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Montag, 13.11.2017

Wie Eltern die Leselust wecken

Fast jedem dritten kleinen Kind wird nie oder selten vorgelesen. Das hat Folgen im Schulalter.

Von Ann-Kathrin Marr

Bei welchem Regelverstoß können Eltern eigentlich nur die Herzen aufgehen? Richtig, wenn ihre Kinder heimlich unter der Bettdecke lesen.
Bei welchem Regelverstoß können Eltern eigentlich nur die Herzen aufgehen? Richtig, wenn ihre Kinder heimlich unter der Bettdecke lesen.

© 123rf.com/andriy popov

Lesen eröffnet Kindern die Welt. Es zu lernen, ist aber ein hochkomplexer Vorgang, der Geduld erfordert und Mühe macht. „Leseanfänger müssen erst einmal die Verknüpfung von Laut und Buchstabe hinbekommen, dann die Laute zu einem Wort zusammensetzen“, sagt Stephanie Jentgens von der Akademie der Kulturellen Bildung in Remscheid. Und schließlich geht es darum, die Bedeutung des Wortes, des Satzes und des ganzen Textes zu erfassen. Deshalb dürften Eltern zwar erstaunt sein, wenn sich ihr Kind beim Lesen selbst mit scheinbar einfachen Texten abmüht. Ungeduldig werden sollten sie aber nicht.

Auch Klaus-Peter Mandalka erlebt immer wieder, wie wichtig Geduld ist, wenn man Kinder beim Lesenüben begleitet. Der 72-Jährige engagiert sich als ehrenamtlicher Leselernhelfer. Einmal in der Woche unterstützt er ein Grundschulkind auf dem Weg in die Welt der Buchstaben. „Lesen sollte nicht zum Zwang werden“, sagt er. Bei ihm dürfen die Kinder sich die Lektüre selber aussuchen – und zwischendurch auch mal abschalten und plaudern.

Es mit dem Lesenlernen ruhig angehen zu lassen, das empfiehlt auch Stephanie Jentgens. Niemand müsse schon im Kindergarten lesen können. Interessiert sich das Kind für Buchstaben, können die Eltern das unterstützen. Aber sie sollten nicht gezielt darauf hinarbeiten. „Das erzeugt nur unnötigen Druck“, sagt sie.

Im Vorschulalter ist etwas ganz anderes wichtig: vorlesen. In vielen Familien gehört das zum Alltag. Mehr als zwei Drittel der Eltern lesen ihrem Kind schon in den ersten drei Lebensjahren täglich oder zumindest mehrmals die Woche vor. Das zeigt eine aktuelle Studie der Stiftung Lesen. Das heißt aber auch: Rund 30 Prozent aller Kinder wird in den ersten Lebensjahren nie oder nur sehr selten vorgelesen. Dabei profitieren der Stiftung zufolge selbst Säuglinge vom Vorlesen. „Eltern können nicht früh genug damit anfangen“, betont Antje Neubauer aus dem Fachkuratorium Bildung der Deutschen-Bahn-Stiftung, die ebenfalls an der Studie beteiligt ist.

Der frühe Start führe Bildungsforschern zufolge später zu einer höheren Motivation, selbst zu lesen, auch im Verbund mit anderen Medien. Wenn Kinder das gern und häufig tun, fällt es ihnen leichter, Texte zu verstehen, bis hin zu Textaufgaben in Mathematik. Generell schult Vorlesen bei Kindern das Hörverständnis, fördert den Wortschatz und weckt die Lust an Literatur. Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, sind später besser in der Schule, und sie lesen selbst lieber und länger.

Nach wie vor sind es meist die Mütter, die ihren Kindern vorlesen. Weil auch in den Kindergärten und Grundschulen mehr Frauen als Männer arbeiten, könnte bei den Jungen der Eindruck entstehen, Lesen sei eher etwas für Mädchen. Christine Kranz von der Stiftung Lesen in Mainz fordert deshalb auch die Väter auf, sich zu engagieren. „Ein vorlesender Papa ist für einen kleinen Jungen ein wichtiges Rollenvorbild.“ Vorlesen bleibt auch dann noch wichtig, wenn das Kind schon selbst lesen kann. „Mindestens bis zum Ende der Grundschulzeit sollten Eltern auf diese Weise ihre Kinder unterstützen“, rät sie.

Sie empfiehlt, bei der Auswahl des Lesestoffs den Interessen des Kindes zu folgen, nicht umgekehrt. „Auch mit Sachbüchern für Erstleser oder Comics kann man Lesen lernen“, sagt Christine Kranz. Wichtig ist, darauf zu achten, ob das Leseniveau passt. Generell gilt: Für Lese-Anfänger eignen sich Bücher mit sehr großer Schrift, einfachen Wörtern, vielen Bildern und ohne Silbentrennung. Die Geschichte sollte sich auch aus den Illustrationen erschließen.

Auch mit einem kleinen Trick können Eltern ihr Kind zum Lesen verführen: Ein fesselndes Vorlesebuch mit kurzen Kapiteln auswählen und aufhören, wenn es am spannendsten ist. „Der Moment, wo das Kind selbst weiterliest, weil es unbedingt wissen will, wie es weitergeht, ist ganz kostbar“, sagt Stephanie Jentgens. Damit ist der Anfang zum heimlichen Schmökern unter der Bettdecke gemacht. (dpa)

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