidtbad. Zu ihr kommen vor allem auch Kinder, die Angst vor dem Wasser haben.

„Die Angst ist meistens der Hauptgrund dafür, dass ein Kind nicht schwimmen lernt“, weiß die 35-Jährige. Oft sei das eine reine Kopfsache. Mit manchen Kindern, sagt sie, übt sie ein ganzes Jahr und länger, ehe sie sich überwinden, den sicheren Boden unter den Füßen zu verlassen. In der großen Gruppe einer Schulklasse ist so ein individuelles Trainieren gar nicht möglich, sagt Maike König.

Auch eine Seepferdchen-Urkunde, wie Emma sie vom Schwimmmeister im Freibad bekommen hat, sei noch kein Garant dafür, dass ein Kind sicher schwimmt. „Das Seepferdchen wird oft überschätzt“, sagt David Kupke von der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft DLRG. „Das Abzeichen bestätigt nur, dass sich ein Kind eine Weile über Wasser halten kann, es besagt nicht, dass es wirklich ordentlich schwimmt.“

Was sicheres Schwimmen bedeutet, erklärt er mit einem klassischen Beispiel: Ein Kind treibt mit der Luftmatratze unbemerkt zu weit auf einen See hinaus, wegen einer Windböe kippt die Luftmatratze, das Kind landet im Wasser. Plötzlich muss es mit mehreren unerwarteten Faktoren umgehen: der erste Schreck, der plötzliche Temperaturunterschied, womöglich auch, dass es mit dem Kopf unter Wasser geraten ist. Und das Ufer ist plötzlich weiter weg als gedacht. „Um mit dieser Situation umgehen zu können, braucht das Kind Orientierungsfähigkeit und ausdauerndes Schwimmen“, erklärt David Kupke.

Für die DLRG gelten Kinder erst dann als sichere Schwimmer, wenn sie die Anforderungen für das Jugendschwimmabzeichen in Bronze erfüllen. Dafür müssen sie 200 Meter in 15 Minuten schwimmen, einen Gegenstand aus zwei Meter tiefem Wasser holen und aus einem Meter Höhe ins Wasser springen. Ob ein Kind ein guter oder schlechter, oder sogar ein Nichtschwimmer ist, das liegt zu einem großen Teil an den Eltern. Davon ist Sebastian Handrick von der Bildungsagentur überzeugt. „Die Unterstützung durch die Eltern ist äußerst wichtig.“, sagt er. Er rät zu privaten Besuchen in Hallen- und Freibädern. Bei manchen Kindern ist schon eine einfache Gewöhnung an Wasser hilfreich, das Untertauchen in der Badewanne zum beispiel oder das Überwinden der Angst vorm Duschen. Die sechsjährige Emma hat in drei Wochen Schuleintritt. Schon den ganzen Sommer über übt sie im Freibad für das Bronze-Abzeichen. Ihr Ehrgeiz ist groß, dass sie das in diesem Sommer noch schafft.

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 10 Kommentare

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  1. Sören

    Und wieder entledigt sich der Staat seines gesamtheitlichen Bildungsauftrages*). Meine Eltern konnten beide - kriegsbedingt - nicht schwimmen, trotzdem habe ich es gelernt und zwar in der bzw. über die Schule. Für schwimmtechnische Legastheniker, ich war einer von denen, gab es sogar Nachhilfe in den Winterferien und danach konnte man wirklich schwimmen und nicht nur wild um sich schlagen. Wie auch immer, die Schulen betrachte ich eh nur noch als Minderjährigenverwahranstalten, denen es völlig egal ist, ob der Schulabgänger nachher lebens- und berufsausbildungsfähig ist oder nicht und da gehört nachhaltiger Schwimmunterricht eindeutig zu den wegzulassenden Optionen hierzulande. (*) Recht fix ist der Staat allerdings mit dem Verhängen von Bußgeldern, sollte das schulpflichtige Kind öfter mal außer der Reihe Ferien machen oder sich die Eltern gar erdreisten, das eigene Kind zu Hause unterrichten zu wollen.)

  2. Torro

    Ist doch egal ob und wie man schwimmen kan! Für mich war das immer ein Spießersport. Die Schwimmlehrer/innen bei uns waren die ekelhaftesten DDR-Idioten.

  3. Mal ne Anmerkung

    @2 Torro -Schwimmen ein Spießersport?Was haben sie denn für eine Einstellung?Schwimmen gehört für mich wie lesen und schreiben zur Allgemeinbildung.Wer schwimmen kann lebt sicherer und kann wenn notwendig Leben retten!Aber was sie zu ihrer Haltung,auch zur "Bezeichnung Schwimmlehrer/innen waren ekelhaftesten DDR -Idioten" kommen lässt,ich habe da so einen Verdacht. Ihr "Beitrag" gehört in die Kategorie "nicht erwähnenswert und was hat der Mensch für ein Problem",mir sich selbst?

  4. schwimmer

    Meiner Auffassung nach haben die Eltern die Verantwortung ihren Kindern das Schwimmen beizubringen. Auch vielleicht mit einer Anmeldung beim Seepferdchen-Kurs. Das weitere Üben liegt auch in der Verantwortung der Eltern. Das bitte nicht auf die Schulen abwälzen, da gibt es schon genug andere Probleme.

  5. Joachim Herrmann

    So, So, die "DDR- Idioten" haben die Schüler gezwungen, Schwimmen zu lernen- na, sowas aber auch. "Damals" gab es auch noch die "Einheit" von Erziehung und Bildung- als eine Form staatlicher Übergrifflichkeit- ganz schlimm. Und, gesellschaftliche Erziehung und Bildung waren in einen Rahmen von kulturpolitischer und lebensführender Qualitäten eingebunden- das geht ja nun gar nicht. Heute kann Jeder und Alles machen, was es, sie und alle wollen. Die Ergebnisse dokumentieren das. Na, da werde ich wohl ganz schnell die "Hucke" voll bekommen- ewig Gestriger, nichts gelernt und dumm geblieben. Lieber so, als Einfalt und ohne Konsequenzen. Wer da meint, eine Gesellschaft braucht keine Regeln, keinen Schwimmunterricht und jedwede Freiheit gegenüber Allem und Jedem, der hat sich grundsätzlich aus Gesellschaften verabschiedet. Die Individualität von Menschen wird eben gerade dadurch qualifiziert, wie er/ sie sich gegenüber Gesellschaft veritabel zeigt. Dabei kann diese nur in Gemeinschaften....!

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