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Dienstag, 10.10.2017

Zurück ins Leben

Ute Hinz aus Dresden lag wochenlang auf der Intensivstation. Patienten bekommen dort viel mehr mit als gedacht.

Von Stephanie Wesely

Professorin Thea Koch (rechts), Direktorin der Klinik für Intensivmedizin Dresden, zeigt ihrer ehemaligen Patientin Ute Hinz, wie ihre Lunge einmal aussah. Rechts davon der heutige Zustand – eine fast gesunde Lunge.
Professorin Thea Koch (rechts), Direktorin der Klinik für Intensivmedizin Dresden, zeigt ihrer ehemaligen Patientin Ute Hinz, wie ihre Lunge einmal aussah. Rechts davon der heutige Zustand – eine fast gesunde Lunge.

© Ronald Bonss

Ute Hinz aus Dresden hat es lange für unmöglich gehalten: sie betritt die Intensivstation der Uniklinik wieder als gesunder Mensch. Das Geräusch der medizinischen Apparate weckt viele Erinnerungen. Das letzte Weihnachtsfest wird die 50-Jährige nie vergessen. Sie hatte Fieber, Gliederschmerzen und Schüttelfrost, dachte aber nur an eine Erkältung. „Mit ein paar Paracetamoltabletten bekomme ich das hin“, meinte sie. Ihr Sohn wollte Heilig-abend kommen, und es war viel zu tun. Irgendwie schaffte sie das alles, fühlte sich aber immer schlechter. „Das Fieber stieg und stieg. Als es bei 41 Grad lag, rief ich den Bereitschaftsdienst“, sagt ihr Lebensgefährte Thomas Knobloch. Doch auch die Ärztin gab ihr nur Fieberzäpfchen, denn die Infekte, die in der Zeit kursierten, gingen oft mit hohem Fieber einher.

Am ersten Feiertag wählte Thomas Knobloch dann den Notruf 112, denn das Fieber sank nicht, seine Frau wurde immer apathischer. Er hatte große Angst um sie. Die Dresdnerin litt an einer schweren Lungenentzündung, konnte kaum atmen und wurde immer wieder bewusstlos. Die Bakterien hatten sich über beide Lungenflügel ausgebreitet und drohten den ganzen Körper zu vergiften. Um das Organ zu schonen, wurde sie künstlich beatmet.

„Aus dem Blut und dem Bronchialsekret züchteten wir die Keime an und prüften, welche Antibiotika wirken“, sagt Professor Thea Koch, Direktorin der Klinik für Intensivmedizin am Uniklinikum Dresden. Zum Glück sei es kein multiresistenter Keim gewesen. „Diese Erreger sprechen kaum noch auf gängige Antibiotika an und machen uns zunehmend Sorgen“, so Koch. Viele Ärzte gingen immer noch zu unkritisch mit diesen Medikamenten um.

Fälle wie der von Ute Hinz beschäftigen die Dresdner Intensivstation zunehmend. Etwa ein Drittel aller Patienten würden wegen plötzlich auftretenden schweren Infektionen behandelt. Unsere Klinik hat sich auf die Behandlung von akutem Lungenversagen spezialisiert. „Wir haben dafür speziell ausgebildete Ärzte und Pfleger, reisen mit mobilen Beatmungsgeräten auch durch ganz Sachsen.“ Diese modernen Geräte reichern das Blut mit Sauerstoff an und entziehen ihm Kohlendioxid. Damit werde die Atmung praktisch nach außen verlagert und die Lunge kann sich erholen. Das ist oft die einzige Rettung.

Wegen der vielen Technik wird die Intensivmedizin oft als seelenlose Medizin angesehen, doch erhielten die Patienten hier sogar mehr Zuwendung als auf normalen Stationen, sagt Thea Koch. „Eine Intensivpflegekraft kümmert sich rund um die Uhr um einen, höchstens zwei Patienten.“

Forschungen der letzten Jahre belegen es eindeutig: Die Patienten bekommen sehr viel von ihrer Umgebung mit, auch wenn sie im Dämmerzustand oder bewusstlos sind, sagt Marco Reinhardt, Stationsleiter der Intensivstation. Deshalb sei es wichtig, viel mit dem Patienten zu sprechen, ihm Orientierung zu geben, auch wenn keine Reaktion erfolgt. „Wir sprechen die Patienten mit ihrem Namen an, stellen uns vor uns erklären ihm, was wir machen.“ Auch wo sich der Patient befindet, welche Tagesszeit es ist und warum er im Krankenhaus behandelt wird, würde immer wieder vermittelt. „Wichtig ist es, Ruhe auszustrahlen, egal wie hektisch der Tag ist“, sagt er. Angehörige könnten diese Re-Orientierungsphase fördern, indem sie die Lieblingsmusik oder Stimme des Haustiers aufnehmen und mitbringen. Auch vertraute Gerüche und Berührungen helfen bei der Rückkehr ins Leben.

Ute Hinz erinnert sich noch an die Worte des Pflegepersonals, trotz Bewusstlosigkeit. Sie habe auch immer auf das Klingeln gewartet und gehofft, dass ihr Mann sie besucht. Thomas Knobloch tat dies jeden Tag. „Ich habe in der Zeit nur funktioniert, Gefühle oder Gedanken drangen gar nicht bis in mein Innerstes vor“, erinnert er sich heute. Das sei sicher auch ein Schutzreflex gewesen. Denn es gab oft Rückschläge.

Um die Genesung zu fördern, müssen die Intensiv-Patienten bewegt werden. „Sogar beatmete Patienten werden dazu mit höchstem personellen Aufwand an den Bettrand gesetzt. Der Körper muss wieder in die richtige Position kommen“, sagt Marco Reinhardt. Physiotherapeuten bewegen selbst bewusstlose Patienten. Auch Hautpflege und Berührungen tun ihnen gut.

Fast fünf Wochen wurde Ute Hinz intensivmedizinisch versorgt bis es endlich aufwärts ging. Danach begann die dreimonatige Reha, wo sie alles neu erlernen musste. „Ich kann jetzt eigentlich alles wieder wie früher, habe keine Probleme beim Atmen und fühle mich gut.“ Seit ein paar Wochen geht sie auch wieder arbeiten. „Doch ich bin kürzer getreten. Ich arbeite nicht mehr voll, lebe intensiver, rege mich auch nicht mehr über Kleinigkeiten auf. Es kann ja so schnell vorbei sein.“ Und noch etwas hat sich in ihrem zweiten Leben verändert: Bei Infekten geht sie eher zum Arzt. Selbst herumdoktern und halb krank weiterarbeiten, das gibt es nicht mehr. „Dazu ist mir mein Leben zu kostbar.“

Ute Hinz und Chefärztin Professor Thea Koch sprechen morgen 18 Uhr auf dem Informationsabend „Zurück ins Leben“ über Erfahrungen und Grenzen der Intensivmedizin. Ort: Uniklinik Dresden, Haus 27, Zimmer 1158.

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